Zwischen Kino und Museum
Was Kunstfilme mit Pornografie zu tun haben, bekommt man gleich auf der ersten Seite dieses außergewöhnlichen Filmbuchs aus dem Taschen Verlag erklärt. Weil nämlich "Art Cinema" begrifflich schwer zu fassen ist, bemüht der Autor Paul Young den Richter am Obersten Gerichtshof der Vereinigten Staaten Potter Stewart, der Pornografie auf eine einfache Formel brachte - sie mag schwer zu definieren sein, aber man erkennt sie, wenn man ihr begegnet. Und genauso sei das eben auch bei Kunstfilmen.
Kurz darauf gelingt die Definition dann doch: Ein art film, so ist dort zu lesen, ist ein Film, der "sich durch bestimmte ästhetische, ideologische und oft auch politische Mittel von der kommerziell produzierten Massenware abhebt - unabhängig davon, ob er sich als experimenteller oder avantgardistischer Film oder Künstlerfilm kategorisieren lässt."
Paul Young hat sich offensichtlich im verdienstvollen Selbstversuch etliche Stunden Film angeschaut, denn sein Überblick über die Grenzbereiche und Schnittmengen zwischen Kunst und Kino sind umfassend und fundiert. Seine Beobachtungen, Beschreibungen und Anmerkungen reichen von den Anfängen des Films als künstlerisches Medium bis in die Gegenwart. Neben dem surrealistischen Film und den Erschütterungen, die Bunuels Un chien andalou, neben bekannten Filmkünstlern wie Chris Marker, Kenneth Anger und in jüngster Zeit Matthew Barney gräbt Young in den Archiven von Museen und Kinematheken und fördert Filme zu Tage, von den man häufig allenfalls gehört, sie aber noch nie gesehen hat. Und dennoch müssen, wie Young in der Einleitung des Buches schreibt, etliche Kategorien unberücksichtigt bleiben, so etwa der Realismus, der Expressionismus, die experimentelle Animation, im Internet angesiedelte Arbeiten und "bedauerlicherweise auch eine große Anzahl von Werken aus der Dritten Welt und andere Beispiele internationalen Filmschaffens." Dennoch: Als Einführung in dieses Thema, zu dem es bislang in Deutschland keine nennenswerte (und erhältliche) Literatur zu verzeichnen gibt, schließt Art Cinema eine Lücke und macht neugierig auf mehr. Was auch an Paul Youngs Herangehensweise an das sperrige Thema liegt.
Denn Young wählt nicht den chronologischen Gang durch die Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Kino und Kunst, sondern formt aus dem Werkkorpus zehn Kapitel oder Themenblöcke, die verschiedene Ausformungen und Stilmerkmale des Art Cinema behandeln. Neben dem surrealistischen Film, jenem Urknall des künstlerischen Films gliedert sich das Buch in die weiteren Kapitel "Postsurrealismus und Mythopoesie", "Abstraktion und lyrischer Film", "Stadtsymphonie, Essay- und Landschaftsfilm", "Temps mort und Tableau: Zeit als Ausdrucksmittel", "Strukturalismus und Konzeptfilm", "Expanded Cinema und Installationsfilm", "Filmcollage und Found Footage", "Porträtfilm und Autobiographie" sowie "Dada, Parodie, Camp und Remake".
Art Cinema macht große Lust darauf, sich den bizarren Filmen hinzugeben, die hier beschrieben sind. Nur schade, dass man sie so selten zu Gesicht bekommt und dass viele von ihnen auf DVD oder Video nicht erhältlich sind.
(Joachim Kurz)
Kurz darauf gelingt die Definition dann doch: Ein art film, so ist dort zu lesen, ist ein Film, der "sich durch bestimmte ästhetische, ideologische und oft auch politische Mittel von der kommerziell produzierten Massenware abhebt - unabhängig davon, ob er sich als experimenteller oder avantgardistischer Film oder Künstlerfilm kategorisieren lässt."
Paul Young hat sich offensichtlich im verdienstvollen Selbstversuch etliche Stunden Film angeschaut, denn sein Überblick über die Grenzbereiche und Schnittmengen zwischen Kunst und Kino sind umfassend und fundiert. Seine Beobachtungen, Beschreibungen und Anmerkungen reichen von den Anfängen des Films als künstlerisches Medium bis in die Gegenwart. Neben dem surrealistischen Film und den Erschütterungen, die Bunuels Un chien andalou, neben bekannten Filmkünstlern wie Chris Marker, Kenneth Anger und in jüngster Zeit Matthew Barney gräbt Young in den Archiven von Museen und Kinematheken und fördert Filme zu Tage, von den man häufig allenfalls gehört, sie aber noch nie gesehen hat. Und dennoch müssen, wie Young in der Einleitung des Buches schreibt, etliche Kategorien unberücksichtigt bleiben, so etwa der Realismus, der Expressionismus, die experimentelle Animation, im Internet angesiedelte Arbeiten und "bedauerlicherweise auch eine große Anzahl von Werken aus der Dritten Welt und andere Beispiele internationalen Filmschaffens." Dennoch: Als Einführung in dieses Thema, zu dem es bislang in Deutschland keine nennenswerte (und erhältliche) Literatur zu verzeichnen gibt, schließt Art Cinema eine Lücke und macht neugierig auf mehr. Was auch an Paul Youngs Herangehensweise an das sperrige Thema liegt.
Denn Young wählt nicht den chronologischen Gang durch die Geschichte der Wechselbeziehungen zwischen Kino und Kunst, sondern formt aus dem Werkkorpus zehn Kapitel oder Themenblöcke, die verschiedene Ausformungen und Stilmerkmale des Art Cinema behandeln. Neben dem surrealistischen Film, jenem Urknall des künstlerischen Films gliedert sich das Buch in die weiteren Kapitel "Postsurrealismus und Mythopoesie", "Abstraktion und lyrischer Film", "Stadtsymphonie, Essay- und Landschaftsfilm", "Temps mort und Tableau: Zeit als Ausdrucksmittel", "Strukturalismus und Konzeptfilm", "Expanded Cinema und Installationsfilm", "Filmcollage und Found Footage", "Porträtfilm und Autobiographie" sowie "Dada, Parodie, Camp und Remake".
Art Cinema macht große Lust darauf, sich den bizarren Filmen hinzugeben, die hier beschrieben sind. Nur schade, dass man sie so selten zu Gesicht bekommt und dass viele von ihnen auf DVD oder Video nicht erhältlich sind.
(Joachim Kurz)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Art Cinema
Autor:
Paul Duncan (Hg.), Paul Young
Erscheinungsort:
Köln
Erscheinungsdatum:
2009
Seiten:
192
Verlag:
Taschen Verlag
ISBN:
978-3-8228-3591-3
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