15 11/11

"Happy Hour" von Hamaguchi Ryusuke

Die leisen, sanft gleitenden Worte, die in Happy Hour von Hamaguchi Ryusuke gewechselt werden, sind eigentlich ein verzweifelter Aufschrei. Wann waren diese glücklichen Stunden? Soll das Liebe sein? Wo ist Freiheit?


(Trailer zu Happy Hour von Hamaguchi Ryusuke)

Es ist ein Film über die versteckten Tränen der Frauen eines Landes, die nicht mehr in der Lage sind, ihr berühmtes und ewiges Lächeln zu halten, weil es keinen Grund mehr dafür gibt. Ihre Freundlichkeit und Unterwürfigkeit zerbricht langsam im Angesicht der Gefühllosigkeit ihrer eigenen Existenzen. Was wir sehen, ist die Traurigkeit eines Lächelns, keine Traurigkeit hinter dem Lächeln, sondern ein trauriges Lächeln, bei dem jede Happy Hour bereits für die Ernüchterung danach steht. Wie nach einer Lesung einer jungen Autorin von einem Zuhörer und Ehemann bemerkt wird, gibt auch der Film die rare Chance eines Weckrufs für die vielen einsamen Frauen und Männer in Beziehungen, weil er ein Verständnis des Denkens und Fühlens dieser Frauen ermöglicht, das über oberflächliche Konflikte und Einfachheiten hinausgeht. Statt Situationen durch Liebe oder Sex in einer Ekstase oder Katastrophe aufzulösen, verkompliziert sich hier alles immer weiter. Die episodische Struktur mit ihren vielen Ereignissen in einer räumlichen und zeitlichen Abwesenheit trägt viel zu dieser Komplexität bei.

Der Film erzählt in 317 Minuten von den Freundinnen Jun (Kawamura Rira), Fumi (Mihara Maiko), Sakurako (Kikuchi Hazuki) und Akari (Tanaka Sachie) in der Stadt Kobe. Als Jun sich überraschend scheiden lassen will und spurlos verschwindet, werden die Freundinnen auch mit ihren eigenen scheiternden Beziehungen konfrontiert. Nach und nach folgen die Freundinnen dem Beispiel von Jun und versuchen sich zu befreien und neu zu entdecken. Diese hochkonstruierte Geschichte ist auch hochkomplex, was sie aus ihrem Telenovela-Anstrich befreit. Es ist nicht nur die Zeit, die sich Ryusuke für seine Szenen lässt, sondern auch die Figurenzeichnung, die äußerst fein von einer Traurigkeit erzählt, die lange vor den Bildern dieses Films in die Gesichter dieser Frauen eingeschrieben wurde und die dabei hilft, dass eigentlich untragbare Gefühlsoffenbarungen plötzlich zu wahrhaftigen Gefühlen werden. Eine tiefe Enttäuschung über das anhaltende Ausbleiben dessen, was man vergessen hat, als Liebe zu fordern, von Liebe zu fordern. Eine tiefe Einsamkeit, die sich im gesamten Stil des Films wiederfindet, von den Klaviertönen über den Nebel, der sich schon in den ersten Minuten vor die Sonne schiebt, sie erzählt von der Abgestumpftheit dieser Lebenslügen. Alles ist hier eine Entfremdung, aber es ist keine Entfremdung wie in einem Film von Michelangelo Antonioni, sondern sie ist deutlich fähiger zur Kommunikation, was dem ansonsten starken Film etwas schadet. Denn die Art und Weise, mit der hier Gefühle besprochen und lange Dialoge geführt werden, ist derart durchgeplant und spürbar geschrieben, dass es gegen den durch die Zeit provozierten Realismus des Films arbeitet. Die Gespräche haben zwar etwas beiläufiges an sich und sind sicher genau beobachtet im Verhältnis zu den jeweiligen Figuren (der Drehbuchpreis in Locarno ist mehr als verdient), wenn man aber genau hinsieht und hinhört, spürt man einen thematischen Faden, der fast jeden Satz mit Doppeldeutigkeiten und Tiefe ausstattet, die nichts mit dem vorgetäuschten Realismus zu tun haben.


(Bild aus Happy Hour von Hamaguchi Ryusuke; Courtesy: Viennale 2015)

Gefilmt werden die Szenen zumeist aus statischen Einstellungen, die in ihrer präzisen Einfachheit viel über Konstellationen zwischen den Figuren verraten. Jun wurde erdrückt von der Kälte ihres Ehemannes, dessen Distanz sie innerlich aufgefressen hat. Ganz ähnlich ergeht es Sakurako, die sich zudem noch mit einem Sohn herumschlagen muss, der eine Mitschülerin geschwängert hat. Sie treibt kontaktlos durchs Leben, alles in Happy Hour ist in eine Funktionalität gerückt, die Emotionen erstickt und die sich durchaus im durchkomponierten Drehbuch wiederfindet. Was man im Film nur äußerst selten sieht – und wenn mit dem Bedauern einer Ausweglosigkeit – sind Ausbrüche. Es ist eine gesellschaftliche Angst vor Freiheit, ein Verstecken, das man nicht zuletzt bereits beim großen Meister des japanischen Kinos, Yasujirō Ozu, immer wieder gesehen hat. Was wir sehen, sind Beziehungen, was fehlt, ist Liebe. Dabei arbeitet der Film keineswegs so eintönig, wie das hier wirken mag. Fein nuanciert wechselt er zwischen den kurzen Momenten des Glücks, der Verzweiflung und Belanglosigkeit ab. Dennoch treibt Happy Hour wie eine Wolke vor die Sonne einer Hoffnung.

