Auf der Suche nach dem Sinn des Todes
Der Tod ist die Antithese jeden Sinns, die katastrophale und niemals zu bändigende Krise, der sich jede Kultur und jeder Verstand verweigern muss, um sich überlebensfähig zu wähnen. Wohl deswegen trifft er als stillschweigend akzeptierter Popanz so oft auf eine weitere Imago, die das Leben rührend und tückisch zugleich in einen glücklichen Wahnsinn überführt: die Liebe. Nötigt das eine zum andachtsvollen Schweigen, können wir von dem anderen gar nicht genug erzählen, gleich so, als solle die Plapperei das Wissen um ihr unausweichliches Ende übertönen, wohingegen der Tod bereits in den Worten das ist, was er final bedeutet: ewige Abwesenheit. Keine Liebe dieser Welt kann sich beruhigt der Frage entziehen, wer oder welche ihrer Teilhaber zuerst den Schauplatz Leben an den Tod abtreten muss, und die Sinnstiftung, die dieser einzigen universalen Gewissheit ihren Schrecken endgültig nimmt, will noch erfunden werden. Die Vergänglichkeit des Sterbenden überträgt sich in die Einsamkeit der Hinterbliebenen und wie die Odyssee eines Zurückgelassenen in einer Realität, die sämtliche Zwänge zur Rationalität abgelegt hat, nun aussieht, davon erzählt dieser anrührende Hybrid aus Comic und Kinderbuch der beiden Debütanten und Absolventen der Film-Akademie Baden Württemberg Felix Mertikat und Benjamin Schreuder.
Der Tod erscheint hier nicht als Allegorie, als durch Physis in seinem Schrecken domestizierter Sensenmann, sondern kommt unvermittelt alltäglich daher: Zu Beginn hat der kleine Jakob das Ableben seiner Mutter schlicht und ergreifend verschlafen. Die Sargträger, denen er auf einem Feldweg folgt, reagieren auf seine Fragen, was denn nun aus ihr geworden sei und wo er sie finden könne, unwirsch und lakonisch: "Frag nur, frag, niemand weiß Antwort auf deine Fragen. Denn nur die Raben kennen den Weg, nur die Raben." Also begibt sich Jakob auf die Suche nach seiner Mutter durch eine surrealistische Welt, ein pervertiertes Wunderland, in dem Tiere sprechen können und die Bäche aus Milch sind. Aber trotz des Verzichts auf eine rationalistisch geerdete Logik bleibt diese Welt ein groteskes Zerrbild der Realität, ein Traum, den es darum immer zu dem drängt, was seine Bilder erst erzeugt, nämlich der Zwang zur Verdrängung. Seine Bewohner, gleichgültig ob Mensch oder Tier, sind allesamt beschädigte Charaktere, vereint in der stillen Hoffnung darauf, ihre Einsamkeit oder die Furcht vor dem Tod doch noch besiegen zu können: Eine überfürsorgliche Frau sieht in Jakob ihren toten Sohn Timmi und will ihn für immer bei sich behalten, und ein von seiner Isolation buchstäblich in die Knie gezwungener Junge hält sich für eine Schildkröte, weil er den Verlust seiner Eltern einzig auf diese Weise verkraften kann – schließlich ist es Sache der Natur, nicht des Herzens, dass Schildkröten ihre Eier ablegen, um die geschlüpften Neugeborenen allein auf sich gestellt zurückzulassen. Die Art und Weise, wie Jakob auf diese Welt reagiert, ist paradigmatisches Abbild zweier Methoden, der Akzeptanz des Todes aus dem Weg zu gehen: der kindliche Blick, der ihn nicht versteht, später dann der erwachsene Blick, der ihn nicht verstehen will.
Denn dass Jakob einen Weg des Elends beschreitet, ist ihm nicht bewusst, wohl aber den Lesern, die sukzessive bemerken müssen, dass diese Suche Jahre andauert, Jakobs Haut immer stärker altert, ohne dass ihn während dieser Entwicklung sein kindliches Gemüt verlassen sollte, mit dessen Hilfe er die beklagenswerten, entrückten Dispositionen seiner Wegbegleiter übersieht. Das Nicht-Verstehen reift zur Verdrängung, und so wird aus seiner Suche die Reise eines einsamen Charakters in den eigenen Tod, dem einzigen Ort, an dem das erhoffte Wiedersehen vielleicht noch möglich ist – das ähnelt in seiner stoischen, letztlich auch glücklosen Unbekümmertheit dem Roboter David aus Steven Spielbergs und Stanley Kubricks A.I.. Ebenso die Scharnierfunktion der jeweiligen Genre- bzw. Gattungsgrenzen: bei Spielberg / Kubrick drängt die Tragik die Märchenerzählung immer wieder auf den Boden einer Sci Fi-Dystopie, die letztlich auch immer von der unauflösbaren Paradoxie rationalisierter Liebeswelten erzählt; in Jakob zeugen das breite Format und der Wechsel der bleistiftgrundierten Aquarellzeichnungen von großformatigen Bildern zu streng begrenzten Panels vom Switchen der Bedeutungsebenen, gleich so, wie sie in Jakobs Alterungsprozess abgebildet sind: Was den jungen Lesern als Kinderbuch eine erste, zurückhaltende Konfrontation mit den Kehrseiten des glücklichen Lebens sein könnte, wird dem Erwachsenen als Comic zur drastischen Beschreibung dessen, mit welch leicht zu erschütternden Mitteln er sich seine von Rationalitätsirrsinn dominierte Welt erträglich imaginieren muss.
