Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt
Kinostart:
15.04.2005
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Wir glotzen uns zu Tode
In der nachindustriellen und globalisierten Dienstleistungsgesellschaft lösen sich die Arbeitsverhältnisse, die Familienverbände, die Werte und Normen immer schneller auf. Angesichts dessen, so der Saarbrücker Medienpsychologe Peter Winterhoff-Spurk in seinem Buch Kalte Herzen, "kann ein Mensch keine dauerhaften und intensiven emotionalen Beziehungen mehr zu seiner Region, seinem Wohnort, seinen Nachbarn, seinen Arbeitskollegen entwickeln, er ist [...] zwangsläufig und in jeder Hinsicht auf sich selbst verwiesen." Ein neuer Sozialcharakter bilde sich aus, der schon von Kindheit an mit Bindungsproblemen zu kämpfen habe. Zeit seines Lebens müsse er sich immer wieder neu verkaufen: an wechselnde Lebenspartner, Vorgesetzte, Kollegen, Freunde oder Kunden. "Überall nimmt ein neuer Leittypus Gestalt an", so der Autor, "seine Gefühlswelt ist gekennzeichnet durch andauerndes Verlangen nach Aufregung, Oberflächlichkeit und theatralischer Inszenierung, in der Gefühle lediglich dargestellt, aber nicht empfunden werden."
Der Trend gehe wie in Wilhelm Hauffs Märchen hin zum ‘kalten Herz’. Das Fernsehen sei ein Verstärker für gesellschaftliche Fehlentwicklungen wie diese. "Die Diesseitigkeitsreligion Fernsehen bietet Halt", so Winterhoff-Spurk. "Wenn also beispielsweise die Eltern, Verwandten oder Lehrer nicht mehr als Vorbilder taugen, bieten sich die Medienfiguren als parasozialer Ersatz an." Der Medienpsychologe nennt sie die "Fernsehfreunde" und die"Quasi-Freunde aus dem Fernsehen". Und so komme es, dass Kinder und Jugendliche ihre Vorbilder nicht wie früher im realen Umfeld suchten, sondern eben im Fernsehen. Das Fernsehen habe sich zum geheimen Erzieher entwickelt und gebe den bei innerer Kälte leicht durch Emotionen zu beeindruckenden Menschen das, wonach ihnen mit kaltem Herzen verlange: oberflächliche Ablenkung, eine Scheinwelt der Erfolgreichen und der Schönen, kurzlebige Spannung und fiktive Gefühle. So entstehe "ein politisch desinteressierter, gesellschaftlich nicht engagierter, an seinen Arbeitgeber emotional nicht gebundener, psychisch labiler, egoistischer, vor allem mit seiner Inszenierung beschäftigter und an Events interessierter Single" als Bürger der Zukunft. Weder die Familie, noch die Firma, noch die Nation als soziale Verbände interessierten diesen Menschen sonderlich. "Das kann einer Gesellschaft nicht gut tun, ihre Wir-Ich-Balance geht aus den Fugen."
(Stefan Otto)
Der Trend gehe wie in Wilhelm Hauffs Märchen hin zum ‘kalten Herz’. Das Fernsehen sei ein Verstärker für gesellschaftliche Fehlentwicklungen wie diese. "Die Diesseitigkeitsreligion Fernsehen bietet Halt", so Winterhoff-Spurk. "Wenn also beispielsweise die Eltern, Verwandten oder Lehrer nicht mehr als Vorbilder taugen, bieten sich die Medienfiguren als parasozialer Ersatz an." Der Medienpsychologe nennt sie die "Fernsehfreunde" und die"Quasi-Freunde aus dem Fernsehen". Und so komme es, dass Kinder und Jugendliche ihre Vorbilder nicht wie früher im realen Umfeld suchten, sondern eben im Fernsehen. Das Fernsehen habe sich zum geheimen Erzieher entwickelt und gebe den bei innerer Kälte leicht durch Emotionen zu beeindruckenden Menschen das, wonach ihnen mit kaltem Herzen verlange: oberflächliche Ablenkung, eine Scheinwelt der Erfolgreichen und der Schönen, kurzlebige Spannung und fiktive Gefühle. So entstehe "ein politisch desinteressierter, gesellschaftlich nicht engagierter, an seinen Arbeitgeber emotional nicht gebundener, psychisch labiler, egoistischer, vor allem mit seiner Inszenierung beschäftigter und an Events interessierter Single" als Bürger der Zukunft. Weder die Familie, noch die Firma, noch die Nation als soziale Verbände interessierten diesen Menschen sonderlich. "Das kann einer Gesellschaft nicht gut tun, ihre Wir-Ich-Balance geht aus den Fugen."
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Kalte Herzen. Wie das Fernsehen unseren Charakter formt
Autor:
Peter Winterhoff-Spurk
Erscheinungsort:
Stuttgart
Erscheinungsdatum:
2005
Seiten:
271
Verlag:
Klett-Cotta
ISBN:
3-608-94102-9
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