Streaming-Empfehlungen für September 2017 - Ich glotz TV & VoD Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
17 08/09

Streaming-Empfehlungen für September 2017

Bei Amazon Prime verspricht der September ein dichtes Programm besonders sehenswerter Filme sowie einen reizvollen Serien-Neustart. Netflix hingegen scheint sich ein wenig in die herbstliche Wolldecke eingerollt zu haben, während MUBI gleich zwei überaus sehenswerte deutsche Filme und einen faszinierenden Dokumentarfilm im Angebot hat.


(Bild aus The Last Tycoon; Copyright: Amazon Prime Instant Video)

Amazon Prime Video

The Last Tycoon

Die goldenen Zeitalter Hollywoods haben in den vergangenen Jahren immer wieder zu Nostalgie eingeladen, seien es bei den Coen-Brüdern die 1950er Jahre in Hail, Caesar! (2016) oder bei Woody Allen die 1930er in Café Society (2016). Und auch F. Scott Fitzgerald geht immer: Zuletzt konnte die Amazon-Serie Z: The Beginning of Everything über das Leben seiner Frau Zelda Erfolg verbuchen. Nur schlüssig, dass beides sich nun verbindet: The Last Tycoon ist die Serien-Adaption des letzten Romans von Fitzgerald. In den 1930er Jahren arbeitet sich der aufstrebende Produzent Monroe Stahr (Matt Bomer) in Hollywood nach oben. Sein größter Rivale ist dabei sein Chef, Studio-Boss Pat Brady (Kelsey Grammer). Vor dem Hintergrund von Wirtschaftskrise, Intrigen und Glamour entfaltet sich eine Serie, die mit aufwändiger Produktion das klassische Hollywood-Kino auferstehen lässt. Ein für sich genommen immer wieder reizvolles Setting wird mit der Vorlage eines der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts verknüpft. Von den neun Episoden der ersten Staffel kann man sich bereits auf Amazon Prime überzeugen, ab dem 15.09. sind sie auch in deutscher Synchronfassung verfügbar.


(Trailer zu The Last Tycoon)

Tschick

Der Erfolg von Wolfgang Herrndorfs Roman Tschick gelang im vergangenen Jahr auch der gleichnamigen Verfilmung durch Fatih Akin, die ähnliche Begeisterungsstürme wie ihre Vorlage auslöste: In den Sommerferien beschließen die beiden Jungs Maik und Tschick (Tristan Göbel und Anand Batbileg), sich auf den Weg in die Walachei zu machen, um dort Tschicks Großvater zu besuchen. Sie sind beide Außenseiter, von ihren Eltern vernachlässigt und brechen in einem alten Lada auf, ohne Karte und ohne Ahnung, quer durch Ostdeutschland. Herrndorf gelang mit dem Roman ein einfühlsames und greifbares Bild jugendlichen Ausbruchs, das im Roadmovie von Akin seine Form findet. In skurrilen bis bewegenden Episoden treffen die beiden Jungs auf die unterschiedlichsten Menschen und versuchen, einen Platz für sich in der Welt finden. Der Film ist ab dem 09.09. im Programm von Amazon Prime zu sehen.

Ich, Daniel Blake

Ken Loach gehört zu den produktivsten und wichtigsten britischen Regisseuren. Von Beginn seiner Karriere in den 1960ern bis heute hat er mit seinen Filmen immer wieder versucht, Bilder sozialer Ungerechtigkeit zu finden und mit dem Film dagegen anzukämpfen. Sein jüngstes Werk Ich, Daniel Blake gewann wie schon 2006 sein Film The Wind That Shakes The Barley die Goldene Palme in Cannes: Daniel Blake (Dave Johns) kann nach einem Herzinfarkt nicht mehr als Tischler arbeiten. Sozialleistungen erhält jedoch auch nicht, da er fälschlich für arbeitsfähig befunden wird – es beginnt ein zermürbender Kampf gegen die Bürokratie eines menschenfeindlichen Sozialsystems. Er lernt dabei die alleinerziehende Mutter Katie (Hayley Squires) und ihre Kinder kennen und entwickelt eine großväterliche Beziehung zu der Familie – ein kleines Stück Wärme inmitten der Kälte. Ich, Daniel Blake ist ein Film über Stolz und Würde, die in einem System der sozialen Unterdrückung kaum bestehen können. In ergreifenden Bildern zeigt Loach, was es heißt, aus der Gesellschaft zu fallen und jede Möglichkeit des Halts zu verlieren. Der grandiose Film ist ab dem 29.09. bei Amazon Prime verfügbar.


(Trailer zu Ich, Daniel Blake)

Und außerdem ...

