In 140 Filmen durch ein Jahrzehnt oder: Schwanengesänge
Dass den einen oder anderen Leser dieses gewichtige Buch mit einiger Wehmut erfüllen dürfte, hat vor allem zwei Gründe: Zum einen zeigt sich beim Durchblättern durch den im gewohnten Stil gestalteten, 864 Seiten starken Wälzer, wie schnell die letzte Dekade vergangen ist. Zum zweiten aber geht damit vorerst eine Buchreihe zu Ende, die 2002 mit Die Filme der 90er begann und die vor vier Jahren mit Die Filme der 20er (die aber in Wirklichkeit bis ins Jahr 1895 zurückreichten) ihren vorläufigen Schlusspunkt erreicht.
Nun, mit Die Filme der 2000er wird klar, dass man auf den nächsten Band rund zehn Jahre wird warten müssen – oder etwa noch länger? Wird es diesen Band vielleicht niemals geben? Liest man jedenfalls das Vorwort, könnte man das fast befürchten: "Es spricht jedenfalls vieles dafür, dass die erste Dekade des 21. Jahrhunderts das letzte Jahrzehnt sein wird, in dem das Kino als Massenmedium in seiner altbekannten Form Bestand haben wird", schreibt der Herausgeber Jürgen Müller gemeinsam mit Jörn Hetebrügge da und zieht die Schlusseinstellung aus No Country for Old Men als Metapher für das Ende des Kinos, wie wir es kennen, heran: "Die Einstellung vermittelt uns dabei eine Vorstellung von der Weite, der die Ahnung von einem Abschied, einem Ende des alten Kinos innewohnt. Diese Endlichkeit ist schwer zu ertragen."
Ob die düstere Prognose tatsächlich in dieser Form eintritt, ist ebenso ungewiss wie das Haltbarkeits- bzw. Verfallsdatum der Filmauswahl. Zwar befinden sich auf den ersten Blick und bei der schnellen Lektüre viele Filme dabei, die man in solch einem Kompendium annehmen durfte. Insgesamt aber fallen die schiere Übermacht des amerikanischen Kinos und der eine oder andere Fehlgriff beim Arthouse-Kino europäischer Prägung dann doch auf. Wie beispielsweise Julian Schnabels eher misslungener Film Miral etwa auf die Liste gelangen konnte und warum andererseits Das Meer in mir / Mar adentro oder andere Arthouse-Hits fehlen, ist nicht immer nachvollziehbar.
Abgesehen von der Filmauswahl weiß der Leser, der sich für dieses Buch entscheidet, sowieso bereits, was ihn erwartet: Die Vorstellungen der Filme bieten wie bereits bei den vorherigen Bänden eine gelungene und gut lesbare Mischung aus Beschreibung, Kritik und Einordnung in einen eher filmhistorischen Rahmen. Ergänzt durch Zitate und sorgfältig ausgewähltes Bildmaterial erreichen beinahe alle Filmbeschreibungen die bislang hohen textlichen und ästhetischen Standards der Reihe und machen so Lust auf die eine oder andere Wiederbegegnung oder Neuentdeckungen von Filmen, die man bislang vielleicht verpasst hat. Ergänzt werden die Filme von einem sauber gegliederten und gut recherchierten Anhang mit Film-, Autoren- und Gesamtregister sowie der Übersicht über die Academy Awards zwischen 2002 und 2011.
Einiges fällt dann bei der Durchsicht des Buches doch auf, was in den vorherigen Jahrzehnten nicht so sehr ins Gewicht fiel. Zum einen spiegelt sich der unaufhaltsame Siegeszug des Dokumentarfilms gerade im Kinobereich(vor allem jenem, der sich fiktionaler Erzählmuster bediente wie Die Reise der Pinguine oder Man on Wire), der in den 2000er Jahren einen neuen Höhepunkt erreichte, in diesem Buch in keiner Weise wieder – im Gegenteil. Einzig und allein Michael Moores für den Dokumentarfilm nicht gerade prototypischer Bowling for Columbine steht für einen gerade im vergangenen Jahrzehnt enorm wichtigen Bereich des Kinos. Und zum zweiten fehlen die Horrorfilme härterer Gangart, die in den letzten Jahren zu einer neuen Blüte gelangten, ebenso wie Kinematographien ganzer Regionen. Kaum ein Wort über das enorme Interesse am Bollywood-Kino, wenig bis gar nichts über Filme aus Afrika.
