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17 11/09

Venedig 2017: "Sweet Country" von Warwick Thornton

Die Leute sind wie ihr Land in Warwick Thorntons Sweet Country. Die einen, die Weißen, die das Land unter ihren Füßen annektiert haben, sind aggressiv, selbstsüchtig, im Inneren verdorben. Die anderen, die Aborigines, sind entwurzelt, verloren und verdursten zusehends an Seele und Verstand. Australien ist alles, aber nicht das süße Land, von dem der Titel redet. Der rote Lehmboden macht alle langsam nieder, die denken, sie könnten ihn beherrschen. Thornton kehrt nach Samson and Delilah, für den er 2009 in Cannes die Camera D’Or gewann, in den Outback zurück und legt erneut seinen Fokus auf die menschenverachtenden Politik Australiens und die Folgen des Kolonialismus für dessen UreinwohnerInnen.

(Bild aus Sweet Country; Copyright: Bunya Productions)

Abermals erzählt Thornton von einem Paar, das auf der Flucht ist. Dieses Mal im Jahr 1929. Sam Kelly (Hamilton Morris). und seine Frau Lizzie (Natassia Gorey-Furber) arbeiten auf dem Land des streng gläubigen Fred Smith (Sam Neill). Das Land war einst das ihrer Familie und Vorfahren, nun hausen sie in einem kleinen Verschlag neben Smiths Haus. Doch das ist noch die gute Variante. Immerhin ist Fred freundlich, lässt sich nicht „Master“ oder „Sir“ nennen und misshandelt sie nicht. Sie sind hier Menschen, wenn auch zweiter Klasse. Aber immerhin kein Vieh, so wie andere Siedler „ihre Schwarzen“ behandeln. Schlimmer ist es da bei Smiths neuem Nachbarn Harry March (Ewen Leslie), der bis vor Kurzem noch Soldat war. Dessen Rassismus paart sich mit posttraumatischem Stresssyndrom, welches er mit mächtig viel Alkohol kuriert, durch den sich seine massive Aggressivität noch verschlimmert. Aber Nachbarn sind Nachbarn und so ordert Fred, dass Sam und Lizzie dem Neuen beim Aufbau seiner Farm zu helfen. Ein fataler Fehler, denn er behandelt beide schlecht und vergewaltigt Lizzie.

Lizzie schweigt, die beiden werden von Harrys Hof verbannt und dieser holt sich weitere Hilfe. Dieses Mal bei Mick Kennedy (Thomas M. Wright), der ihm einen Jungen namens Philomac (Tremayne & Trevon Doolan), anbietet, welcher für ihn arbeitet, obwohl er sein eigener Sohn ist. Aber Schwarz bleibt Schwarz, da gibt es auch bei Kindern keine Ausnahme. Philomac ist jedoch jung, mitten in der Pubertät und lässt sich ungern sagen, was zu tun ist. Und so wird es schnell aggressiv zwischen ihm und Harry, der ihn letztendlich wie einen Hund an einen Stein fesselt. Der Junge haut daraufhin in der Nacht ab. Harry folgt ihm wutentbrannt und betrunken bis zur Farm von Fred Smith. Dieser ist nicht da, nur Sam und Lizzie sind auf dem Anwesen und werden sofort von Harry bedroht. Als er ins Haus schießt und die Tür eintritt, erschießt ihn Sam aus Notwehr, was einem Todesurteil gleichkommt. Einem Aborigine, der einen Weißen erschießt, bleiben nur zwei Möglichkeiten: Tod durch Erhängen oder Flucht. Und so flüchten Sam und Lizzie, gefolgt von Sergeant Fletcher (Bryan Brown), der gar nicht wissen will, wie Harry ums Leben kam, sondern einfach auf Rache aus ist.

Sweet Country ist ein bitterer Film, der ohne viele Extras auszukommen versucht. Die Dialoge sind rar gesät, kurz und eher durch geschlossene Zahnreihen gedrückt, als wirklich ausgesprochen. Es gibt weder eine Exposition noch irgendwelche Einführungen in Zeit, Raum und geschichtlichen Hintergrund. Es genügt zu sehen, dass hier weiße Männer (ohne Frauen und Kinder) auf Landstücken sitzen, von denen sie keine Ahnung haben und die sie auch nicht glücklich machen, aber sie denken trotzdem, sie hätten alle Rechte dieser Welt, Land und Bewohner zu benutzen. Die im Titel angebrachte „Süße“ ist nur im Outback zu finden, wo es noch Landstriche gibt, die nicht in weißer Hand sind, aber mit dem Versprechen auf Reichtum locken. Es ist eine traurige und karge Welt, in der sich Menschlichkeit auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zurückgezogen hat und in der auch Fred Smiths Frömmigkeit nichts weiter ist als Staub im Wind. Hier gibt es nichts mehr zu holen. Zumindest nicht auf die Art der Weißen.

Thornton erzählt mit einer fast schon emotionslosen Geradlinigkeit, die nur von kurzen Einblendungen unterbrochen wird, die mal etwas aus der Vergangenheit zeigen, mal etwas aus der Zukunft. Wo sie zeitlich einzuordnen sind, weiß man erst am Ende des Filmes. Sie sind ein Teil einer Traumlogik, eines Abgleitens der sonst vorhandenen Ordnung, ganz so wie das Land selbst, das sich unter Hoheit der Krone befindet und klare Regeln hat, die dann doch irgendwie abhandenkommen und untertauchen im heiß-drögen Alltagsdasein, das geprägt ist von Hitze, Erde und Hass.


(Bild aus Sweet Country; Copyright: Bunya Productions)

Und während die Kamera diese staubige Einöde perfekt einfängt und mit der inneren Trockenheit der Besatzer in Kontakt bringt, sind es doch vor allem die wenig ausmodellierten Charaktere, die in dieser eh schon reduzierten Erzählung ein wenig untergehen. Viele Einblicke in die Menschlichkeiten werden hier nicht gegeben, was lange Zeit in Ordnung ist, den Film aber dann letztlich doch einiges nimmt. Und so bleibt Sweet Country selbst ein wenig staubig und lässt das Publikum durstig und mit einem Verlangen an mehr Tiefe zurück.

(Festivalkritik Beatrice Behn)

 

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