Vom Sterben erzählen
Mit seiner zornigen Antibiografie Dreckskerl (Gnój) wurde der polnische Romancier Wojciech Kuczok im vergangenen Jahr deutschen Lesern bekannt. Darin erzählt der 1972 in Chorzów geborene Autor in teils drastischer Sprache von einer geschundenen Kindheit in Oberschlesien. Die Familie als alptraumhafter Hort kindlicher Leiden reflektiert dabei zugleich ein negatives Gesellschafts- und Menschenbild. Es scheint daher nur konsequent, dass Kuczok, der im Zweitberuf als Filmkritiker und Drehbuchautor arbeitet, auch im Kino nach extremen Erfahrungen und inakzeptablen, schwer zu ertragenden Bildern sucht, die den dargestellten Schmerz auf den Zuschauer übertragen. Seine jüngst veröffentlichte Essaysammlung trägt jedenfalls den Titel Höllisches Kino (To piekielne kino). Auf ihren ersten Seiten wird die Hölle als abgeschlossener Ort ohne Fluchtmöglichkeit und Hoffnung beschrieben. Ihr infernalisches Wesen verschließe sich aber auch dem ästhetischen Genuss: "Sie anzuschauen ist undenkbar; sie zu betrachten unmöglich."
Trotzdem gibt es natürlich Filme, die sich diesem Bilderverbot widersetzen und jenseits gängiger Moralvorschriften mit extremen Gewaltdarstellungen und sexuellen Tabubrüchen ein diesseitiges Abbild der Hölle entwerfen. Im zeitgenössischen Filmschaffen gilt dies etwa für Gaspar Noés Irreversibel, der seine Negativbilder durch eine Inversion der Form verstärkt oder für Ulrich Seidls Hundstage, der Sexualität als "Qual, Strafe, Buße, sogar Totengebet" beschreibt. Ohne sich um inhaltliche und analytische Voraussetzungen seines Ansatzes zu kümmern, geht es Kuczok in seinen mehr assoziativ voranschreitenden Interpretationen um die künstlerische Rehabilitierung der "verfluchten Werke der Filmgeschichte". Deren prominentester Zeuge ist natürlich Pier Paolo Pasolinis Salò oder die 120 Tage von Sodom. Für Kuczok ein Film, dessen "höllische Dichte" sich in einer "allgegenwärtigen" Symmetrie zeige.
Auf die Berühmtheit seines skandalumwitterten Schöpfers spekuliert auch der Suhrkamp Verlag, weshalb der Untertitel zu Kuczoks insgesamt fünfzehn Aufsätzen "Über Pasolini und andere" lautet. Diese Angabe ist jedoch irreführend; denn Kuczoks zentrales Anliegen bildet die Auseinandersetzung mit dem Tod und seine Darstellung im zeitgenössischen Kino. Dessen "thanatologische Antipädagogik", die den Tod zum "spaßigen Ornament" verdingliche und damit konsumierbar mache, diene vor allem der "kollektiven Hypnose" und dem Vergessen der Todesangst. Gemeint ist hier mit kulturkritischer Stoßrichtung und teils bitterer Ironie vor allem der "penetrante Hedonismus" des populären Mainstreamkinos. Dagegen setzt Kuczok die ebenso einfühlsame wie aufschlussreiche Interpretation von Filmen, die den Prozess des Sterbens als individuelles Drama darstellen. Vor allem in den Arbeiten seines Landsmannes Krzysztof Zanussi findet der Kritiker in diesem Sinne die Unbegreiflichkeit des Todes, die leidvollen Stadien der Agonie, Angst und Trostlosigkeit, aber auch die Auseinandersetzung mit Sinn- und Glaubensfragen behandelt. Schließlich könne das Kino seinen eigenen Tod nur aufhalten, so ist Wojciech Kuczok überzeugt, indem es ernsthaft vom Sterben erzähle und seinen Kunstcharakter damit legitimiere.
(Wolfgang Nierlin)
Trotzdem gibt es natürlich Filme, die sich diesem Bilderverbot widersetzen und jenseits gängiger Moralvorschriften mit extremen Gewaltdarstellungen und sexuellen Tabubrüchen ein diesseitiges Abbild der Hölle entwerfen. Im zeitgenössischen Filmschaffen gilt dies etwa für Gaspar Noés Irreversibel, der seine Negativbilder durch eine Inversion der Form verstärkt oder für Ulrich Seidls Hundstage, der Sexualität als "Qual, Strafe, Buße, sogar Totengebet" beschreibt. Ohne sich um inhaltliche und analytische Voraussetzungen seines Ansatzes zu kümmern, geht es Kuczok in seinen mehr assoziativ voranschreitenden Interpretationen um die künstlerische Rehabilitierung der "verfluchten Werke der Filmgeschichte". Deren prominentester Zeuge ist natürlich Pier Paolo Pasolinis Salò oder die 120 Tage von Sodom. Für Kuczok ein Film, dessen "höllische Dichte" sich in einer "allgegenwärtigen" Symmetrie zeige.
Auf die Berühmtheit seines skandalumwitterten Schöpfers spekuliert auch der Suhrkamp Verlag, weshalb der Untertitel zu Kuczoks insgesamt fünfzehn Aufsätzen "Über Pasolini und andere" lautet. Diese Angabe ist jedoch irreführend; denn Kuczoks zentrales Anliegen bildet die Auseinandersetzung mit dem Tod und seine Darstellung im zeitgenössischen Kino. Dessen "thanatologische Antipädagogik", die den Tod zum "spaßigen Ornament" verdingliche und damit konsumierbar mache, diene vor allem der "kollektiven Hypnose" und dem Vergessen der Todesangst. Gemeint ist hier mit kulturkritischer Stoßrichtung und teils bitterer Ironie vor allem der "penetrante Hedonismus" des populären Mainstreamkinos. Dagegen setzt Kuczok die ebenso einfühlsame wie aufschlussreiche Interpretation von Filmen, die den Prozess des Sterbens als individuelles Drama darstellen. Vor allem in den Arbeiten seines Landsmannes Krzysztof Zanussi findet der Kritiker in diesem Sinne die Unbegreiflichkeit des Todes, die leidvollen Stadien der Agonie, Angst und Trostlosigkeit, aber auch die Auseinandersetzung mit Sinn- und Glaubensfragen behandelt. Schließlich könne das Kino seinen eigenen Tod nur aufhalten, so ist Wojciech Kuczok überzeugt, indem es ernsthaft vom Sterben erzähle und seinen Kunstcharakter damit legitimiere.
(Wolfgang Nierlin)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Höllisches Kino
Autor:
Wojciech Kuczok
Erscheinungsort:
Frankfurt am Main
Erscheinungsdatum:
2008
Seiten:
138
Verlag:
Suhrkamp
ISBN:
978-3518125427
BEWERTUNG
Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.
MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Buch (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)





