Zuhause fremd
Er hat Thomas Mann verfilmt (Tod in Venedig) und Tomasi di Lampedusas großen Roman Der Leopard. Er hat Zeit seines Lebens Theaterstücke inszeniert, von Goldoni, Tschechow und Arthur Miller. Da braucht es eigentlich nicht zu verwundern, dass Luchino Visconti auch selbst literarische Ambitionen hatte. Doch dass er sich neben Drehbüchern, mehreren theoretischen Abhandlungen und einer einzigen Erzählung, die 1942 veröffentlicht wurde, auch an einem Roman versuchte, war die längste Zeit nur Eingeweihten bekannt. Bis seine Erben vor einigen Jahren ein Typoskript freigaben, das Visconti vermutlich in den dreißiger Jahren geschrieben hatte.
Es erzählt die Geschichte des heranwachsenden Angelo Cobelli, der an Typhus erkrankt war, und nun, nach zwei Monaten in der Klinik und immer noch schwach auf den Beinen, heimkehrt zu seinen Eltern. Wieder zuhause, muss er feststellen, dass die Familie verarmt ist. Die Bilder, die an den Wänden hingen, wurden verkauft, seine Mutter geht wieder nachts arbeiten und sein Bruder Franco ist nach Mailand gegangen, um dort Geld zu verdienen. In Francos Bett, das neben Angelos steht, schläft jetzt ein Untermieter. Und Vater Cobelli, dem glücklose Unternehmungen nachgesagt werden, zeigt wenig Interesse an seinem jüngsten Sohn. "Er sieht aus wie ein eingelegter Hering", erklärt er.
Visconti entwirft ein reiches Bild der Via delle Stalle und ihrer Bewohner, des alten Hauses und der verwohnten Wohnung, in die Angelo zurückkehrt. Ein Gemälde voller Typen, Farben, Eindrücke und Gerüche. Manches erinnert an Giovanni Verga, manches an Fellini, manches an Viscontis eigene Filme, besonders an sein Regiedebüt Ossessione. Leider bricht das Romanfragment Angelo ab, gerade als sich abzeichnet, dass da noch eine Dame im Spiel ist, die dem alten Cobelli möglicherweise das Geld aus der Tasche zieht. Doch die vorliegenden 113 Seiten sind derart gut, dass man nur bedauern kann, dass Visconti nicht weiter daran arbeitete. Um Ossessione drehen zu können, heißt es, habe er Familienschmuck verkaufen müssen. Viel billiger wäre es doch gewesen, weiter an Angelo zu schreiben. Es hätte sich gelohnt.
(Stefan Otto)
Es erzählt die Geschichte des heranwachsenden Angelo Cobelli, der an Typhus erkrankt war, und nun, nach zwei Monaten in der Klinik und immer noch schwach auf den Beinen, heimkehrt zu seinen Eltern. Wieder zuhause, muss er feststellen, dass die Familie verarmt ist. Die Bilder, die an den Wänden hingen, wurden verkauft, seine Mutter geht wieder nachts arbeiten und sein Bruder Franco ist nach Mailand gegangen, um dort Geld zu verdienen. In Francos Bett, das neben Angelos steht, schläft jetzt ein Untermieter. Und Vater Cobelli, dem glücklose Unternehmungen nachgesagt werden, zeigt wenig Interesse an seinem jüngsten Sohn. "Er sieht aus wie ein eingelegter Hering", erklärt er.
Visconti entwirft ein reiches Bild der Via delle Stalle und ihrer Bewohner, des alten Hauses und der verwohnten Wohnung, in die Angelo zurückkehrt. Ein Gemälde voller Typen, Farben, Eindrücke und Gerüche. Manches erinnert an Giovanni Verga, manches an Fellini, manches an Viscontis eigene Filme, besonders an sein Regiedebüt Ossessione. Leider bricht das Romanfragment Angelo ab, gerade als sich abzeichnet, dass da noch eine Dame im Spiel ist, die dem alten Cobelli möglicherweise das Geld aus der Tasche zieht. Doch die vorliegenden 113 Seiten sind derart gut, dass man nur bedauern kann, dass Visconti nicht weiter daran arbeitete. Um Ossessione drehen zu können, heißt es, habe er Familienschmuck verkaufen müssen. Viel billiger wäre es doch gewesen, weiter an Angelo zu schreiben. Es hätte sich gelohnt.
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Angelo
Autor:
Luchino Visconti
Erscheinungsort:
München
Erscheinungsdatum:
2006
Seiten:
178
Verlag:
SchirmerGraf
ISBN:
3-86555-029-0
BEWERTUNG
Klicken Sie auf einen Stern, um Ihre Bewertung abzugeben.
MEINUNGEN
Ihre Meinung zu diesem Buch (Felder mit * müssen ausgefüllt sein)
Artikel zum Thema
Zum 100. von Luchino Visconti: "Rocco und seine Brüder" erstmals auf DVD





