Das Netz – die Konstruktion des Unabombers

Kinostart: 25.04.2005
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Wir sehen betroffen den Vorhang zu und viele Fragen offen...

In den sechziger Jahren werden Experimente mit Drogen, vorzugsweise mit LSD, an Studenten durchgeführt und dokumentiert. Ort des Geschehens: Die renommierte US-Universität Harvard. Die Leitung dieser Versuchsreihe hat der Psychologe Henry A. Murray, ein im Zweiten Weltkrieg hoch dekorierter Offizier der US Armee. Er ist es auch, der für den Geheimdienst ein System entwickelt, um Führungsqualitäten von US Offizieren zu testen und gleichzeitig von einer neuen Weltordnung mit Weltgesetzen, einer Weltpolizei und einer Weltregierung träumt. Was wie der Plot eines Polit-Thrillers klingt, ist die kurze Beschreibung der Wirklichkeit. Und es geht weiter: Als 16-jähriger beginnt ein gewisser Ted Kaczynski mit einem IQ von 170 das Mathematikstudium an der Harvard-Universität. Dort wird er für die „Studien über die Persönlichkeitsstruktur von hochbegabten männlichen Collegestudenten“ als Versuchskandidat ausgewählt. Der Versuchsleiter: Henry A. Murray. Noch immer befinden wir uns in der Realität.

1967 wechselt Ted Kaczynski als Professor für Mathematik an die Universität Berkley. Schließlich steigt der Dozent gänzlich aus dem Hochschulbetrieb aus, zieht sich in die Einsamkeit der Wälder von Montana zurück und lebt als Einsiedler in einem selbst erbauten Holzhaus. 1995 wird er von der Polizei und dem FBI festgenommen. Es besteht der Verdacht Kaczynski sei der Unabomber. Es wird ihm vorgeworfen, er habe fast zwanzig Jahre lang Bombenanschläge auf Wissenschaftler verübt, habe Schuld am Tod von drei Menschen und den schweren Verletzungen von 23 weiteren Opfern. Im großen Showdown weigert sich Ted Kaczynski beharrlich vor Gericht auf Unzurechnungsfähigkeit aufgrund psychischer Erkrankung zu plädieren, hieße dies, er müsse sich psychologischen Tests unterziehen. 1998 wird er zu lebenslanger Haft verurteilet und „bestreitet bis heute, der Unabomber zu sein.“

Erzählt wird diese unglaubliche Geschichte mit ihren Verstrickungen in der Kunst- und Technologieszene der 60er, 70er und 80er Jahre von Lutz Dammbeck in seinem Film Das Netz. Passend zum Film ist auch ein Buch Das Netz – die Konstruktion des Unabombers erschienen. Bei der Lektüre hofft man Antworten zu finden auf die aufgeworfenen Fragen: Wie wird aus einem hochbegabten Mathematiker ein Terrorist? Hat seine krasse Abkehr weg von der Wissenschaft hin zu einem Leben als Eremit etwas mit seiner Zeit in Harvard zu tun? Was ist ihm in seiner Studienzeit widerfahren? Was haben Kybernetik, Multimediakunst und das Internet mit alle dem zu tun? Und was bewegt Kaczynski dazu, ein 56 Seiten starkes Manifest zu verfassen in dem er gegen die Technologie im Allgemeinen und die neue Technologie im Speziellen wettert, und um dessen Publikation zu erpressen sogar bereitwillig Menschenleben opfert? Fragen, die Verschwörungstheoretikern viel Raum zur Spekulation lassen, die aber nach der Lektüre von 186 Buchseiten nicht zufrieden stellend beantwortet werden.

Lutz Dammbeck ging es anscheinend nicht so sehr um eine journalistische Recherche, wenn er sich „mit den Protagonisten der Cyber-Elite“ unterhält, als vielmehr um die Dokumentation seiner Arbeit. Seine Tagebucheintragungen, die Dammbecks Herangehensweise gut dokumentieren, ergänzt er mit transkribierten Interviews der Opfer und ehemaligen Kollegen Kaczynskis. Auch Teile des Briefwechsels mit dem hochbegabten Mathematiker finden Platz, bringen jedoch kaum Aufschluss über die Person des Unabombers. Bleibt zu erwähnen, dass Lutz Dammbeck in seinem Buch zum Film auch das vollständige Unabomber-Manifest abgedruckt hat – im Anhang und zum ersten Mal in deutscher Sprache. Verfasst, genauer gesagt rekonstruiert hat es Kaczynski höchst persönlich, während er in regem Brief-Kontakt mit Dammbeck stand. Doch auch das Manifest, das mit den Worten „die industrielle Revolution und ihre Folgen sind eine Katastrophe für die Menschheit“ beginnt und mit den Worten „im Verlauf dieser Abhandlung haben wir ungenaue Aussagen gemacht und Aussagen, die nur unter Vorbehalt und Einschränkung gelten; und manche unserer Darstellungen mögen schlicht falsch sein“ endet, vermag kein Licht ins Dunkel zu bringen. Es bleibt viel Raum für Spekulationen und wilde Theorien. Und so ist Das Netz ein Buch, das in erster Linie Dammbecks Arbeitsweise dokumentiert und in zweiter Linie alle für Verschwörungstheorien empfängliche Leser mehr als neugierig macht und mit dem Wunsch zurück lässt, das Buch wäre um ein paar Seiten und damit um ein paar Antworten reicher.

(Jasmin Haery)

DATEN & FAKTEN

ÜBERBLICK

Titel: Das Netz – die Konstruktion des Unabombers
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsdatum: 2005
Seiten: 186
Verlag: Nautilus Verlag
ISBN: 3-89401-453-9

Cover

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