Kino der Irritation: Lars von Triers theologische und ästhetische Herausforderung
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Über Erlösungsphantasien und „weibliche Christusse“
Obgleich es in letzter Zeit vergleichsweise ruhig um Lars von Trier geworden ist, entdeckt die Filmwissenschaft in letzter Zeit das Werk des exzentrischen dänischen Regisseurs und widmet sich zunehmend ausführlich der intensiven Werkbetrachtung. Gut so. Dabei fällt auf, dass es vor allem die theologischen Aspekte des Schaffens von Lars von Trier sind, die sich eines großen Interesses erfreuen. So widmet sich das gerade erschienene Buch Dogville - Godville. Methodische Zugänge zu einem Film Lars von Triers von Stefan Orth/Michael Staiger/Joachim Valentin (Hg.) ausführlich dem Film Dogville und geht dabei immer wieder auch auf theologische Fragestellungen ein. Jedoch bilden die verschiedenen Interpretationsmodelle die gesamte Bandbreite der Filmtheorie und –analyse ab, so dass theologische Deutungsversuche nur als ein Ansatz unter vielen erscheinen.
Charles Martig, seines Zeichens Leiter des katholischen Mediendienstes der Schweiz und Filmbeauftragter der Katholischen Kirche der Schweiz, wählt hingegen einen anderen Weg des Zugangs und untersucht die formale Gestaltung der Filme und die ästhetischen Strategien des Regisseurs, um diese mit theologischen Fragestellungen zu verknüpfen. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das zwar einiges an theologischen Kenntnissen vermittelt und manchmal auch voraussetzt. Doch zugleich besteht kaum ein Zweifel daran, dass man nach der Lektüre von Martigs Buch die Filme des Dänen mit anderen Augen sehen wird. Denn selten wurden die Verfahren Lars von Triers und die Motivation, den Zuschauer immer wieder zu verwirren und in die Irre zu leiten, so luzide demaskiert wie in diesem Buch. Und das ist ohne Zweifel das große Verdienst dieser Arbeit.
Filmwissenschaftlich nähert sich Martig mittels des von David Bordwell und Kristin Thompson entwickelten neoformalistischen Ansatzes an Lars von Trier an und führt dabei höchst kenntnisreich und fundiert in eine der einflussreichsten Strömungen der modernen Filmtheorie ein. Anschließend untersucht Martig die verwendeten ästhetischen Verfahren Triers und beschreibt die eingebauten Verfremdungseffekte und die daraus resultierende Motivation, "die darauf abzielt, der alltäglichen Wahrnehmung ihre Plausibilität zu entziehen und das Verstehen zu erschweren. Demnach geht es Trier vor allem darum, [...] alle ästhetischen Verfahren auf die Irritation des Zuschauers auszurichten."
Im Anschluss beschreibt Martig den "iconic turn" der modernen Theologie, der sich als Herausforderung und Chance für die eher textzentrierte Theologie entwickeln könnte. Basierend auf Hans Beltings Entwurf einer Kulturgeschichte des Bildes, bei der Bildfragen stets mit Glaubensfragen verknüpft sind und Boris Groys’ Überlegungen zu einer modernen Theologie des Filmbildes geht Martig auf verschiedene Aspekte der theologischen Beschäftigung mit Film ein (explizit behandelt werden unter anderem Reinhold Zwick, John C. Lyden und Fritz Stolz) und findet in Gerhard Larchers Überlegungen den idealen Anknüpfungspunkt für den "bildtheologischen Dialog mit Triers Filmwerk".
Nach diesen ausführlichen theoretischen Vorarbeiten widmet sich das Buch dann den theologischen Reflexionen im Werk Lars von Triers und untersucht Topoi wie die weiblichen Christusgestalten und deren Passionsgeschichten, die transzendentale Anthropologie sowie die Opfer- und Gnadentheologie, die sich immer wieder in allen Filmen des Regisseurs als verbindendes Element ausmachen lassen.
Das Fazit des Buchs: Lars von Trier ist ein Apologet der Ungewissheit und Spurensucher: "Aus dem zersplitterten Text der Gesetzesreligion jüdisch-christlicher Prägung nimmt er Teilstücke auf, kombiniert sie neu und versucht eine Rekonstruktion des religiösen Textes im Kino." Und erst mit dem Minimalismus der U.S.A.-Trilogie, so Martig weiter, "hat der Däne zu seinem eigentlichen Thema gefunden. Die Auseinandersetzung mit dem Opferthema – ein eminent wichtiger Topos in der katholischen Tradition – hat sich mit einem ikonoklastischen Bildgestus vereint."
Martigs monographische Studie ist nicht immer einfach zu lesen und man merkt der Schrift den akademischen Hintergrund deutlich an. Zugleich aber liefert der Autor ein grundlegendes Werk zum Verständnis der Filme Lars von Triers, das wichtige Hinweise für die weitere Auseinandersetzung mit den umstrittenen Filmen des dänischen Regisseurs liefert.
