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Film und Kunst nach dem Kino

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Wie kommt dem Film das Kino abhanden?

16,5 Zeilen lang ist die These des Buches. Da sollte man sich den Satz ruhig einmal genauer ansehen und vielleicht auch zweimal lesen. Oder umformulieren: Der mentale Raum, so Lars Henrik Gass' Definition von Kino, solle im Folgenden der Kritik unterzogen werde. Hier werden auch gesellschaftliche, ökonomische, architektonische und technische Bedingungen und Formatierungen miteinbezogen, wenn sie die Wahrnehmung des Publikums strukturieren und auf diese Weise bestimmen, wie der Zuschauer Film wahrnimmt. Anhand dreier Punkte möchte er seine Überlegungen veranschaulichen: Einmal mittels Filmbeispielen, dann durch historische Erscheinungsformen von Film (Experimentalfilm, Found Footage, Musikvideo...) und drittens durch einen Blick auf die institutionelle Logik (z.B. der Kunstbetrieb).

Gass – seit 1997 auch Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen – hat das Buch in fünf Kapitel gegliedert:
1. Film unter ökonomischem Diktat,
2. Filmfestivals und wie Filme dort gezeigt und gesehen werden: diese sind laut Autor am Besten, wenn sie wie eine Buchhandlung seien, in der man am Ende etwas kauft, das man gar nicht gesucht hat,
3. Avantgardefilm vs. Experimentalfilm,
4. der Niedergang traditioneller Abspielflächen: z. B. Kunstausstellungen, in denen das Objekt und nicht der Film das Ereignis darstellt. Film ist hier kein Medium mehr. Gass spricht kritisch über die Filmförderung und -wirtschaft, bedauert die häufig angenommene Unvereinbarkeit von Film und Kunst: "Wer Film sagt, kann Kunst nicht meinen; zu groß sind die Berührungsängste, immer noch" und führt dies auf die Dauer des Films zurück, die der Kunst suspekt sei. Das Ergebnis sei die Musealisierung von Film,
5. Film und Musik: Gass stellt die These auf, dass die "sogenannte Clip-Ästhetik den Verfahren des Films abgeschaut (sei), nicht umgekehrt" und die "Visualität der Musik Gegenstand der künstlerischen Auseinandersetzung und Identität" wurde. Er bespricht das Musikvideo, seine musikalischen Auswertungsperspektiven und die Verlagerung des Clips ins heimische Kino, auf das Fernsehgerät, wo der Film nur nebenbei konsumiert wird.

Das Buch beruht auf diversen unveröffentlichten und publizierten Texten von Gass, die – so betont er – immer zeit- oder veranstaltungsbezogenen Intentionen folgten. So lassen sich die Thesen nicht einfach generalisieren, sondern bieten sich als einzelne Denkanstöße und Ideengeber an. Im Fazit lässt Gass den österreichischen Filmkritiker und Leiter des Österreichischen Filmmuseums in Wien Alexander Horwath zu Wort kommen, der von der Möglichkeit spricht, dass "jetzt, wo der Film aus dem industriellen Verwertungszusammenhang des Kinos heraustritt, wo das Kino obsolet wird, wir möglicherweise allmählich auch das ganze Kino wahrnehmen können, gleichsam unverstellt, also alle Filme nebeneinander, unabhängig vom Kontext ihrer Entstehung, Aufführung, Auswertung und Interpretation, in ihrer ganzen Ambivalenz, als Ware und Kunst". Das Buch – so bleibt es nach dem Lesen im Gedächtnis – handelt also weniger vom Niedergang des Kinos als gesellschaftlicher Wahrnehmungsform, als von einem emphatischen Aufruf und der Möglichkeit, neu zu schauen und anders wahrzunehmen.

Es ist ein unheimlich spannendes – wenn auch ab und zu kompliziert formuliertes – Buch, es regt zu Gedankenexperimenten an und macht Spaß – immer wieder ertappt man sich dabei, mit dem Autor ins mentale Zwiegespräch zu geraten. Die Essaystruktur lässt viele Freiheiten zu und so darf man die Auseinandersetzung des Autors mit dem mentalen Raum Kino getrost als sprichwörtliches "essai" oder Versuch genießen, mit- und weiterdenken. Der Leser muss sich relativ gut auskennen in der Filmgeschichte und auch für den Kunstbetrieb wird einiges Wissen vorausgesetzt, so dass dieses kleine Büchlein nicht jeden Leser einzuvernehmen mag – einige werden sich an dem Name- und Filmtiteldropping eher stören. Hier hätten Text- und Zitatnachweise, auf die "der besseren Lesbarkeit wegen" verzichtet wurde, abhelfen können. Aber Gass muss sich nun einmal mit genau diesen Inhalten und Personen und Werken beschäftigen, damit solche vorliegenden Texte entstehen können. Vor allem aber darf der Leser und die Leserin hoffen, dass auch in der Filmkritik mehr derartige Denkanstöße und mentale Experimente verfasst, diskutiert und vor allem auch gelesen werden.

(Jennifer Borrmann)

Daten & Fakten

Titel: Film und Kunst nach dem Kino
Autor: Lars Henrik Gass
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsdatum: 2012
Seiten: 136
Verlag: Philo Fine Arts
ISBN: 978-3-86572-684-1

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