Falltür ins Paradies

Kinostart: 23.05.2005
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Öffnet die Tore für das Kino im Kopf

„Seit meinen Kindheitstagen vor dem Radio weiß ich: Das beste Kino ist das im Kopf“, verriet Ridley Scott kürzlich in einem Interview mit der Zeit. Sollte Ridley Scott – nachdem sein aktueller Kinofilm Königreich der Himmel erfolgreich die Kinocharts stürmt – auf der Suche nach einem amüsanten Zeitvertreib sein, dann sei ihm Ethan Coens Falltür ins Paradies ans Herz gelegt. Dort findet er genau das: Kino im Kopf. Es handelt sich nicht um den neuesten Streifen der Coen-Brüder, sondern vielmehr um das erste Buch des Drehbuchautors und Filmproduzenten. Nachdem Ethan Coen seine Kurzgeschichten in den USA hin und wieder in der Vanity Fair und auch im Playboy veröffentlichte, wurde mit Falltür zum Paradies zum aller ersten Mal ein ganzes Band voller Kurzgeschichten herausgebracht. In den USA erschien das Buch in der Originalausgabe bereits 1998 unter dem Titel Garden of Eden. Bei Kein & Aber erscheint nun eine Neuausgabe in einer sehr guten Übersetzung von Detlev Ullrich.

Kaum hat man die Falltür ins Paradies geöffnet, so stürzt man auch schon kopfüber in eine düstere, skurrile und doch sehr amüsante Welt. Die Welt des Ethan Coen, die von der New York Times so treffend als „Coen-Brothers-Land“ bezeichnet wurde. Seite für Seite spielen sich vor dem inneren Auge Szenen ab, die so auch einem der Coen-Filme entstammen könnten. Da gibt es beispielsweise den unsympathischen und geschwätzigen Musikproduzenten aus Kennen Sie Electric Ladyland?, der nach einem Verbrechen, das ein Unbekannter an seinem Hund beging, dem ermittelnden Polizisten die Ohren voll plaudert. Er philosophiert geschwätzig über sein Leben „Weil, wenn man, wie ich, einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hat, die Zeitungen über einen schreiben, dann… na ja, ich muss Ihnen ja nicht erzählen, dass es jede Menge Verrückte gibt.“ lästert über Freund und Feind „…genau, ganz oben auf Ihrer Liste der Verdächtigen. Wieso? Na wieso wohl? Hass – aus persönlichen Gründen. Also ich will Cynthia ja nicht schlecht machen – ich liebe Cynthia. Zwischen uns gibt es Dinge, aber sie ist einfach eine elende Schlampe.“ und erklärt dem sprachlosen Ermittler ganz nebenbei das Musikbusiness:„Sie müssen das verstehen, die Jungs, sie gehen nach L.A., sie kommen groß raus – und plötzlich gibt es keine Regeln mehr. […] Nicht für die Stars. Es geht ruckzuck und sie drehen ab.“

In Bestimmung erhält der Leser einen kurzen Einblick in das abgehalfterte Leben eines namenlosen Icherzählers, der sich vollkommen talentfrei als Boxer versucht. Kampf um Kampf geht er bereits in der ersten Runde k.o. zu Boden. Dass er sich zu allem Überfluss jenseits des Rings in noch weit größere Schwierigkeiten manövriert, gehört zum System von Coens Universum. Wie in seinen Filmen hat Coen auch literarisch einen Hang für diese fast schon liebenswerten Antihelden, die es immer wieder schaffen sich aus vermeintlicher Cleverness selbst in Schwierigkeiten zu manövrieren. Seine Helden findet Coen häufig in irgendwelchen Hinterhöfen, Spelunken oder auch gerne mal in der Unterwelt. Sie alle sind zwielichtige, gebrochene oder zumindest ziemlich verkorkste Zeitgenossen – egal ob es sich um einen hyperaktiven Jungen handelt, der Lehrer und Schüler einer jüdischen Schule gleichermaßen in Atem hält oder um einen Ganoven, der versucht in Minneapolis die Mafia zu etablieren. Dass er dabei bereits bei der Rekrutierung von geeignetem Personal scheitert ist nur der erste Schritt in die unabwendbare Misere, die ihre Hauptursache in der Tatsache begründet sieht, dass das System Mafia nur in Kombination mit Angst und Schrecken funktioniert. Doch was, wenn die Mitarbeiter diesen nicht glaubwürdig verbreiten können: „Der Rothaarige stand ein Stück vor dem brünetten, trat von einem Fuß auf den anderen, hielt zunächst die Augen gesenkt und zwang sich schließlich, Esperanza in die Augen zu sehen. […] »Joe de Louie wartet nicht gerne«, sagte er. Der dunkle Mann beugte sich zu ihm und sagte leise: »Beschimpf ihn.« »…Wichser«, sagte der rothaarige und schlug die Augen nieder.“

Mit wenigen Worten schafft Coen Atmosphäre, lässt Räume entstehen, die man fast schon zu riechen, schmecken und fühlen glaubt. Jedes Wort sitzt, messerscharf und auf den Punkt, als sei es eine Anmerkung in einem Filmskript. Wahrscheinlich macht genau das die Faszination von Falltür ins Paradies aus: Jede Figur wirkt, als sei sie geradewegs einem Coen-Film entsprungen. Jede Story hat das Zeug, als Vorlage für den nächsten Coen-Streifen zu dienen. Und genau aus diesem Grund werden die Fans der Coen-Klassiker wie Big Lebowski, Fargo, Barton Fink oder auch Oh Brother where art thou? diese Kurzgeschichtensammlung lieben. Denn dank Ethan Coens außergewöhnlichem Gespür für Sprache öffnet er von der ersten Seite an ganz weit die Tore für das Kino im Kopf.

(Jasmin Haery)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Falltür ins Paradies
Autor: Ethan Coen
Erscheinungsort: Zürich
Erscheinungsdatum: 2005
Seiten: 254
Verlag: Kein & Aber Verlag
ISBN: 3-906547-27-2

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