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14 30/10

"Hill of Freedom von Hong Sang-soo

Nach langer Krankheit meldet sich Hong Sang-soo wieder zurück. Einer der interessantesten und formbewusstesten Gegenwartsfilmemacher erzählt in Hill of Freedom von seinen Lieblingsthemen: Liebe, Einsamkeit, Leben.


(Bild aus Hill of Freedom von Hong Sang-soo, Courtesy: Viennale 2014)

Dinge passieren. Zum Beispiel, wenn eine Frau an der Rezeption einen Brief ihres japanischen Liebhabers bekommt, der ihr darin erzählt, was er alles erlebt hat, während er in der letzten Woche auf sie wartete. Er wollte sie überraschen. Ihr seine Liebe gestehen und sie mitnehmen und nie wieder loslassen. Aber sie war nicht da ... Und da das Leben keine Pausen macht, passieren eben Dinge. Zum Beispiel: In der Nähe der Herberge, wo der junge Japaner unterkommt, gibt es ein Café. Es hat Scheiben vom Boden bis zur Decke. Das Sommerlicht Seouls strömt ein und macht es sehr hell. Und in diesem Café arbeitet eine nette Besitzerin. Sie mag den Japaner. Gibt ihm Kuchen. Er rettet daraufhin ihren permanent röchelnden Hund. Beide nähern sich an. Vielleicht verlieben sie sich. Vielleicht auch nicht. Dinge passieren eben.


(Bild aus Hill of Freedom von Hong Sang-soo, Courtesy: Viennale 2014)

Bei Hong Sang-soo sind diese Dinge, die Dinge des Lebens. Diese alltäglichen Vignetten, für die der Südkoreaner im Weltkino mittlerweile einiges an Ruhm erlangt hat, sind von einer süchtigmachenden Beiläufigkeit. Hier ist nichts "bigger than life". In kleinen, sehr waghalsig angeordneten Ellipsen ordnet Hong Sang-Soo Alltagsbegegnungen zu einem philosophischen Welttheater an. Dabei steht vor allem der Mensch und seine Gefühlswelt im Mittelpunkt. Fragmente der Sprache und Liebe und Einsamkeit. Natürlich ist er damit längst der einzig legitime Nachfolger Eric Rohmers geworden. Interessanterweise eine Auszeichnung, um die sich im Weltkino kaum gerissen wird. Wobei Hong Sang-soos Filme, anders als die von Rohmer, nicht von der ausufernden Geradlinigkeit des Dialogs leben. Bei Hong Sang-soo ist die Auslassung, die Wiederholung, das Absurde dominant. Ständig fragen die Leute "Are you here for business or for pleasure?", als wäre das die einzig wahre alltagsphilosophische Frage, die wir uns im 21. Jahrhundert stellen müssten. Dass er auf diese Frage immer wieder neue Antworten zu inszenieren vermag, prägt den Wirklichkeitsentwurf von Hong Sang-soo, dessen tiefgreifender Humanismus jede Moral und dramatische Hektik verbietet. Auch deshalb ist ein Film wie Hill of Freedom so wohltuend unaufgeregt und hebt sich von anderen Bildern ab.


(Bild aus Hill of Freedom, Courtesy: Viennale 2014)

Dann noch so ein Augenblick, der den Lebensromantiker Hong Sang-soo auszeichnet: Im Café liest unser junger Japaner ein Buch (bezeichnenderweise ein Traktat über die Nicht-Existenz der Zeit). Die Besitzerin fragt ihn: "Was liest du da?" Es ist so eine gewöhnliche Frage, aber wie sie da vor unseren Augen inszeniert wird, merken wir, dass wir sie immer seltener zu hören bekommen. Jemanden zu fragen, was er liest, das war mal ein großartiger Anmachspruch, der auch sehr viel über eine Zeit und eine Einstellung zum Leben aussagen konnte. Beides ist zunehmend verschwunden. Bei Hong Sang-soo strahlt so ein Moment aber keine kulturpessimistische Nostalgie aus. Es ist ein heller Gegenentwurf. Eine Alltäglichkeit in einem Paralleluniversum.

In der nächsten Ellipse sind die Karten dann wieder neu gemischt, die Verhältnisse und Weltanschauungen sortieren sich unter den Figuren und werden dann völlig anders ausgespielt. Auch darin findet sich vielleicht ein Unterschied zu Rohmer: Die Filme des Franzosen verführten in erster Linie zum Denken, Hong Sang-soo virtuose Liebesreigen verführen zum Leben.

(Patrick Wellinski)