Drehbuch reloaded. Erzählen im Kino des 21. Jahrhunderts
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Jenseits vom Schema F
Mit ihrer Dissertation Drehbuch reloaded. Erzählen im Kino des 21. Jahrhunderts macht Katharina Bildhauer zweierlei: Zum einen präsentiert sie eine umfassende Studie über die existierende Drehbuchliteratur und – in Kombination mit einschlägigen Dramen- und Erzähltheorien – ein eigenes, weiterführendes Drehbuchkonzept: "Das Drehbuch ist wichtig. Punkt. Ohne Drehbuch kein Film. Trotzdem beschäftigt sich kaum jemand mit Drehbüchern, wenn sie einmal verfilmt sind." Ihr Ziel ist es, "mehr Aufmerksamkeit für das Drehbuch und den Drehbuchautor zu erzeugen." Zum anderen legt Bildhauer mit ihrer Analyse zahlreicher Film- bzw. Drehbuchbeispiele eine längst fällige Klassifikation von unkonventionellen filmischen Erzählstrategien vor, die –darauf weist sie immer wieder hin– "Anstöße zur Weiterentwicklung" geben will: Und dafür liefert sie auch viele Ansatzpunkte.
"Was haben Memento, Fight Club, Magnolia und Adaption gemeinsam?", kann als Ausgangsfrage der Studie betrachtet werden, und die Antwort ist zunächst einmal leicht nachvollziehbar: Alle Filme widersprechen der klassischen Drehbuchlogik und fordern die herkömmliche Ratgeberliteratur heraus. Wer nicht im continuity style filmt und schneidet, dem dürfte, so die gängige Meinung, kein Erfolg beschert sein. Und doch haben sich Drehbücher wie das von Pulp Fiction durchgesetzt und, mehr noch, Kultstatus erreicht. Wie funktionieren also Drehbücher, die nicht nach dem Hollywood-Schema funktionieren?
In ihrer Arbeit untersucht Bildhauer zunächst die geläufigen Drehbuchmodelle, beispielsweise von Syd Field, Linda Seger und Oliver Schütte, und stellt die Beziehung zu Aristoteles’ Poetik und Gustav Freytags Technik des Dramas her. In einem nächsten Schritt ergänzt sie die Drehbuch- und Dramenkonzepte sinnvoll mit Hilfe von rezeptionsästhetischen und narratologischen Ansätzen, um die ausgewählten Beispiele adäquat beschreiben zu können. Auf dieser theoretischen Grundlage nimmt sie im Hauptteil der Arbeit Beispielanalysen vor und macht anhand von erzähltheoretischen Kriterien einen Vorschlag zur Klassifikation von alternativen Erzählstrukturen.
Die Drehbuchanalysen sind sehr heterogen. Besonders gelungen ist beispielsweise die Untersuchung der Erzählstrategie des Films Memento (Christopher Nolan), welche die komplexe "achronologische" Struktur detailliert rekonstruiert und überzeugend visualisiert. Man hätte sich vielleicht insgesamt weniger und dafür mehr von solch ausführlichen Analysen wie die von Memento gewünscht. Gerade die Drehbücher von Guillermo Arriaga ( Amores Perros, 21 Gramm / 21 Grams, Babel) und Charlie Kaufmann (Being John Malkovich, Adaption, Vergiss mein nicht! / Eternal Sunshine of the Spotless Mind), welche Bildhauer in einem Sonderkapitel bespricht, kommen eindeutig zu kurz. Dennoch bietet das Buch eine umfassende Grundlage für weitere Forschungen zum unkonventionellen Erzählen im Film. Und auch für die Praxis gibt die Studie hilfreiche Anregungen, wie "eine Produktion normierter, standarisierter, vorhersehbarer filmischer Erzählungen" vermieden werden kann. In jedem Fall aber liefert die Studie spannende Einsichten und ein tieferes Eindringen in so manchen Film, über den man immer schon noch einmal nachdenken wollte.
(Verena Schmöller)
"Was haben Memento, Fight Club, Magnolia und Adaption gemeinsam?", kann als Ausgangsfrage der Studie betrachtet werden, und die Antwort ist zunächst einmal leicht nachvollziehbar: Alle Filme widersprechen der klassischen Drehbuchlogik und fordern die herkömmliche Ratgeberliteratur heraus. Wer nicht im continuity style filmt und schneidet, dem dürfte, so die gängige Meinung, kein Erfolg beschert sein. Und doch haben sich Drehbücher wie das von Pulp Fiction durchgesetzt und, mehr noch, Kultstatus erreicht. Wie funktionieren also Drehbücher, die nicht nach dem Hollywood-Schema funktionieren?
In ihrer Arbeit untersucht Bildhauer zunächst die geläufigen Drehbuchmodelle, beispielsweise von Syd Field, Linda Seger und Oliver Schütte, und stellt die Beziehung zu Aristoteles’ Poetik und Gustav Freytags Technik des Dramas her. In einem nächsten Schritt ergänzt sie die Drehbuch- und Dramenkonzepte sinnvoll mit Hilfe von rezeptionsästhetischen und narratologischen Ansätzen, um die ausgewählten Beispiele adäquat beschreiben zu können. Auf dieser theoretischen Grundlage nimmt sie im Hauptteil der Arbeit Beispielanalysen vor und macht anhand von erzähltheoretischen Kriterien einen Vorschlag zur Klassifikation von alternativen Erzählstrukturen.
Die Drehbuchanalysen sind sehr heterogen. Besonders gelungen ist beispielsweise die Untersuchung der Erzählstrategie des Films Memento (Christopher Nolan), welche die komplexe "achronologische" Struktur detailliert rekonstruiert und überzeugend visualisiert. Man hätte sich vielleicht insgesamt weniger und dafür mehr von solch ausführlichen Analysen wie die von Memento gewünscht. Gerade die Drehbücher von Guillermo Arriaga ( Amores Perros, 21 Gramm / 21 Grams, Babel) und Charlie Kaufmann (Being John Malkovich, Adaption, Vergiss mein nicht! / Eternal Sunshine of the Spotless Mind), welche Bildhauer in einem Sonderkapitel bespricht, kommen eindeutig zu kurz. Dennoch bietet das Buch eine umfassende Grundlage für weitere Forschungen zum unkonventionellen Erzählen im Film. Und auch für die Praxis gibt die Studie hilfreiche Anregungen, wie "eine Produktion normierter, standarisierter, vorhersehbarer filmischer Erzählungen" vermieden werden kann. In jedem Fall aber liefert die Studie spannende Einsichten und ein tieferes Eindringen in so manchen Film, über den man immer schon noch einmal nachdenken wollte.
(Verena Schmöller)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Drehbuch reloaded. Erzählen im Kino des 21. Jahrhunderts
Autor:
Katharina Bildhauer
Erscheinungsort:
Konstanz
Erscheinungsdatum:
2007
Seiten:
286
Verlag:
UVK
ISBN:
978-3-89669-648-9
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