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17 08/09

Venedig 2017: "Mektoub, My Love: Canto Uno" von Abdellatif Kechiche

Das Wort mektoub, welches Abdellatif Kechiches neuem Werk Mektoub, My Love: Canto Uno seinen Namen gibt, ist arabisch und bedeutet Schicksal. Und in der Tat, dies ist ein guter Name für diesen dreistündigen Film, der der erste Teil eines insgesamt sechsstündigen Werkes ist, das Kechiche schon in der Produktion fast Kopf und Kragen gekostet hat. 


(Bild aus Mektoub, My Love: Canto Uno; Courtesy: Venice Film Festival)

Geplant war eine 120-minütige Verfilmung des Romans La blessure, la vraie von François Bégaudeau, doch der Regisseur brach lieber seinen Vertrag, um seiner Vision zu folgen. Das kostete ihn sehr viel Geld und er verkaufte unter anderem mit viel Brimborium seine Goldene Palme für Blau ist eine warme Farbe, um den Film zu finanzieren. Das Ergebnis seiner künstlerischen Vision ist allerdings eine Katastrophe, die ihm, und da kommen wir wieder zum Schicksal, ein gutes Stück seines Rufes kosten könnte.

Aufmerksame Zuschauer hatten es schon in Blau ist eine warme Farbe gespürt. So schön er die Liebesgeschichte um zwei Frauen hier eingefangen hatte, so unangenehm aufdringlich, ja geradezu voyeuristisch war seine Inszenierung jedweder Körperlichkeit dieser zwei Frauen. Genauso ist es in Mektoub, My Love: Canto Uno, nur dass Kechiche es hier faktisch aufgegeben hat, noch eine Geschichte dazu zu erzählen. Die Rudimente der Erzählung, die vorhanden sind, drehen sich um die Hauptfigur Amin (Shaïn Boumédine), einem jungen schüchternen Mann, der aus Paris in seine Heimatstadt im Süden Frankreichs zurückkehrt. Dort erwartet ihn seine große Familie, allen voran Cousin Tony (Salim Kechiouche) und Jugendfreundin Ophélie (Ophélie Bau). Diese führt Kechiche noch in den ersten Minuten durch eine ausgedehnte Sexszene ein, in der die Kamera wie ein eifersüchtiger Freund aufgeregt und sehr nah am Geschehen ist, wobei Ophélie stetig nackt und explizit inszeniert wird und die Kamera in ihren Brüsten, ihrer Vulva und ihrem voluminösen Hintern geradezu verschwindet. Ihr Liebhaber Tony bleibt hingegen ein bruchstückhafter Körper - hier mal ein Arm, da mal ein Kopf. 


(Bild aus Mektoub, My Love: Canto Uno; Courtesy: Venice Film Festival)

Die drei Freunde treffen später auf mehr Familie und auf zwei schöne junge Frauen am Strand: Céline (Lou Luttiau) und Charlotte (Alexia Chardard). Tony bandelt sofort mit der naiven Charlotte an und benutzt sie als Alibi, denn niemand darf von seiner Beziehung zu Ophélie wissen, die mit einem anderen Mann zusammen ist, der jedoch in der Marine und deshalb nie anwesend ist. Der schüchterne Amin findet Gefallen an Céline, ist aber auch verliebt in Ophélie. Doch bei beiden kommt er nie zum Zuge, denn er ist einfach zu in sich gekehrt und umgeben von Freunden und Familie, die äußerst extrovertiert und einnehmend sind und ihm gar keinen Platz lassen. Und so wird dieser Sommer zu einem, in der die Leidenschaft stets da ist, die Liebe aber immer wieder aufgeschoben wird. An ihre Stelle treten unzählige Abende mit viel Alkohol, Musik und Tanz, die sich abwechseln mit heißen Tagen am Strand. Man muss Kechiche lassen, dass er die langsame Hitze der Sommertage und die hitzige Atemlosigkeit der Nächte gut einzufangen weiß. Seine Ästhetik, die stetig suchende Kamera, die Nahaufnahmen auf die Gesichter erzeugen ein Gefühl von Verlangen nach Jugend und Freiheit. 


(Bild aus Mektoub, My Love: Canto Uno; Courtesy: Venice Film Festival)

Doch dieses Verlangen ist eindeutig kein junges. Es ist ein nostalgisches Lechzen nach Jugend, Freiheit und vor allem Sex. Und so ist seine suchende Kamera nicht nur romantischer Ausdruck, sondern vor allem und in diesem Film letztlich ausschließlicher Ausdruck von Geilheit. Es ist schon fast zu einfach, hier mit Laura Mulveys Idee eines männlichen Blicks im Kino zu argumentieren, doch wenn es je einen Film gab, der zu 100 Prozent und ohne jeglichen Versuch, es zu verbergen, aus diesem Blick besteht, dann ist es Mektoub, My Love: Canto Uno. Kechiches Blick verweilt in diesem Film fast ausschließlich auf zwei Ebenen. Die erste ist stets auf Mundhöhe und fast unangenehm nah, wie ein aufdringlicher, betrunkener Liebhaber, der nicht von einem ablassen will. Die zweite ist stets auf Po-Höhe angebracht. Möchte man diesen Film mit den Vorlieben des Regisseurs in Verbindung bringen, so kann man eindeutig sagen, dass Kechiche ein großer Liebhaber voluminöser Hintern ist, die stets zu sehr jungen Brünetten gehören. Ohne zu übertreiben, lässt sich sagen, dass zwei Drittel aller Einstellungen in diesem Film einen Hintern beinhalten, der sich bevorzugt wabernd bewegt, sei es durch einen sexuellen Akt oder dessen Ersatzhandlung des Tanzens. Mektoub, My Love: Canto Uno zeigt so viele Hintern, ja, die Kamera sucht regelrecht nach ihnen und findet sie überall, dass das Publikum irgendwann angefangen hat zu lachen, so offensichtlich ist die Obsession mit diesem Körperteil. 

Und so ist es auch nicht verwunderlich, dass die Frauen in Mektoub, My Love: Canto Uno keinerlei weiteren Eigenschaften haben. Für die Männer, abgesehen von Amin, interessiert sich Kechiche allerdings noch weniger. Und seine Hauptfigur? Kommt einem vor wie ein schlechter Versuch, den Blick der Kamera auf ihn zu projizieren. Amins Aufgabe ist vor allem das Schauen, immer wieder sieht man ihn die anderen beobachten. Doch es nutzt nichts, Kechiche verrät sich. Seine Kamera ist kein leidenschaftliches Blicken eines jungen, schüchternen Mannes. Es ist das lüstern-geifernde Blicken eines alten Mannes, der sich nach Freiheit, Jugend und jungen Frauen sehnt und sich hier all dies unter dem Deckmäntelchen von Kunst und Arthousekino auf drei Stunden ausgedehnt geben lässt. Und das Publikum muss zwangsweise diesen Blick mittragen, ihn aushalten. So mancher mag das interessant finden, andere wiederum mögen in der Lage sein, diesen Blick zu romantisieren. Doch ganz ehrlich, es ist eine schmierige Altherrenfantasie.

(Festivalkritik Beatrice Behn)


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