15 11/09

"Anomalisa" von Charlie Kaufman

Irgendwie wollte niemand in Hollywood dem Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman Geld für einen neuen Film geben.  Und das nach Werken wie Synecdoche, New York, Eternal Sunshine of the Spotless Mind und Adaptation. Idioten! 


(Filmstill aus Anomalisa von Charlie Kaufman, Courtesy: Filmfestival Venedig 2015)

Also hat Kaufman seinen neuen Film Anomalisa gecrowdfundet. (https://www.kickstarter.com/projects/anomalisa/charlie-kaufmans-anomalisa). Mit den läppischen 400.000 US-Dollar, die er eingenommen hat, hat er nun einen Film gemacht, der einerseits so simpel ist, dass man es kaum glauben mag, andererseits aber solche Tiefen und Weiten hat, dass er hier in Venedig eine ganze Reihe anderer Filme mit riesigen Budgets einfach weggefegt hat. Gleiches geschah wohl in Telluride und wird wohl auch in Toronto beim Filmfestival geschehen. 

Daran zeigt sich einmal wieder, dass Film eben vor allem aus der Tradition des Geschichtenerzählens kommt und diese Kulturtechnik manchmal mehr Verbindung schafft als die bombastischsten Bilder, die größten Explosionen und die massivsten Sets mit den größten Stars. Nichts von alledem hat Anomalisa. Der Film hat nicht einmal Menschen, denn Charlie Kaufmans Protagonisten sind Handpuppen, die sehr lebensecht ausgestattet sind. Inklusive Genitalien. Aber dazu kommen wir später. 

Michael Stone ist ein berühmter Schriftsteller. Er schreibt Ratgeberbücher für Menschen, die im Customer Service arbeiten - eines der größten und wichtigsten Arbeitsgebiete in den USA. Dort hat der Kunde immer Recht, und Michaels Buch hat schon vielen geholfen, ihre Quote zu erhöhen und noch freundlicher und hilfsbereiter zu sein. Nun fliegt er nach Cincinnati, Ohio, um dort einen Vortrag bei einem Customer-Service-Kongress zu halten. Eigentlich müsste er glücklich sein, so erfolgreich wie er ist. Aber Michael hat ein Problem: In seiner Realität sehen alle, wirklich alle Menschen genauso aus wie er. Sie sprechen genau mit der gleichen Stimme wie er. Und sie sind alle unfassbar höflich und zuvorkommend, so sehr, dass sie fast aufdringlich sind. Niemand von ihnen ist irgendwie anders oder besonders - oder hat irgendeine andere Laune als latente Depression gepaart mit einem Hauch Passiv-Aggressivität. Also labert ihn der Taxi-Fahrer zu, er müsse den Zoo besuchen und das berühmte Chili essen, der Page im Hotel ist äußerst anstrengend-hilfsbereit, ebenso die Kellnerin an der Bar und der Verkäufer im Spielzeugladen, in dem er seinem Sohn etwas kaufen will und wird, wenngleich sich der Laden als Sex-Shop herausstellt. Michael ist einsam. So sehr, dass er sogar eine alte Flamme anruft, die er vor 12 Jahren hat sitzen lassen, und versucht, sie auf sein Zimmer zu kriegen. Doof nur, dass diese nie über das Beziehungsende hinweg gekommen ist und seine Idee nicht so brillant findet. Plötzlich ist zwischen all dem Gleichen Lisa, die Kundenbetreuerin. Sie ist anders. Sie hat ein eigenes Gesicht, ja, sogar mit einer Narbe, und sie hat eine eigene Stimme. Michael ist fasziniert. Sie ist die einzige Anomalie in seiner Welt - sie ist seine AnomaLisa. Daher beschließt Michael, dass sie sein werden muss. Erst sexuell - und am nächsten Morgen ganz und gar.

Es gibt nur einen Film, mit dem man Anomalisa zumindest rudimentär vergleichen kann: Team America. Allerdings ist Kaufmans Film die weitaus zartere, humanistischere und surrealere Variante, deren Geschichte einerseits unfassbar amerikanisch, andererseits absolut universell ist. Michaels Welt ist eine, die schon längst im Schwindel der amerikanischen Freundlichkeit ersoffen ist, in der die Menschen mittlerweile von ihren wahren Gefühlen und ihrer wahren Meinung getrennt sind, so dass sie gar keine Bezugspunkte mehr haben, was echt ist und was nicht. Und wenn die Welt einzig eine glatte, stetig lächelnde Oberfläche ist, in der man sich nur noch spiegeln kann, anstatt hindurchzusehen, so ist es kein Wunder, dass Michael in allen Menschen nur noch sich selbst sieht. 

Gleichsam zeigt Kaufman aber auch die ganz universelle Erfahrung der Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Es ist die einsame Begegnung Michaels und (Anoma)Lisas in dieser Nacht in Ohio, die diesen Film wahrlich direkt in das Herz eines jeden Zuschauers transportieren wird. In dieser Nacht sind sie Bob (Bill Murray) und Charlotte (Scarlett Johansson) in Lost in Translation ganz ähnlich. Während um sie herum eine unverständliche Welt tobt, sind sie für einen Augenblick sie selbst, sie sind echt und sich menschlich nah. 

Mit der Virtuosität, die er schon in seinen anderen Filmen bewiesen hat, arbeitet sich Kaufman hier durch die Höhen und Tiefen der menschlichen Gefühle und wechselt dabei so oft und gekonnt die Töne, dass man von Anfang bis Ende nicht weiß, wohin der Film als nächstes führen soll. Jeder Moment, jede einzelne Konversation ist brillant und herzzerreißend, witzig und traurig zugleich.

So klein der Film ist - der Inhalt würde eigentlich für einen Kurzfilm reichen -, so groß ist sein Thema und so tief ist sein Blick ins Innere. Wenn nach diesem Film wieder niemand Kaufmans Projekte finanzieren will, das nächste Crowdfunding unterstütze ich gern. Denn der Film braucht seine Sicht auf die Welt dringend, er braucht seine "Anomalie".

(Festivalkritik von Beatrice Behn, Filmfestspiele Venedig 2015)