Die beinahe parallele Veröffentlichung zweier Bücher, die Lars von Trier auch unter theologischen Gesichtspunkten betrachten, ist indes kein Zufall, sondern entspringt der Arbeit der internationalen Forschungsgruppe "Film und Theologie". Wenn die weiteren Arbeiten aus diesem Umfeld das gleiche Niveau in sich bergen, dann darf man sich davon noch einiges erhoffen - für die Theologie ebenso wie für die Filmwissenschaft.
(Joachim Kurz)
Charles Martig, seines Zeichens Leiter des katholischen Mediendienstes der Schweiz und Filmbeauftragter der Katholischen Kirche der Schweiz, wählt hingegen einen anderen Weg des Zugangs und untersucht die formale Gestaltung der Filme und die ästhetischen Strategien des Regisseurs, um diese mit theologischen Fragestellungen zu verknüpfen. Herausgekommen ist dabei ein Buch, das zwar einiges an theologischen Kenntnissen vermittelt und manchmal auch voraussetzt. Doch zugleich besteht kaum ein Zweifel daran, dass man nach der Lektüre von Martigs Buch die Filme des Dänen mit anderen Augen sehen wird. Denn selten wurden die Verfahren Lars von Triers und die Motivation, den Zuschauer immer wieder zu verwirren und in die Irre zu leiten, so luzide demaskiert wie in diesem Buch. Und das ist ohne Zweifel das große Verdienst dieser Arbeit.
Filmwissenschaftlich nähert sich Martig mittels des von David Bordwell und Kristin Thompson entwickelten neoformalistischen Ansatzes an Lars von Trier an und führt dabei höchst kenntnisreich und fundiert in eine der einflussreichsten Strömungen der modernen Filmtheorie ein. Anschließend untersucht Martig die verwendeten ästhetischen Verfahren Triers und beschreibt die eingebauten Verfremdungseffekte und die daraus resultierende Motivation, "die darauf abzielt, der alltäglichen Wahrnehmung ihre Plausibilität zu entziehen und das Verstehen zu erschweren. Demnach geht es Trier vor allem darum, [...] alle ästhetischen Verfahren auf die Irritation des Zuschauers auszurichten."
Im Anschluss beschreibt Martig den "iconic turn" der modernen Theologie, der sich als Herausforderung und Chance für die eher textzentrierte Theologie entwickeln könnte. Basierend auf Hans Beltings Entwurf einer Kulturgeschichte des Bildes, bei der Bildfragen stets mit Glaubensfragen verknüpft sind und Boris Groys’ Überlegungen zu einer modernen Theologie des Filmbildes geht Martig auf verschiedene Aspekte der theologischen Beschäftigung mit Film ein (explizit behandelt werden unter anderem Reinhold Zwick, John C. Lyden und Fritz Stolz) und findet in Gerhard Larchers Überlegungen den idealen Anknüpfungspunkt für den "bildtheologischen Dialog mit Triers Filmwerk".
Nach diesen ausführlichen theoretischen Vorarbeiten widmet sich das Buch dann den theologischen Reflexionen im Werk Lars von Triers und untersucht Topoi wie die weiblichen Christusgestalten und deren Passionsgeschichten, die transzendentale Anthropologie sowie die Opfer- und Gnadentheologie, die sich immer wieder in allen Filmen des Regisseurs als verbindendes Element ausmachen lassen.
Das Fazit des Buchs: Lars von Trier ist ein Apologet der Ungewissheit und Spurensucher: "Aus dem zersplitterten Text der Gesetzesreligion jüdisch-christlicher Prägung nimmt er Teilstücke auf, kombiniert sie neu und versucht eine Rekonstruktion des religiösen Textes im Kino." Und erst mit dem Minimalismus der U.S.A.-Trilogie, so Martig weiter, "hat der Däne zu seinem eigentlichen Thema gefunden. Die Auseinandersetzung mit dem Opferthema – ein eminent wichtiger Topos in der katholischen Tradition – hat sich mit einem ikonoklastischen Bildgestus vereint."
Martigs monographische Studie ist nicht immer einfach zu lesen und man merkt der Schrift den akademischen Hintergrund deutlich an. Zugleich aber liefert der Autor ein grundlegendes Werk zum Verständnis der Filme Lars von Triers, das wichtige Hinweise für die weitere Auseinandersetzung mit den umstrittenen Filmen des dänischen Regisseurs liefert.
Die beinahe parallele Veröffentlichung zweier Bücher, die Lars von Trier auch unter theologischen Gesichtspunkten betrachten, ist indes kein Zufall, sondern entspringt der Arbeit der internationalen Forschungsgruppe "Film und Theologie". Wenn die weiteren Arbeiten aus diesem Umfeld das gleiche Niveau in sich bergen, dann darf man sich davon noch einiges erhoffen - für die Theologie ebenso wie für die Filmwissenschaft.
(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Kino der Irritation: Lars von Triers theologische und ästhetische Herausforderung
Autor:
Charles Martig
Erscheinungsort:
Marburg
Erscheinungsdatum:
2008
Seiten:
160
Verlag:
Schüren Verlag
ISBN:
978-3-89472-532-7
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