Ein historischer Lesbenroman
Bei der Titelwahl spielten erotische Assoziationen sicher eine Rolle, wie auch im englischen Original, das ganz direkt “Tipping the Velvet” heisst.
Doch die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Nancy Astley ist tatsächlich eine “Muschelöffnerin”. Schon als Kind arbeitet sie im elterlichen Austernrestaurant an der Küste von Kent in England mit.
Zu ihren wenigen Vergnügungen zählen die Besuche in der Music Hall im nahegelegenen Canterbury. Dort sieht sie eines Tages die “Herrendarstellerin” Kitty Butler auf der Bühne. Die junge Sängerin und Schauspielerin geht auf Nancys verliebte Mädchen-Schwärmerei ein, und es wird eine Liebesbeziehung daraus. Die neunzehnjährige Nancy verlässt ihr Elternhaus und folgt Kitty nach London, erst als Garderobenmädchen, dann steht sie selbst mit ihr zusammen als Duo in Männerkleidung auf der Bühne. Doch im Gegensatz zu Nancy, die ihrer Schwester glücklich von ihrer großen Liebe schreibt, kann sich Kitty nicht zu Nancy bekennen. Es kommt, wie es kommen muss: Kitty heiratet ihren Manager und hofft, Nancy im Verborgenen behalten zu können.
Da kann und will Nancy nicht mitspielen. Sie stürzt in einen Abgrund der Selbstzerstörung, aus dem sie nur sehr langsam wieder auftaucht. Sie entdeckt, dass Männerkleidung ihr das Leben einfacher und angenehmer macht und beginnt, ihr Geld als Stricher auf der Straße zu verdienen. Dabei wird sie von Diana beobachtet, einer schwerreichen Dame der Londoner Gesellschaft. Eines Tages spricht Diana die junge Nancy an und kauft ihre Gesellschaft und ihren Sex, indem sie ihr Geschenke macht und sie in ihrer Villa mit allen Annehmlichkeiten wohnen lässt. Doch das kann sich schnell wieder ändern: Nancy ist nichts weiter als eine Lust-Sklavin in Jungsklamotten, und absolut von der Gunst der Herrin abhängig. Hier ist von Liebe keine Rede mehr, nur noch von Sex und Macht. Dianas Freundinnen im Cavendish-Club für Damen wird sie wie ein Haustier vorgeführt. Aber frauenliebende Frauen sind nicht nur in der Oberschicht, sondern auch unter Arbeiterinnen und in den sozialistischen Gewerkschaften zu finden. Nancy findet hier ihre Bestimmung und die wahre Liebe. Nur zu ihrer Herkunftsfamilie geht sie nie mehr zurück, nachdem ihre Schwester ihr völlig abweisend auf ihr lesbisches Bekenntnis geantwortet hatte.
Sarah Waters fängt die (sexuelle) Atmosphäre im (lesbischen) England am Ende des 19. Jahrhunderts ganz wunderbar ein. Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der die meisten ums nackte Überleben kämpfen, während wenige, unberührt davon und auf Kosten der anderen, ihr Leben geniessen. Die fesselnde Erzählung mit den sozialkritischen Untertönen ist ein glaubwürdiger Einblick in die spätviktorianische Gesellschaft, wenn auch sicher nicht ein historisch genaues Abbild. Die junge Nancy erfährt das Leben aus ganz verschiedenen Perspektiven und entwickelt dabei langsam einen eigenen Standpunkt.
Sarah Waters aus Wales ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und lehrte an der Open University, bevor sie sich ganz aufs Schreiben verlegte. Neben drei Romanen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert spielen und deren erster “Die Muschelöffnerin” ist, schreibt sie Artikel über lesbische und schwule Literatur und Kulturgeschichte.
Die fast 500 Seiten sind viel zu schnell ausgelesen. Das Happy-End ist Nancy sehr zu wünschen, wenn es auch nach den absoluten Höhen und Tiefen der vorangegangenen Beziehungen etwas bemüht wirkt. Aber auch ein Happy-End muss ja nicht für immer halten. Bitte eine Fortsetzung!
