Wie Mr. Hitchcock das mit dem Suspense gemacht hat
"Die Bombe ist unterm Tisch, und das Publikum weiß es." So lautet der zentrale Satz in Alfred Hitchcocks Definition von Suspense, wie sie zum Beispiel im Interview mit François Truffaut (Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?) nachzulesen ist.
Der vereinfachenden These, Suspense entstehe, wenn auf diese Weise der Zuschauer gegenüber den Figuren im Film über einen Wissensvorsprung verfüge, setzt Friederike Klingholz entgegen, Suspense könne nicht allein mit den Mitteln einer dramaturgischen Konstellation von Informationsvergabe erklärt werden. "Die im Drehbuch angelegte Spannung erfuhr durch Hitchcocks visuelle Umsetzung eine bedeutende Steigerung der Dramatik", schreibt die Germanistin und Medienwissenschaftlerin und sieht "das entscheidende Kriterium für die Suspense-Erzeugung weniger in einer 'momenthaften' Dramatisierung des Erzählmaterials, sondern viel mehr in der Tatsache begründet, dass Hitchcock die Visualität generell allem anderen (zur Konstruktion von Information und Bedeutung) voranstellte".
So entwickelt die Autorin eine filmspezifische Konzeption von Hitchcocks Suspense, die sie besonders anhand seiner Filme Notorious / Berüchtigt (1945) und Vertigo (1957) aufzeigt. Beide Werke, so zeigt sie in ihrer Analyse, setzen sehr spezifische und unterschiedliche Strategien ein, um Suspense zu erzeugen.
So sei es in Notorious das komplexe Zusammenspiel von Kamerapositionierung, Mise-en-Scène und Montage, wodurch bestimmte Informationen und verdeckte Prozesse in der Interaktion der Figuren als Vorgaben von Suspense funktionalisiert werden.
Bei Vertigo stehe hingegen der Suspense der Handlung im direkten Zusammenhang mit der dadurch visualisierten Angst und dem Begehren der Hauptfigur "Scottie" Ferguson. Mittels trügerischer Bildkomposition und Blickdramaturgie werde das inhaltliche Begehren durch das Begehren ersetzt, das im Zuschauer entstehe. So finde sich der wirkliche Motor des dramatischen Textes in den Ängsten, Wünschen und Begierden des Publikums. Daran mag es liegen, meint Klingholz, "dass die Zeitlosigkeit der Hitchcock-Filme gegenwärtig bleibt, dass sich selbst nach mehrmaliger Rezeption desselben Filmes immer wieder der Fleck auftut, der einen unweigerlich hineinzieht".
Alfred Hitchcock oder: Wie ich lernte, die Bombe zu fürchten wirkt unscheinbar und ist ein recht dünnes Buch, doch steckt es voller Gehalt, ist wertvoll und - spannend.
(Stefan Otto)
Der vereinfachenden These, Suspense entstehe, wenn auf diese Weise der Zuschauer gegenüber den Figuren im Film über einen Wissensvorsprung verfüge, setzt Friederike Klingholz entgegen, Suspense könne nicht allein mit den Mitteln einer dramaturgischen Konstellation von Informationsvergabe erklärt werden. "Die im Drehbuch angelegte Spannung erfuhr durch Hitchcocks visuelle Umsetzung eine bedeutende Steigerung der Dramatik", schreibt die Germanistin und Medienwissenschaftlerin und sieht "das entscheidende Kriterium für die Suspense-Erzeugung weniger in einer 'momenthaften' Dramatisierung des Erzählmaterials, sondern viel mehr in der Tatsache begründet, dass Hitchcock die Visualität generell allem anderen (zur Konstruktion von Information und Bedeutung) voranstellte".
So entwickelt die Autorin eine filmspezifische Konzeption von Hitchcocks Suspense, die sie besonders anhand seiner Filme Notorious / Berüchtigt (1945) und Vertigo (1957) aufzeigt. Beide Werke, so zeigt sie in ihrer Analyse, setzen sehr spezifische und unterschiedliche Strategien ein, um Suspense zu erzeugen.
So sei es in Notorious das komplexe Zusammenspiel von Kamerapositionierung, Mise-en-Scène und Montage, wodurch bestimmte Informationen und verdeckte Prozesse in der Interaktion der Figuren als Vorgaben von Suspense funktionalisiert werden.
Bei Vertigo stehe hingegen der Suspense der Handlung im direkten Zusammenhang mit der dadurch visualisierten Angst und dem Begehren der Hauptfigur "Scottie" Ferguson. Mittels trügerischer Bildkomposition und Blickdramaturgie werde das inhaltliche Begehren durch das Begehren ersetzt, das im Zuschauer entstehe. So finde sich der wirkliche Motor des dramatischen Textes in den Ängsten, Wünschen und Begierden des Publikums. Daran mag es liegen, meint Klingholz, "dass die Zeitlosigkeit der Hitchcock-Filme gegenwärtig bleibt, dass sich selbst nach mehrmaliger Rezeption desselben Filmes immer wieder der Fleck auftut, der einen unweigerlich hineinzieht".
Alfred Hitchcock oder: Wie ich lernte, die Bombe zu fürchten wirkt unscheinbar und ist ein recht dünnes Buch, doch steckt es voller Gehalt, ist wertvoll und - spannend.
(Stefan Otto)
DATEN & FAKTEN
ÜBERBLICK
Titel:
Alfred Hitchcock oder: Wie ich lernte, die Bombe zu fürchten
Autor:
Friederike Klingholz
Erscheinungsort:
Würzburg
Erscheinungsdatum:
2010
Seiten:
190
Verlag:
Königshausen & Neuman
ISBN:
978-3-8260-4239-3
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Bisherige Kommentare
(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Martin am: 17.05.11
Die Worte befriedigen mein cineastisches Nerdtum. Danke, danke...und danke!
Von: Jürgen Haufer am: 17.05.11
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