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Carl Laemmle - Der Mann, der Hollywood erfand

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Von Laupheim nach Hollywood

Die Biografie Carl Laemmle - Der Mann der Hollywood erfand schließt inhaltlich eine filmhistorisch längst überfällige Lücke: "Uncle Carl", wie er später genannt wurde, wurde am 17. Januar 1867 in Laupheim in der Nähe von Ulm in eine jüdische Familie geboren. Nach einer kaufmännischen Lehre in einem Gemischt- und Handelswarenladen und dem plötzlichen Tod seiner Mutter im Jahr 1883, entschließt er sich auszuwandern. Bereits seit 22 Jahren in den USA wird er 1906 Geschäftsführer der "Continental Clothing Company" in Oshkosh, ist jedoch nicht zufrieden mit dem, was er erreicht hat. Nachdem er im selben Jahr zum ersten Mal ein Nickelodeon besucht, eröffnet er im Februar schnell sein erstes eigenes: das "White Front Theater". Es folgen weitere. Unterstützt wird er von nun an durch seinen Freund Robert H. Cochrane, ein Werbefachmann, der über 30 Jahre an seiner Seite arbeiten sollte. Im selben Jahr noch gründet er seinen eigenen Verleih, der innerhalb von zwei Jahren zum größten in den USA heranwächst.

Carl Laemmle steht nicht umsonst bis heute für die Unabhängigkeit der frühen Filmindustrie. Zu jenem Zeitpunkt regelt Thomas Alva Edison, der offizielle Erfinder des Kinetographen (eine Art Kamera) und Kinetoskops (eine Art Pojektor), im Grunde monopolitisch die gesamte Filmproduktion in den USA. Mittels Patenten und geschickten Klagen sichert er sich seine Vorrangstellung. Als er mit den anderen Patenthaltern 1909 die "Motion Picture Patents Company" (MPPC) bildet, sind die sogenannten Unabhängigen finanziell von dieser abhängig und müssen Lizenzen erstehen.

Sie organisieren sich jedoch mit Laemmle an der Spitze als "Independent Moving Picture Company" (IMP). Mit Cochrane starten sie großangelegte Werbekampagnen gegen den Trust, indem sie immer wieder auf die Monopolbildung und die Bedrohung des freien Wettbewerbs aufmerksam machen. Die MPPC gründet daraufhin einen eigenen Verleih mit Filmen, die unter der Lizenz Edisons produziert werden. "Besser klassifizierte Häuser" erhalten Erstvorführungsrechte, kleinere Theater in "schlechteren Wohngegenden" haben den Nachteil. Laemmle wird selbst Produzent und beliefert nun die von Edison nicht lizensierten Theater. Im Oktober 1909 läuft – Laemmle ist bereits 42 Jahre alt – der erste IMP (Kurz-)Film an: The Song of Hiawatha. Danach wird sehr schnell sehr viel produziert: bis zu 27 Filme pro Woche laufen 1910 in den unabhängigen Kinos. 1912 muss Edison unter Druck der neuen demokratischen Regierung und der Arbeit des IMP seinen Konzern auflösen, Lizenzvereinbarungen werden annuliert.

Kurze Zeit später gründet Laemmle mit einigen Unabhängigen die "Universal Film Manufacturing Company". Er und Cochrane etablieren mit ihren Werbekampagnen den Grundstein für das Starsystem und verlegen den Standort nach Los Angeles, wo bereits 10 winzige Studios liegen. 1914 lässt er hier auf 230 Quadratmeilen im San Fernando Valley die Universal Studios bauen, die "Universal films for the Universe" machen sollten. Seine Universal-Familie vergrößert er ständig durch das Heranholen von Verwandten und Freunden aus Europa, darunter William Wyler (Wilhelm Weiler), dessen Mutter eine Cousine Laemmles war, Paul Kohner und Erich von Strohheim.

Cristina Stanca-Mustea handelt die wichtigsten Filme ab: 20 000 Meilen unter dem Meer (1916), Der Glöckner von Notre Dame (1923) und Das Phantom der Oper (1925) mit Lon Chaney, Onkel Toms Hütte (1927) und Spuk im Schloss (The Cat and the Canary, 1927) von Paul Leni und die späteren Horrorfilme wie Dracula (1931) und Frankenstein (1931), The Mummy (1932), The Black Cat (1934), Dracula's Daughter (1936). 1930 soll Im Westen nichts Neues "Deutschlands Ansehen in der Welt verbessern" und die "deutsche Sichtweise fassbar" machen. Im Dezember 1930 findet die Premiere im Berlin statt, wo er seit einiger Zeit die "Deutsche Universal" aufgebaut hatte. Im Gegensatz zu englischen und französischen Kritiken waren die Zeitungen, so Stanca-Mustea, am nächsten Tag "voller Kritik" und wurden als "Beleidigung am deutschen Volk" und "Lüge eines Juden" beschimpft. Die Resonanz wird hier von Stanca-Mustea lediglich tendenziös wiedergegeben, denn es gibt doch einige sehr positive zeitgenössische Kritiken wie beispielsweise im Berliner Tempo vom 05.12.1930. Der Film wird von den Nationalsozialisten sabotiert, es gibt Krawalle. Der Film wird um der Ordnung Willen verboten, jedoch im September 1931 stark gekürzt wieder in Deutschland vorgeführt.