Doch die Hauptfigur und Ich-Erzählerin Nancy Astley ist tatsächlich eine “Muschelöffnerin”. Schon als Kind arbeitet sie im elterlichen Austernrestaurant an der Küste von Kent in England mit.
Zu ihren wenigen Vergnügungen zählen die Besuche in der Music Hall im nahegelegenen Canterbury. Dort sieht sie eines Tages die “Herrendarstellerin” Kitty Butler auf der Bühne. Die junge Sängerin und Schauspielerin geht auf Nancys verliebte Mädchen-Schwärmerei ein, und es wird eine Liebesbeziehung daraus. Die neunzehnjährige Nancy verlässt ihr Elternhaus und folgt Kitty nach London, erst als Garderobenmädchen, dann steht sie selbst mit ihr zusammen als Duo in Männerkleidung auf der Bühne. Doch im Gegensatz zu Nancy, die ihrer Schwester glücklich von ihrer großen Liebe schreibt, kann sich Kitty nicht zu Nancy bekennen. Es kommt, wie es kommen muss: Kitty heiratet ihren Manager und hofft, Nancy im Verborgenen behalten zu können.
Da kann und will Nancy nicht mitspielen. Sie stürzt in einen Abgrund der Selbstzerstörung, aus dem sie nur sehr langsam wieder auftaucht. Sie entdeckt, dass Männerkleidung ihr das Leben einfacher und angenehmer macht und beginnt, ihr Geld als Stricher auf der Straße zu verdienen. Dabei wird sie von Diana beobachtet, einer schwerreichen Dame der Londoner Gesellschaft. Eines Tages spricht Diana die junge Nancy an und kauft ihre Gesellschaft und ihren Sex, indem sie ihr Geschenke macht und sie in ihrer Villa mit allen Annehmlichkeiten wohnen lässt. Doch das kann sich schnell wieder ändern: Nancy ist nichts weiter als eine Lust-Sklavin in Jungsklamotten, und absolut von der Gunst der Herrin abhängig. Hier ist von Liebe keine Rede mehr, nur noch von Sex und Macht. Dianas Freundinnen im Cavendish-Club für Damen wird sie wie ein Haustier vorgeführt. Aber frauenliebende Frauen sind nicht nur in der Oberschicht, sondern auch unter Arbeiterinnen und in den sozialistischen Gewerkschaften zu finden. Nancy findet hier ihre Bestimmung und die wahre Liebe. Nur zu ihrer Herkunftsfamilie geht sie nie mehr zurück, nachdem ihre Schwester ihr völlig abweisend auf ihr lesbisches Bekenntnis geantwortet hatte.
Sarah Waters fängt die (sexuelle) Atmosphäre im (lesbischen) England am Ende des 19. Jahrhunderts ganz wunderbar ein. Es entsteht das Bild einer Gesellschaft, in der die meisten ums nackte Überleben kämpfen, während wenige, unberührt davon und auf Kosten der anderen, ihr Leben geniessen. Die fesselnde Erzählung mit den sozialkritischen Untertönen ist ein glaubwürdiger Einblick in die spätviktorianische Gesellschaft, wenn auch sicher nicht ein historisch genaues Abbild. Die junge Nancy erfährt das Leben aus ganz verschiedenen Perspektiven und entwickelt dabei langsam einen eigenen Standpunkt.
Sarah Waters aus Wales ist promovierte Literaturwissenschaftlerin und lehrte an der Open University, bevor sie sich ganz aufs Schreiben verlegte. Neben drei Romanen, die im ausgehenden 19. Jahrhundert spielen und deren erster “Die Muschelöffnerin” ist, schreibt sie Artikel über lesbische und schwule Literatur und Kulturgeschichte.
Die fast 500 Seiten sind viel zu schnell ausgelesen. Das Happy-End ist Nancy sehr zu wünschen, wenn es auch nach den absoluten Höhen und Tiefen der vorangegangenen Beziehungen etwas bemüht wirkt. Aber auch ein Happy-End muss ja nicht für immer halten. Bitte eine Fortsetzung!
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Die Muschelöffnerin
Autor:
Sarah Waters
Seiten:
484
Verlag:
Daphne Verlag
ISBN:
3891370350
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