15 06/11

"No Home Movie" von Chantal Akerman

No Home Movie, der letzte Film von Chantal Akerman. Wir sehen einen Blick, gefilmt nicht indirekt, sondern direkt und radikal aus der ersten Person, ein Film über ein verlorenes Heim, ein No-Home (anymore).


(Trailer zu No Home Movie von Chantal Akerman)

Es ist ein Film so voller Schmerz, dass einem ein Kloß im Hals steht, wenn man darüber schreibt, weil man nicht atmen konnte, als man ihn sah. Akerman filmt in einer Art Tagebuchstil ihre krank werdende Mutter Natalia, eine polnische Immigrantin und Auschwitz-Überlebende, die ein Kernthema im Schaffen der belgischen Filmemacherin ist. Natalia ist 2014 verstorben. Vielleicht will Akerman mehr filmen. Vielleicht will Akerman zu den Erinnerungen einer schrecklichen Vergangenheit vorstoßen und vielleicht ist No Home Movie auch der Film über das zitternde Scheitern, weil man bei Akerman immer ein Scheitern sieht, unverstellt und berührend.

No Home Movie ist ein erdrückender Film über die Nähe von Distanz und die Distanz von Nähe. Zu Beginn sehen wir einen Baum in einem undefinierten Land, das man im Nahen Osten vermutet. Er steht im Wind und wirkt wie alle Landschaftsbilder, die wir in diesem Film zwischen den Besuchen von Akerman bei ihrer Mutter und Skype-Gesprächen zwischen Tochter und Mutter sehen, wie ein Seelenbild. Damit soll gesagt sein, dass diese Bilder wirken wie aus dem Innenleben von Akerman, ein Blick in die Seele. Ein weiteres solches Bild erscheint in einer Nacht im Haus der Mutter. Es ist das Bild eines schrecklichen Albtraums. Akerman atmet wild hinter der Kamera. Wir erkennen Lichter und wir erkennen Dunkelheit. Draußen auf dem Balkon hängen weiße Handtücher, ein orangefarbenes Licht dringt von der Straße nach oben. Akerman geht zurück in die Wohnung. Im Bad läuft Wasser. Es ist laut. Wo sind wir? Schnitt.


(Bild aus No Home Movie von Chantal Akerman; Courtesy: Viennale 2015)

Der Unterschied zwischen solchen Szenen bei Akerman und solchen Szenen bei den meisten anderen Filmemachern ist, dass man bei Akerman die Präsenz einer Person hinter der Kamera immer spürt und sie niemals von Ideen, Konzepten oder Bildern überlagert wird. Es scheint durchgehend die nackte Wahrnehmung von Akerman zu sein. Außer solchen körperlichen Szenen gibt es keineswegs weniger körperliche Gespräche mit der Mutter. Es sind alltägliche Gespräche beim Essen, Liebesbekundungen via Skype und dann doch hier und da direkte Befragungen über vergangene Ereignisse – Ereignisse, die von einem Vergessen oder Verdrängen heimgesucht oder nicht-heimgesucht werden.

Dabei schafft es Akerman, die Zeit und den Raum in dieser Wohnung spürbar zu machen. Häufig steht die Kamera (digitale Consumer-Geräte, die das Gefühl einer Nähe, eines Home-Movies verstärken) scheinbar nur in einer Ecke und beobachtet die Bewegungen im Haus. Es sind keine bedeutenden Bewegungen und genau darin liegt ihre Bedeutung. Vieles findet Off-Screen statt, hinter Türen, die wir nicht sehen können. Man beginnt sich einsam zu fühlen, weil man die Einsamkeit dieser Figuren spürt. Es ginge auch nicht zu weit in diesem Film Spuren von Akermans berühmtesten Film, Jeanne Dielman, 23, Quai du Commerce, 1080 Bruxelles, zu suchen und es ist klar, dass ihr Gespür für alltägliche Abläufe (vor allem Essen) und die Zeit auch hier voller Gefühle ist. Bei Akerman spürt man die Leere. Dabei ist der Film keineswegs kalkuliert kühl, berechnend oder emotionslos. Es ist ein Konfrontationsfilm, der den Zuseher frontal mit Heftigkeiten trifft, die immer zugleich in Inhalt und in der Form stattfinden. Darin finden sich zugleich Zärtlichkeit und Frustration, die einem letztlich Vergänglichkeit bewusst machen.


(Bild aus No Home Movie von Chantal Akerman; Courtesy: Viennale 2015)

Man kann die Arbeitsweise von No Home Movie sehr gut anhand einer Szene mit der mexikanischen Pflegerin Clara nachvollziehen. Akerman sitzt mit ihr an einem Tisch und Clara beginnt einen fröhlichen Home-Movie-Smalltalk. Sie lächelt und stellt einige persönliche Fragen über die Herkunft der Familie und die Kinderlosigkeit von Akerman. Eigentlich passt diese Szene sehr gut in die vielen kurzen Gespräche voller schmerzvoller Zuneigung und absurdem Humor mit der Mutter. Aber die Filmemacherin ist an einem solchen Dialog nicht interessiert. Sie erzählt der damit spürbar überforderten Pflegerin von Auschwitz und der Flucht aus Polen. Immer wenn Akerman ihre Kamera in diese Wunden legt, wird sie mit Verdrängung konfrontiert und immer wieder wagt sie sich, wie in ihrem Roman Ma mère rit doch vor, in diese notwendige Schonungslosigkeit, die einen nicht dort trifft, wo man es gerne hätte.

Der letzte Film von Chantal Akerman spielt in einer Wohnung, einem Gefängnis der Erinnerung an die Dinge, die wir längst vergessen wollten. Die Zeit in diesem Raum ist der Raum, den wir dieser Zeit geben und irgendwann sehen wir die Zerbrechlichkeit dieser Kraft, die so deutlich vor uns liegt, dass wir uns tatsächlich umdrehen müssten im Kino, um festzustellen, dass vor uns eine Leinwand liegt, die ebenfalls zu einem Gefängnis der Erinnerung geworden ist. No Home Movie ist ein Schock, der weit über den plötzlichen Tod der Filmemacherin hinausgeht.

(Patrick Holzapfel)