15 11/09

"Janis: Little Girl Blue" von Amy Berg

Es ist das Jahr der Dokumentarfilme über die berühmten Mitglieder des "Clubs der 27er". Kurt Cobain, Amy Winehouse und nun Janis Joplin — alle starben an einer Überdosis im Alter von 27 Jahren. Und so widmet sich Amy Bergs Janis: Little Girl Blue der einmaligen Sängerin mit der Reibeisen-Stimme, die Zeit ihres Lebens darunter litt als nicht weiblich genug zu gelten. Doch wenn man eines gelernt hat durch diese Lebensgeschichten, dann dass die ganz große Kunst das Leiden voraussetzt und eben dieses Leiden bei sensiblen Seelen nicht nur die größten Werke und Momente, sondern auch die tiefsten Abgründe verursacht.


(Filmbild aus Janis: Little Girl Blue von Amy Berg; Courtesy: 72nd Venice International Film Festival)

Janis: Little Girl Blue ist per se kein innovativer Dokumentarfilm, aber Amy Berg, bekannt durch ihre Arbeiten Deliver Us From Evil und An Open Secret, liefert einen handwerklich einwandfreien Film über die Sängerin. Die Recherchearbeiten und Dokumente, die Wegbegleiter, Filmaufnahmen, Briefe und Textanalysen fügt Berg zu einem kohärenten Gesamtbild, das auch Menschen, die sich gar nicht mit Janis Joplin auskennen, ein komplexes Bild der Künstlerin vermitteln wird. Berg taucht chronologisch in das Leben der Sängerin und zeichnet ihren Weg von der Kindheit bis hin zu ihrem Drogentod nach. Ein Leben, das vor allem von Janis’ massiven Problemen mit anderen Menschen, die sich zeitlebens über sie lustig gemacht haben, sowie ihren beiden großen Talenten geprägt war: ihre Stimme bzw. musikalische Begabung und ihre Fähigkeit gegen den Strom zu schwimmen und sich nicht aufhalten zu lassen von den Steinen, die ihr in den Weg gelegt wurden.

Es wäre müßig weiter auf den Inhalt des Filmes einzugehen, damit würde man ihn einfach vorausnehmen und ruinieren, lebt er doch vor allem von der Geschichte, die er erzählt. Stattdessen sei es gestattet, einen kleinen Vergleich zu ziehen, der sich geradezu aufdrängt: Vor ein paar Monaten kam Asif Kapadias Dokumentarfilm Amy über die Sängerin Amy Winehouse in die Kinos, der allgemein und vor allem in den Vereinigten Staaten sehr viel positives Feedback bekam. In diesem Film zeigt Kapadia – wie Berg hier – chronologisch das Leben der Sängerin mit einer unglaublichen Fülle an Material, vor allem neues, sehr privates Material wie zum Beispiel Anrufbeantwortersprüchen, die sie einst ihren Liebhabern hinterließ. Er argumentierte, dass nicht nur die Drogen die junge Frau vor die Hunde gehen ließen, sondern auch die Männer, die sie ausnutzten, und die Medien, die sich auf sie stürzten. Dabei bemerkt er gar nicht seine Tontaubheit, benutzt er doch eben diese medialen Bilder, um seinen Film zu füllen, und setzt dazu noch eins drauf, indem er ihre Privatsphäre posthum noch einmal verletzt und private Aufnahmen von ihr verwendet. In einigen Berichterstattungen über Janis: Little Girl Blue heißt es, dass dieser Film nicht wie Amy sei. Was die Autoren bedauern. Ich sage: Gott sei Dank. Denn in der Tat, Bergs Film ist nicht so. Es wäre ein unglaublich Leichtes gewesen, sich über Joplin noch einmal zu belustigen, sie von oben herab zu behandeln und zu bemitleiden oder ihr Leben und ihre Taten ausschließlich als Schrei nach Liebe zu beurteilen. Wahrlich, vor allem mit ihren Liedtexten wäre dies ein Leichtes gewesen.


(Filmbild aus Janis: Little Girl Blue von Amy Berg; Courtesy: 72nd Venice International Film Festival)

Doch Berg tut all dies nicht. Sie wahrt einen Respektabstand und man merkt dem Film an, dass er versucht, so objektiv zu sein, wie es geht, und das Material für sich sprechen zu lassen, ohne einen bestimmten Standpunkt einzunehmen. Berg entzieht sich dem Moralischen und Interpretativen, vielmehr erlaubt sie Joplin selbst zu sprechen, indem sie immer wieder Briefe und Postkarten vorlesen lässt, in denen Joplin selbst ihre Lebensumstände beschreibt und interpretiert. 


(Trailer zu Janis: Little Girl Blue von Amy Berg)

So wird aus Janis: Little Girl Blue am Ende ein Film, der nicht über, sondern durch Joplin spricht und ihr damit nicht nimmt, was ihr immer am wichtigsten war: ihre bedingungslose Meinungsfreiheit

(Festivalkritik von Beatrice Behn, Filmfestspiele Venedig 2015)