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Mythos Nouvelle Vague – Wie das Kino in Frankreich neu erfunden wurde

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Kinostart: 01.01.2004

Bonne anniversaire, Nouvelle Vague

Dass die Nouvelle Vague in den letzten Jahren immer wieder ins Gespräch gekommen ist, liegt nicht allein an dem bevorstehenden 50. Geburtstag der Reformbewegung, die nicht nur in Frankreich vieles bewirkt hat. Auch in Deutschland fand die Reformbewegung mit dem Autorenfilm und dem Oberhausener Manifest ihren Niederschlag, ebenso in den USA - dort allerdings mit einiger Verzögerung, denn New Hollywood etablierte sich erst zehn Jahre später. Ein weiterer Grund für die ungebrochene Popularität der Nouvelle Vague liegt darin, dass der Begriff an sich zum Synonym für jegliche Form von cineastischer Erneuerungsbewegung geworden ist, sei es, um die Filmemacher der „Berliner Schule“ als "Nouvelle vague allemande" zu bezeichnen oder als Etikett für eine neue Generation von Filmemachern in Rumänien wie Cristian Mungiu, die prompt unter dem Label "Nouvelle vague roumaine" subsummiert werden. Je nach Lesart ist der genaue Beginn der Nouvelle Vague ganz unterschiedlich zeitlich eingeordnet worden, die Geburtsdaten schwanken allesamt zwischen den Jahren 1957 (erste Erwähnung des Begriffs in einer Jugendstudie), 1958 (Anwendung des Terminus auf das französische Kino) und 1959 (Auswahl der Filme von Truffaut, Resnais und Marcel Camus für den Wettbewerb von Cannes), ebenso unklar ist das Ende der Bewegung. Denn wirklich gestorben ist die Nouvelle Vague nie: Ihre Akteure etablierten sich, drehten weiter Filme und wurden zu den Hauptvertretern des französischen Films der kommenden Jahrzehnte – bis zum heutigen Tag.

Die Nouvelle Vague – das ist für Frisch zuallererst Jean Luc Godard, der laut Bekunden des Autors der Ausgangs- und Kulminationspunkt für die zugrunde liegende Doktorarbeit und das Buch war: "Am Beginn dieser Arbeit stand Jean-Luc Godard. Zuerst die Faszination für seine Filme, dann ein Staunen über sein eigenes Auftreten und über den Rummel um seine Person. Kaum ein anderer Filmemacher hat eine vergleichbare Stellung im Kino: hoch geachtet von der Filmkritik, als Vorbild bewundert von vielen Filmemachern und auch von der Philosophie, der Literatur und der Bildenden Kunst wird Godard als einer der Ihren angenommen. Sein Name wird in einer Reihe genannt mit Delacroix, Velazquez, Hegel, Kant, Platon, Spinoza, Hölderlin oder Bach […]", so der Autor im Vorwort zu seinem Buch. Doch natürlich ist Godard nur einer von vielen Regisseuren, allerdings zeigen sich in ihm die Positionen der Nouvelle Vague in extremer Zuspitzung.

Schlüssig und die verschiedenen filmwissenschaftlichen Positionen sorgsam gegeneinander abwägend unternimmt Simon Frisch eine Reise durch die Zeit der fünfziger und sechziger Jahre in Frankreich und untersucht ausgiebig die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen, die das Entstehen der Nouvelle Vague begünstigten. Im ersten Kapitel widmet sich der Autor den Ereignissen rund um Truffauts Triumph mit Sie küssten und sie schlugen ihn / Les 400 Coups bei den Filmfestspielen von Cannes, um sich im folgenden Teil des Buches jenem "Antagonismus" innerhalb des französischen Films zuzuwenden, gegen den die Filmkritiker der Cahiers du cinéma Mitte der Fünfziger aufzubegehren begannen. Sie bildeten später das Rückgrat der Bewegung und brachten eine neue Generation von Filmemachern hervor. Anschließend widmet sich das Buch der Filmkultur – der "Cinéphilie" – in Frankreich als Grundvoraussetzung für ein kritisches Bewusstsein, in dessen Folge sich die "politique des auteurs" überhaupt erst entwickeln konnte, der sich Frisch danach widmet. Im letzten Teil des Buches geht es um den Einzug des Filmkünstlers in die Filmpraxis, jenen Endpunkt des französischen Kinos, in dem Kritik und Praxis, kommerzieller Erfolg und künstlerischer Anspruch endgültig zu einem großen Ganzen verschmolzen. Allerdings, und genau darauf zielt Frischs Buch immer wieder ab, waren die Chronisten der Nouvelle Vague zugleich deren Hauptakteure, so dass vieles in der Entstehung jener revolutionären Bewegung heute mit anderem, kritischerem Blick zu sehen ist.

Man merkt dem Buch bisweilen seine Herkunft aus dem akademischen Bereich an; die Argumentation ist wasserdicht und durch zahlreiche Quellen abgesichert, was den Lesefluss aber nur selten stört. Insgesamt erfährt die Epoche eine Aufarbeitung, die filmhistorisch Interessierten zwar wenig wirklich Neues bietet, die dafür aber ein stimmiges und spannendes Bild der Neuerfindung des französischen Kinos bietet. Als Grundlagenwerk ist Mythos Nouvelle Vague bestens dazu geeignet, einen mehr als fundierten Blick auf einen der aufregendsten und folgenreichsten Abschnitte der Filmhistorie zu werfen und sich die Filme von Godard, Truffaut, Rivette und all den anderen noch einmal anzuschauen. Eine lohnende Lektüre ist dieses Buch also allemal.

(Joachim Kurz)

Daten & Fakten

Titel: Mythos Nouvelle Vague – Wie das Kino in Frankreich neu erfunden wurde
Autor: Simon Frisch
Erscheinungsort: Marburg
Erscheinungsdatum: 2007
Seiten: 320
Verlag: Schüren Verlag
ISBN: 978-3-89472-534-1

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