Trotz erfolgreicher Produktionen Anfang der 1930er kommt Universal durch die Weltwirtschaftskrise 1929, dem gleichzeitigen Übergang vom Stumm- zum Tonfilm und immer wieder sehr hoher Produktionskosten, in finanzielle Bedrängnis. Laemmle will deshalb das sofort benötigte Geld für den neuen noch unfertigen Film Show Boat, 750 000 Dollar, bei der Standard Capital Corporation leihen und begeht damit einen fatalen Fehler: Falls es ihm nicht möglich sein sollte, das Geld innerhalb von 90 Tagen zurückzuzahlen, würde der Corporation für 5,5 Millionen Dollar eine Kaufoption für Universal geboten. Am 13. März 1936 wird Universal so verkauft. Innerhalb von 20 Tagen muss Laemmle nach 30 Jahren seinen Platz räumen. Später engagiert Carl Laemmle sich unermüdlich um in Deutschland lebende Juden, die erforderlichen Affidavits aufzubringen, bis 1937 hatte er bereits 200 von ihnen ausgestellt (206). Am 24. September 1939 starb Laemmle nach mehreren Herzanfällen im Kreise der Familie.

Das "zu viel" der häufig komplizierten Fabulierungslust bei Lars Henrik Gass' Film und Kunst nach dem Kino, ist hier eindeutig zu wenig. Der Lesefluss wird immer wieder gestört durch schlechte Übersetzung des englischsprachigen Originals, überflüssige Wiederholungen und dem Originaltext zugefügte emotionsgeladene Beschreibungen: "Nun war sie (Rebekka Laemmle, J.B.) gegangen, und Carl fühlte tief in seinem Inneren, dass er zu einem neuen Leben aufbrechen musste" (20), usw. Warum die 468 Seiten starke Doktorarbeit lediglich auf Mikrofiche veröffentlicht und – so scheint es – auf die Schnelle gekürzt und übersetzt wurde, lässt sich stilistisch nicht nachvollziehen. Mehr Zeit und vor allem intensivere Textarbeit hätten der inhaltlich spannenden und gut recherchierten Biografie besser getan. Immer wieder wird die Universal Weekly einseitig zitiert, die doch das Hausblatt der Universal Studios war und nicht als objektive Quelle herangezogen werden kann. Auch werden mehrere fragwürdige Hypothesen aufgestellt. So erzählt die Autorin, dass Laemmle häufig nach Laupheim reist, dort investiert und für die Bevölkerung spendet. Kurz vor Ende des Ersten Weltkrieges produziert Universal jedoch den Film The Kaiser, the Beast of Berlin (1918). Mehrere solche Filme machen ihm in Deutschland nicht nur Freunde und so erzählt Stanca-Mustea von einer Reise nach Laupheim 1919, auf der ihn ein Fremder – wie sich herausstellt Julius Kohner, der Vater des späteren Produzenten Paul Kohner – vor einem angeblichen Anschlag in der Heimatstadt warnt, woraufhin er nicht in seine Heimatstadt fährt. Dazu schreibt sie: "Laemmle sprach nie über diese Ereignisse. Es ist wahrscheinlich, dass er den Mordanschlag einfach verdrängen (…) wollte". Damit legt die Autorin eine Vermutung als Tatsache aus, wofür sie keinerlei Beweise vorbringt – man schmunzelt häufiger über solch fragwürdige Behauptungen. So wirkt das Buch alles in allem stilistisch schwach. Lesenswert ist es für filmhistorisch Interessierte allemal.

(Jennifer Borrmann)

Daten & Fakten

Titel: Carl Laemmle - Der Mann, der Hollywood erfand
Autor: Cristina Stanca-Mustea
Erscheinungsort: Hamburg
Erscheinungsdatum: 2013
Seiten: 246
Verlag: Osburg Verlag
ISBN: 978-3-95510-005-6

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