Akari arbeitet als Krankenschwester und reagiert mit ihrer impulsiven Art auch auf den Druck ihres Berufs und auf eine innere Traurigkeit, die sie nicht überwinden kann. Das Zusammenspiel von Arbeit und Leben, Pflicht und dem, was eigentlich Vergnügen sein sollte, ist eine Spirale in den ruhigen Abgrund, der nur ruhig ist, weil man ihn scheinbar überall akzeptiert, weil alle aufgeben und sich ihrem Schicksal fügen. Auch Akari muss lernen, mit der eigenen Einsamkeit umzugehen. Bei ihr äußert sich der Schock der abwesenden Liebe vor allem mit einer Enttäuschung gegenüber ihren Freundinnen. Man darf sich diese Frauenfreundschaft keineswegs als stabil und weltfremd vorstellen. Auch hier gibt es immer wieder Augenblicke der Entfremdung und nach und nach wird den Frauen klar, dass sie alleine im Leben stehen. Die Ideen von Kollektivität und Individualität ziehen sich durch den gesamten Film. Happy Hour stellt auch mutige Fragen an die Gegensätzlichkeit, Zufälligkeit und Absurdität dieser scheinbaren Widersprüche und nicht nur daran kann man das politische Anliegen des Films begreifen. Denn wo ein Kollektivdenken die Individualität tötet und wo eine Selbstbezogenheit dem Zusammenhalt schadet, ist in Japan wie sonst auch überall auf der Welt der Zusammenbruch eines Systems nicht fern. Dieses System besteht in Happy Hour aus Körpern, die sich nicht berühren und die der Film zumeist nur als Diskurs greifbar macht. Und weil der Weg – wie wir in einer Szene des Films erfahren – vom Körper in die Seele führt, sehen wir in den Augen das Bewusstsein über eine innere Leere.


(Bild aus Happy Hour von Hamaguchi Ryusuke; Courtesy: Viennale 2015)

Fumi lebt ebenfalls in einer toten Beziehung. Lange Zeit scheint sie am wenigsten auf diese Abgestorbenheit zu reagieren, aber in ihren Blicken sammelt sich die Erschütterung eines Eingeständnisses, das auch aus ihr herausbrechen wird. In diesen Blicken, die Ryusuke manchmal im silhouettenhaften Dunkel belässt, als wolle er uns die Austauschbarkeit dieser Figuren (mit uns selbst) nahebringen, findet er sehr viel Zärtlichkeit und Wärme für die Verlorenheit seiner Protagonistinnen, aber auch Protagonisten. In einer ausgedehnten Szene bei einem merkwürdigen Workshop, in dem es darum geht, seine Körpermitte zu finden, der schon angesprochenen Lesung sowie einigen Tischgesprächen interessiert sich der Filmemacher auch immer für die Zuhörer und scheinbar Unbeteiligten und ermöglicht, an deren Emotionen gleichermaßen teilzuhaben. Die Dialoge erinnern ein wenig (wenn auch ganz anders und weniger pointiert) an Filme von Éric Rohmer oder Woody Allen, weil auf einem sehr hohen Niveau über das bürgerliche Innenleben und Fragen der Liebe und Moral philosophiert wird. Fragen wie: Wie spreche ich in einer Beziehungskrise mit meinem Mann über die Scheidung einer Freundin? Wer hat Schuld bei Untreue? Wenn beides schlimm ist, bleibt man dann mit dem Partner zusammen oder verlässt man ihn? Was ist eigentlich Liebe?

Happy Hour wagt es nicht, diese Fragen zu beantworten. Vielmehr dokumentiert er sie mit einem Drehbuch und vier Darstellerinnen, die wirklich etwas zu sagen haben; sie sprechen mit ihren Gefühlen, die sie uns wie einen stillen Hauch mitteilen, weil sie sich fürchten, wirklich auszubrechen. Und doch tun sie es alle, langsam, aber mit dem Gestus einer Befreiung, die aus der Sehnsucht nach einem anderen Leben besteht, in dem eine Beziehung weniger mit Besitz und Struktur zu tun hat, als mit Zuneigung und Liebe. Und ja, der Ton des Films ist weich, aber er ist weich wie ein David-Bowie-Text aus den 1970ern, ein Film über das Begehren der "Nobody People", die in ihrer eigenen Einsamkeit gefangen sind und umschlungen werden von ihrem Leben, der Stadt und den Erwartungen an ihre Rollen. Die Welt, so sagt einer der gescheiterten Ehemänner (man könnte Happy Hour narrativ auch als Pendant zu Husbands von John Cassavetes sehen), wäre viel grausamer. So grausam wie der Wind, der durch die Blätter weht. In dieser Grausamkeit erblüht ein neuer Frühling, ein neues Begehren in den Blättern, ein neues Lächeln, das wir nicht mehr sehen dürfen und das auch keine Hoffnung kennt, sondern Freiheit.

(Patrick Holzapfel)