Fazit: Mit kleinen Abstrichen bei der Filmauswahl bietet Die Filme der 2000er vor allem für "Otto Normalkinogeher" einen gelungenen Einblick in ein Kinojahrzehnt, das jetzt schon Geschichte ist und das hoffentlich dennoch nicht das Ende der Kinogeschichte markiert. Auch wenn derzeit vieles dafür spricht.
(Joachim Kurz)
Nun, mit Die Filme der 2000er wird klar, dass man auf den nächsten Band rund zehn Jahre wird warten müssen – oder etwa noch länger? Wird es diesen Band vielleicht niemals geben? Liest man jedenfalls das Vorwort, könnte man das fast befürchten: "Es spricht jedenfalls vieles dafür, dass die erste Dekade des 21. Jahrhunderts das letzte Jahrzehnt sein wird, in dem das Kino als Massenmedium in seiner altbekannten Form Bestand haben wird", schreibt der Herausgeber Jürgen Müller gemeinsam mit Jörn Hetebrügge da und zieht die Schlusseinstellung aus No Country for Old Men als Metapher für das Ende des Kinos, wie wir es kennen, heran: "Die Einstellung vermittelt uns dabei eine Vorstellung von der Weite, der die Ahnung von einem Abschied, einem Ende des alten Kinos innewohnt. Diese Endlichkeit ist schwer zu ertragen."
Ob die düstere Prognose tatsächlich in dieser Form eintritt, ist ebenso ungewiss wie das Haltbarkeits- bzw. Verfallsdatum der Filmauswahl. Zwar befinden sich auf den ersten Blick und bei der schnellen Lektüre viele Filme dabei, die man in solch einem Kompendium annehmen durfte. Insgesamt aber fallen die schiere Übermacht des amerikanischen Kinos und der eine oder andere Fehlgriff beim Arthouse-Kino europäischer Prägung dann doch auf. Wie beispielsweise Julian Schnabels eher misslungener Film Miral etwa auf die Liste gelangen konnte und warum andererseits Das Meer in mir / Mar adentro oder andere Arthouse-Hits fehlen, ist nicht immer nachvollziehbar.
Abgesehen von der Filmauswahl weiß der Leser, der sich für dieses Buch entscheidet, sowieso bereits, was ihn erwartet: Die Vorstellungen der Filme bieten wie bereits bei den vorherigen Bänden eine gelungene und gut lesbare Mischung aus Beschreibung, Kritik und Einordnung in einen eher filmhistorischen Rahmen. Ergänzt durch Zitate und sorgfältig ausgewähltes Bildmaterial erreichen beinahe alle Filmbeschreibungen die bislang hohen textlichen und ästhetischen Standards der Reihe und machen so Lust auf die eine oder andere Wiederbegegnung oder Neuentdeckungen von Filmen, die man bislang vielleicht verpasst hat. Ergänzt werden die Filme von einem sauber gegliederten und gut recherchierten Anhang mit Film-, Autoren- und Gesamtregister sowie der Übersicht über die Academy Awards zwischen 2002 und 2011.
Einiges fällt dann bei der Durchsicht des Buches doch auf, was in den vorherigen Jahrzehnten nicht so sehr ins Gewicht fiel. Zum einen spiegelt sich der unaufhaltsame Siegeszug des Dokumentarfilms gerade im Kinobereich(vor allem jenem, der sich fiktionaler Erzählmuster bediente wie Die Reise der Pinguine oder Man on Wire), der in den 2000er Jahren einen neuen Höhepunkt erreichte, in diesem Buch in keiner Weise wieder – im Gegenteil. Einzig und allein Michael Moores für den Dokumentarfilm nicht gerade prototypischer Bowling for Columbine steht für einen gerade im vergangenen Jahrzehnt enorm wichtigen Bereich des Kinos. Und zum zweiten fehlen die Horrorfilme härterer Gangart, die in den letzten Jahren zu einer neuen Blüte gelangten, ebenso wie Kinematographien ganzer Regionen. Kaum ein Wort über das enorme Interesse am Bollywood-Kino, wenig bis gar nichts über Filme aus Afrika.
Fazit: Mit kleinen Abstrichen bei der Filmauswahl bietet Die Filme der 2000er vor allem für "Otto Normalkinogeher" einen gelungenen Einblick in ein Kinojahrzehnt, das jetzt schon Geschichte ist und das hoffentlich dennoch nicht das Ende der Kinogeschichte markiert. Auch wenn derzeit vieles dafür spricht.
(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Filme der 2000er
Autor:
Jürgen Müller (Hg.)
Erscheinungsort:
Köln
Erscheinungsdatum:
2011
Seiten:
864
Verlag:
Taschen
ISBN:
978-3-8365-0196-5
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