Das neue Moskau. Die Stadt der Sowjets im Film 1917 - 1941
Kinostart:
15.12.2004
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Die Potemkinsche Stadt
Ende der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts appellierte Maxim Gorki an die sowjetische Jugend: Alles, was sich bereits heute aus der Zukunft in die Gegenwart übertragen lasse, solle man herbeiholen, da jene so näher rücke.
Hatten frühe sowjetische Filme oftmals versucht, das reale Leben auf die Leinwand zu holen und zu zeigen, wie man es besser gestalten könnte, so wurde in späteren eher die Zukunft als bereits präsente Gegenwart vorgeführt. Während die avantgardistische Kultur damit beschäftigt war, eine Utopie vom glücklichen Leben im Sozialismus zu entwerfen, verstand sich die stalinistische Kultur als verwirklichte Utopie. Bereits 1932 hatte Stalin das Gebäude des Sozialismus für errichtet erklärt.
In den zwanziger Jahren wurde das Ideal noch als positiver Gegenpol zur real existierenden Stadt dargestellt, während es in den Filmen der dreißiger Jahre Ausschließlichkeit erlangte. Bilder des realen Moskau wurden auf der Leinwand ausgelöscht und durch fiktive Bilder einer sozialistischen Idealstadt ersetzt. Das Bild der Stadt, das über die Medien im kollektiven Gedächtnis verankert werden sollte, war durch die Auswahl der Motive, durch Studiobauten und durch die Aufnahmetechniken so konstruiert, dass der Eindruck einer monumentalen klassizistischen Stadt entstehen musste. Zwar stimmte die ideale architektonische und gesellschaftliche Ordnung der filmischen Stadt mit der Realität nicht überein, sie existierte jedoch als eine mediale Tatsache. Und obwohl die Idee und die Funktion der Stadt in keinem Verhältnis zueinander standen, führten beide dennoch eine gleichzeitige Existenz. Diejenigen Sowjetbürger, die die Hauptstadt nur aus den Medien, aus Zeitungsartikeln und Radiosendungen, Fotografien und Filmen kannten, müssen das virtuell hergestellte Bild für die Wahrheit gehalten haben. Seine Domäne hatte das Modell des idealen sozialistischen Universums im Film, es fand seine Vollendung auf der Leinwand.
Das neue Moskau von Janina Urussowa ist die Geschichte einer Kopfgeburt, einer Vision von der "holden Stadt des Sozialismus", die man nie errichtete und deren Existenz dennoch nicht zu bezweifeln ist. Sie schildert das Prinzip des Potemkinschen Dorfes als ein typisch russisches Phänomen. Das von Aleksej Pelewin aufwendig layoutete und reich bebilderte Buch ist die überarbeitete Fassung einer 1997 entstandenen Dissertation. Sehr zu bedauern ist, dass jegliche Bildunterschrift fehlt.
(Stefan Otto)
Hatten frühe sowjetische Filme oftmals versucht, das reale Leben auf die Leinwand zu holen und zu zeigen, wie man es besser gestalten könnte, so wurde in späteren eher die Zukunft als bereits präsente Gegenwart vorgeführt. Während die avantgardistische Kultur damit beschäftigt war, eine Utopie vom glücklichen Leben im Sozialismus zu entwerfen, verstand sich die stalinistische Kultur als verwirklichte Utopie. Bereits 1932 hatte Stalin das Gebäude des Sozialismus für errichtet erklärt.
In den zwanziger Jahren wurde das Ideal noch als positiver Gegenpol zur real existierenden Stadt dargestellt, während es in den Filmen der dreißiger Jahre Ausschließlichkeit erlangte. Bilder des realen Moskau wurden auf der Leinwand ausgelöscht und durch fiktive Bilder einer sozialistischen Idealstadt ersetzt. Das Bild der Stadt, das über die Medien im kollektiven Gedächtnis verankert werden sollte, war durch die Auswahl der Motive, durch Studiobauten und durch die Aufnahmetechniken so konstruiert, dass der Eindruck einer monumentalen klassizistischen Stadt entstehen musste. Zwar stimmte die ideale architektonische und gesellschaftliche Ordnung der filmischen Stadt mit der Realität nicht überein, sie existierte jedoch als eine mediale Tatsache. Und obwohl die Idee und die Funktion der Stadt in keinem Verhältnis zueinander standen, führten beide dennoch eine gleichzeitige Existenz. Diejenigen Sowjetbürger, die die Hauptstadt nur aus den Medien, aus Zeitungsartikeln und Radiosendungen, Fotografien und Filmen kannten, müssen das virtuell hergestellte Bild für die Wahrheit gehalten haben. Seine Domäne hatte das Modell des idealen sozialistischen Universums im Film, es fand seine Vollendung auf der Leinwand.
Das neue Moskau von Janina Urussowa ist die Geschichte einer Kopfgeburt, einer Vision von der "holden Stadt des Sozialismus", die man nie errichtete und deren Existenz dennoch nicht zu bezweifeln ist. Sie schildert das Prinzip des Potemkinschen Dorfes als ein typisch russisches Phänomen. Das von Aleksej Pelewin aufwendig layoutete und reich bebilderte Buch ist die überarbeitete Fassung einer 1997 entstandenen Dissertation. Sehr zu bedauern ist, dass jegliche Bildunterschrift fehlt.
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Das neue Moskau. Die Stadt der Sowjets im Film 1917 - 1941
Autor:
Janina Urussowa
Erscheinungsort:
Köln
Erscheinungsdatum:
2004
Seiten:
450
Verlag:
Böhlau Verlag
ISBN:
3-412-16601-4
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