(Sven Jachmann)
Der Tod erscheint hier nicht als Allegorie, als durch Physis in seinem Schrecken domestizierter Sensenmann, sondern kommt unvermittelt alltäglich daher: Zu Beginn hat der kleine Jakob das Ableben seiner Mutter schlicht und ergreifend verschlafen. Die Sargträger, denen er auf einem Feldweg folgt, reagieren auf seine Fragen, was denn nun aus ihr geworden sei und wo er sie finden könne, unwirsch und lakonisch: "Frag nur, frag, niemand weiß Antwort auf deine Fragen. Denn nur die Raben kennen den Weg, nur die Raben." Also begibt sich Jakob auf die Suche nach seiner Mutter durch eine surrealistische Welt, ein pervertiertes Wunderland, in dem Tiere sprechen können und die Bäche aus Milch sind. Aber trotz des Verzichts auf eine rationalistisch geerdete Logik bleibt diese Welt ein groteskes Zerrbild der Realität, ein Traum, den es darum immer zu dem drängt, was seine Bilder erst erzeugt, nämlich der Zwang zur Verdrängung. Seine Bewohner, gleichgültig ob Mensch oder Tier, sind allesamt beschädigte Charaktere, vereint in der stillen Hoffnung darauf, ihre Einsamkeit oder die Furcht vor dem Tod doch noch besiegen zu können: Eine überfürsorgliche Frau sieht in Jakob ihren toten Sohn Timmi und will ihn für immer bei sich behalten, und ein von seiner Isolation buchstäblich in die Knie gezwungener Junge hält sich für eine Schildkröte, weil er den Verlust seiner Eltern einzig auf diese Weise verkraften kann – schließlich ist es Sache der Natur, nicht des Herzens, dass Schildkröten ihre Eier ablegen, um die geschlüpften Neugeborenen allein auf sich gestellt zurückzulassen. Die Art und Weise, wie Jakob auf diese Welt reagiert, ist paradigmatisches Abbild zweier Methoden, der Akzeptanz des Todes aus dem Weg zu gehen: der kindliche Blick, der ihn nicht versteht, später dann der erwachsene Blick, der ihn nicht verstehen will.
Denn dass Jakob einen Weg des Elends beschreitet, ist ihm nicht bewusst, wohl aber den Lesern, die sukzessive bemerken müssen, dass diese Suche Jahre andauert, Jakobs Haut immer stärker altert, ohne dass ihn während dieser Entwicklung sein kindliches Gemüt verlassen sollte, mit dessen Hilfe er die beklagenswerten, entrückten Dispositionen seiner Wegbegleiter übersieht. Das Nicht-Verstehen reift zur Verdrängung, und so wird aus seiner Suche die Reise eines einsamen Charakters in den eigenen Tod, dem einzigen Ort, an dem das erhoffte Wiedersehen vielleicht noch möglich ist – das ähnelt in seiner stoischen, letztlich auch glücklosen Unbekümmertheit dem Roboter David aus Steven Spielbergs und Stanley Kubricks A.I.. Ebenso die Scharnierfunktion der jeweiligen Genre- bzw. Gattungsgrenzen: bei Spielberg / Kubrick drängt die Tragik die Märchenerzählung immer wieder auf den Boden einer Sci Fi-Dystopie, die letztlich auch immer von der unauflösbaren Paradoxie rationalisierter Liebeswelten erzählt; in Jakob zeugen das breite Format und der Wechsel der bleistiftgrundierten Aquarellzeichnungen von großformatigen Bildern zu streng begrenzten Panels vom Switchen der Bedeutungsebenen, gleich so, wie sie in Jakobs Alterungsprozess abgebildet sind: Was den jungen Lesern als Kinderbuch eine erste, zurückhaltende Konfrontation mit den Kehrseiten des glücklichen Lebens sein könnte, wird dem Erwachsenen als Comic zur drastischen Beschreibung dessen, mit welch leicht zu erschütternden Mitteln er sich seine von Rationalitätsirrsinn dominierte Welt erträglich imaginieren muss.
(Sven Jachmann)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Jakob
Erscheinungsort:
Ludwigsburg
Erscheinungsdatum:
2010
Seiten:
64
Verlag:
Cross Cult
ISBN:
978-3-941248-82-3
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Bleischwester am: 22.06.10
Schöne Rezension, Lob an den Autor. Ich habe die Geschichte selbst gelesen und hatte einige Details ähnlich gedeutet. In dieser Rezi aber werden neue Ansichten offengelegt, dir mir bisher so noch nicht klar wurden. Also auch noch mal ein Lob an den Rezensenten, an die Autoren sowieso!
Bitte mehr von beidem!
Von: Achont am: 22.06.10
Klingt wirklich nach mehr Tiefgang, als die meisten Comics die man mit dem Medium Comic assoziiert. Hier wird man als Leser in seiner intellektuellen Eigenschaft auch respektiert und für voll genommen. Danke für diese Comicperle!





