1000 Phönixe
Es ist ungewöhnlich, vielleicht auch ein Präzedenzfall: Ein ganzes Buch über eine Filmzeitschrift. Dass es die Cahiers du Cinéma sind, die soviel Aufmerksamkeit erfahren, überrascht dagegen nicht. Möglicherweise sind andere Filmmagazine heute bekannter, einfach weil sie mehr Leser haben, aber an die filmgeschichtliche Bedeutung der Cahiers reicht keines heran. Ohne das 1951 von André Bazin begründete Magazin würden Filme uns heute weniger bedeuten.
Die Cahiers du Cinéma revolutionierten von Paris aus die Filmkritik ebenso wie das Filmemachen. Von Anfang an markierten sie einen Bruch mit der überkommenen Meinung und dem Geschmack der Nachkriegszeit, der in Frankreich noch vom Stummfilm und dem sogenannten Cinéma de qualité geprägt war. Zu einer Zeit, als insbesondere prunkende Literaturadaptionen, Kostümdramen und Musicals angesagt waren, begannen die Cahiers einen neuen Filmbegriff zu vertreten. Eine wichtige Überzeugung, die sie transportierten, war es, dass Film keine bloße Unterhaltungsindustrie, sondern eine Kunstform ist, eine Kunstform, deren Reise gerade erst begonnen hatte. Die erbarmungswürdigen Kritiker der alten Schule wurden in der Monatszeitschrift als Liebhaber eines erloschenen Sterns bezeichnet, die auch überall dort nur Asche sähen, wo doch ständig tausend Phönixe wiedergeboren würden.
Die Filme von Regisseuren wie Hitchcock, Kurosawa, Lang, Ozu und Renoir waren für die Autoren der Cahiers zugleich eine Schule des Filmemachens. Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, François Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer schulten sich hier als Kritiker, bevor sie eigene Filme drehten. Es begann die Nouvelle Vague, und als Truffaut 1959 in Cannes für Sie küssten und sie schlugen ihn / Les quatre cents coups ausgezeichnet worden war, verstummte auch die internationale Kritik, die den Cahiers bisher skeptisch begegnet war.
Emilie Bickerton rekapituliert nicht nur diese noch relativ populäre Geschichte, sondern verfolgt die Entwicklung der Cahiers von diesem ersten Jahrzehnt an bis heute. "Über drei Jahrzehnte haben die Cahiers du Cinéma die Art und Weise geprägt, wie wir Filme sehen und verstehen – im populären wie im wissenschaftlichen Bereich. Heute wirkt das Magazin kaum anregender als die Bordlektüre im Flieger zum nächsten Filmfestival", schreibt sie und untersucht, wie es dazu kommen konnte.
Leider sind nur wenige Bilder in Bickertons gar nicht so kurzer Geschichte der Cahiers, und sie sind so klein, dass sie eher zum Layout zu rechnen sind, als dass sie sich wirklich zur Betrachtung eigneten. Kein einziges Cahier ist abgebildet, kein Titel und keiner der Artikel, die die Autorin so kenntnisreich zitiert, ist im Original zu sehen. Dabei wäre es doch interessant gewesen, wenn das Buch auch auf diese Weise eine Vorstellung davon vermittelte, wie das französische Magazin sich über die Zeit entwickelte.
(Stefan Otto)
Die Cahiers du Cinéma revolutionierten von Paris aus die Filmkritik ebenso wie das Filmemachen. Von Anfang an markierten sie einen Bruch mit der überkommenen Meinung und dem Geschmack der Nachkriegszeit, der in Frankreich noch vom Stummfilm und dem sogenannten Cinéma de qualité geprägt war. Zu einer Zeit, als insbesondere prunkende Literaturadaptionen, Kostümdramen und Musicals angesagt waren, begannen die Cahiers einen neuen Filmbegriff zu vertreten. Eine wichtige Überzeugung, die sie transportierten, war es, dass Film keine bloße Unterhaltungsindustrie, sondern eine Kunstform ist, eine Kunstform, deren Reise gerade erst begonnen hatte. Die erbarmungswürdigen Kritiker der alten Schule wurden in der Monatszeitschrift als Liebhaber eines erloschenen Sterns bezeichnet, die auch überall dort nur Asche sähen, wo doch ständig tausend Phönixe wiedergeboren würden.
Die Filme von Regisseuren wie Hitchcock, Kurosawa, Lang, Ozu und Renoir waren für die Autoren der Cahiers zugleich eine Schule des Filmemachens. Claude Chabrol, Jean-Luc Godard, François Truffaut, Jacques Rivette und Éric Rohmer schulten sich hier als Kritiker, bevor sie eigene Filme drehten. Es begann die Nouvelle Vague, und als Truffaut 1959 in Cannes für Sie küssten und sie schlugen ihn / Les quatre cents coups ausgezeichnet worden war, verstummte auch die internationale Kritik, die den Cahiers bisher skeptisch begegnet war.
Emilie Bickerton rekapituliert nicht nur diese noch relativ populäre Geschichte, sondern verfolgt die Entwicklung der Cahiers von diesem ersten Jahrzehnt an bis heute. "Über drei Jahrzehnte haben die Cahiers du Cinéma die Art und Weise geprägt, wie wir Filme sehen und verstehen – im populären wie im wissenschaftlichen Bereich. Heute wirkt das Magazin kaum anregender als die Bordlektüre im Flieger zum nächsten Filmfestival", schreibt sie und untersucht, wie es dazu kommen konnte.
Leider sind nur wenige Bilder in Bickertons gar nicht so kurzer Geschichte der Cahiers, und sie sind so klein, dass sie eher zum Layout zu rechnen sind, als dass sie sich wirklich zur Betrachtung eigneten. Kein einziges Cahier ist abgebildet, kein Titel und keiner der Artikel, die die Autorin so kenntnisreich zitiert, ist im Original zu sehen. Dabei wäre es doch interessant gewesen, wenn das Buch auch auf diese Weise eine Vorstellung davon vermittelte, wie das französische Magazin sich über die Zeit entwickelte.
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Eine kurze Geschichte der Cahiers du Cinéma
Autor:
Emilie Bickerton
Erscheinungsort:
Zürich
Erscheinungsdatum:
2010
Seiten:
191
Verlag:
Diaphanes Verlag
ISBN:
978-3-03734-126-1
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Krk am: 18.10.11
Ja, die Darstellung oder eben das Fehlen ist ein großes Manko! Unverständlich, schade, senkt Wert





