Dramaturgie im Autorenfilm - Erzählmuster des sozialrealistischen Arthouse-Kinos
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Von Aristoteles bis Zonca
Was ändert es, wenn man Informationen zu einem anderen Zeitpunkt, in anderer Reihenfolge oder in einem anderen Tempo gibt? Was macht es für einen Unterschied, ob man ein Geheimnis zu Beginn oder am Ende eines Films enthüllt? Inwiefern werden Geschichten über heldenhafte Weltenretter anders erzählt als solche über soziale Außenseiter, deren Hilfe niemand braucht?
So und ähnlich lauten die Fragen, die Michèle Wannaz aufwirft, einmal in Bezug auf den Mainstream und einmal in Bezug auf das europäische Autorenkino. Wo liegen die Unterschiede? Ihr Interesse gilt dabei dem Autorenfilm, Filmen, wie sie schreibt, "die sich dem Alltag gesellschaftlicher Außenseiter widmen und dabei Anspruch und Popularität zu vereinen suchen".
Dramaturgie im Autorenfilm widmet Wannaz besonders dem jeune cinéma français, das der sozialen Realität von Arbeitslosigkeit, Armut, Migration und Gewalt direkt ins Auge sehe. Sie untersucht verschiedene französische Filme hauptsächlich der neunziger Jahre, dazu einzelne Werke der Brüder Dardenne, von Ken Loach, Thomas Arslan, Henner Winckler und Valeska Grisebach. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht jedoch ohne Frage La vie rêvée des anges / Liebe das Leben von dem Franzosen Erick Zonca.
Wannaz legt dar, dass La vie rêvée des anges dramaturgisch eine klassische Grundstruktur aufweist, die jedoch wirkungsmächtig modifiziert ist, so dass die Ziellosigkeit, Ohnmacht und Stagnation der Hauptfiguren sich auch strukturell widerspiegeln.
Sie stellt bei ihrer Untersuchung alternativer Filme und alternativer Erzählweisen überhaupt fest, dass auch hier in der Regel mit der kanonischen Dreiaktstruktur mit Wendepunkt, Klimax und Auflösung gearbeitet wird. Die Längen der einzelnen Akte, ihre Proportionen, seien jedoch andere als im Mainstream. "Das Publikum lebt - allein durch Mittel der Dramaturgie - in einem sozialrealistischen Arthouse-Film emotional letztlich ähnlich intensiv mit wie einem klassischen", lautet ein wichtiges Fazit der Autorin. "Nur sind seine Gefühle von einer anderen 'Qualität'".
Analog zu ihrem thematischen und ästhetischen Ansatz strebten die untersuchten Filme auch in ihrer Struktur eine realistische Erzählweise an. Ihre Dramaturgie spiegele das Lebensgefühl der Hauptfiguren und passe sich sowohl ihrem Charakter als auch ihren Möglichkeiten an.
"Dass die Protagonisten kaum über Handlungsmacht verfügen, wird aber nicht als in einer individuellen psychischen Schwäche gründend dargestellt, die es (wie in Hollywood üblich) zu überwinden gilt, sondern als in ihrem sozialen Umfeld, ihrer gesellschaftlichen Position begründet", so Wannaz. "Die Figuren haben schlichtweg weder die Macht noch die Mittel, um den Lauf der Welt - und sei es auch nur ein kleines bisschen - von seinem üblichen Weg abzurücken. Die Gesellschaft gesteht ihnen keinen Einfluss zu. Also haben sie diesen auch nicht im Film."
(Stefan Otto)
So und ähnlich lauten die Fragen, die Michèle Wannaz aufwirft, einmal in Bezug auf den Mainstream und einmal in Bezug auf das europäische Autorenkino. Wo liegen die Unterschiede? Ihr Interesse gilt dabei dem Autorenfilm, Filmen, wie sie schreibt, "die sich dem Alltag gesellschaftlicher Außenseiter widmen und dabei Anspruch und Popularität zu vereinen suchen".
Dramaturgie im Autorenfilm widmet Wannaz besonders dem jeune cinéma français, das der sozialen Realität von Arbeitslosigkeit, Armut, Migration und Gewalt direkt ins Auge sehe. Sie untersucht verschiedene französische Filme hauptsächlich der neunziger Jahre, dazu einzelne Werke der Brüder Dardenne, von Ken Loach, Thomas Arslan, Henner Winckler und Valeska Grisebach. Im Mittelpunkt ihrer Betrachtungen steht jedoch ohne Frage La vie rêvée des anges / Liebe das Leben von dem Franzosen Erick Zonca.
Wannaz legt dar, dass La vie rêvée des anges dramaturgisch eine klassische Grundstruktur aufweist, die jedoch wirkungsmächtig modifiziert ist, so dass die Ziellosigkeit, Ohnmacht und Stagnation der Hauptfiguren sich auch strukturell widerspiegeln.
Sie stellt bei ihrer Untersuchung alternativer Filme und alternativer Erzählweisen überhaupt fest, dass auch hier in der Regel mit der kanonischen Dreiaktstruktur mit Wendepunkt, Klimax und Auflösung gearbeitet wird. Die Längen der einzelnen Akte, ihre Proportionen, seien jedoch andere als im Mainstream. "Das Publikum lebt - allein durch Mittel der Dramaturgie - in einem sozialrealistischen Arthouse-Film emotional letztlich ähnlich intensiv mit wie einem klassischen", lautet ein wichtiges Fazit der Autorin. "Nur sind seine Gefühle von einer anderen 'Qualität'".
Analog zu ihrem thematischen und ästhetischen Ansatz strebten die untersuchten Filme auch in ihrer Struktur eine realistische Erzählweise an. Ihre Dramaturgie spiegele das Lebensgefühl der Hauptfiguren und passe sich sowohl ihrem Charakter als auch ihren Möglichkeiten an.
"Dass die Protagonisten kaum über Handlungsmacht verfügen, wird aber nicht als in einer individuellen psychischen Schwäche gründend dargestellt, die es (wie in Hollywood üblich) zu überwinden gilt, sondern als in ihrem sozialen Umfeld, ihrer gesellschaftlichen Position begründet", so Wannaz. "Die Figuren haben schlichtweg weder die Macht noch die Mittel, um den Lauf der Welt - und sei es auch nur ein kleines bisschen - von seinem üblichen Weg abzurücken. Die Gesellschaft gesteht ihnen keinen Einfluss zu. Also haben sie diesen auch nicht im Film."
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Dramaturgie im Autorenfilm - Erzählmuster des sozialrealistischen Arthouse-Kinos
Autor:
Michèle Wannaz
Erscheinungsort:
Marburg
Erscheinungsdatum:
2010
Seiten:
286
Verlag:
Schüren Verlag
ISBN:
978-3-89472-685-0
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