In einem außergewöhnlichen starken Film-Monat muss an dieser Stelle noch auf drei weitere Filme verwiesen werden, die im Programm von Amazon Prime im September starten: Ab dem 19.09. ist Tom Hoopers The Danish Girl verfügbar, der die Geschichte von Lili Elbe (Eddie Redmayne) erzählt, einer der ersten intersexuellen Menschen, die 1930 eine geschlechtsangleichende Operation durchführen ließ. Ebenfalls am 19.09. wird Olivier Assayas’ Versuch zwischen Psychodrama und Geisterfilm, Personal Shopper, in das Programm aufgenommen sowie ab dem 29.09. mit Einfach das Ende der Welt auch der jüngste Film des kanadischen Regisseurs Xavier Dolan.

 

Netflix

Strong Island

Zunehmend etabliert Netflix sich – wie zuletzt auch bei den diesjährigen Oscar-Nominierungen zu sehen war – mit vielbeachteten Dokumentarfilmen. Mit Strong Island setzt sich der Fokus des Streaming-Anbieters fort, immer wieder auch Geschichten zu erzählen, die sonst nicht gehört werden: Am 7. April 1992 wird der 24-jährige Afroamerikaner William Ford Jr. von einem 19-jährigen weißen Mechaniker erschossen. Dieser wurde jedoch nie angeklagt und die Schuld an den Ereignissen wurde in Folge dem Ermordeten gegeben. 25 Jahre später setzt sich Transgender-Regisseur Yance Ford, dessen Bruder der Ermordete war, mit den Erinnerungen und dem allgegenwärtigen Rassismus in den USA auseinander. Es ist die Geschichte des Aufstiegs einer Familie, die sich dennoch nicht von Ungerechtigkeit und Unterdrückung befreien kann. Der berührende Film feierte in diesem Jahr auf dem Sundance Film Festival seine Premiere, lief auf der Berlinale und startet nun am 15.09. auch bei Netflix.


(Bild aus Strong Island; Copyright: Doc & Film International)

Empfehlung aus dem Katalog: Hindafing

Schon mit Morgen hör ich auf hat einer der größte Serien-Hypes der letzten Jahre um Breaking Bad seinen Weg in eine deutsche Adaption gefunden. Beim Bayerischen Rundfunk wird das Ganze nun noch mit etwas House of Cards und Heimatserien-Anleihen garniert und es entsteht etwas gänzlich Eigenes: Hindafing. Bürgermeister dieses Dorfs: Alfons Zischl (Maximilian Brückner). Seine Probleme: Schulden, Korruption, Drogen. Das Setting bayerischen Heimatlebens, das sich hier mit großen Polit-Intrigen und persönlichen Eskapaden verbindet, schafft es gerade deswegen, mehr als nur die deutsche Adaption einer US-Serie zu sein. Hindafing gelingt die Ablösung von seinen Inspirationen zu einer komischen, packenden und interessanten deutschen Serie. Die sechs Episoden der ersten Staffel, die im Mai vom BR ausgestrahlt wurden, sind seit August im Programm von Netflix zu sehen.

 

MUBI

Wolke 9

Andreas Dresen blickt in seinen Filmen schonungslos auf den Menschen. Sei es auf den Menschen abseits der Gesellschaft mit Nachtgestalten (1999) oder im Angesicht des eigenen Sterbens in Halt auf freier Strecke (2011). In Wolke 9 (2008) geht es um das Altern und vor allem die Liebe und die Sexualität im Alter. Der in Cannes und mit dem deutschen Filmpreis ausgezeichnete Film erzählt von Inge (Ursula Werner) und Werner (Horst Rehberg), die seit mehr als dreißig Jahren glücklich verheiratet sind und eine intakte Ehe mit einem intakten Sexualleben führen. Als Inge jedoch Karl (Horst Westphal) kennenlernt, ebenfalls über 70, beginnt sie eine Affäre mit ihm und so sehr sie es versucht, sie kann ihre Gefühle für Karl nicht unterdrücken. Dresens Film interessiert sich damit für eine Lebensphase, die oft nur als Staffage daherkommt, als zeitloser Zustand von Menschen, die eben einfach irgendwie alt sind. Wolke 9 gibt ihnen eine Lebendigkeit und Würde, er gibt ihnen Gefühle und Sehnsüchte und interessiert sich für weit mehr als nur das Altsein. Der bewegende Film ist noch bis zum 20.09. bei MUBI zu sehen.

(Trailer zu Wolke 9)

Psychohydrography

Den experimentellen Dokumentarkünstler Peter Bo Rappmund einfach als Landschaftsfilmer zu bezeichnen, griffe kolossal zu kurz. Sein Film Psychohydrography (2010) zeichnet den Weg der Wasserversorgung von Los Angeles nach, beginnend in der Sierra Nevada und endend im Pazifik. Mit visuell wie akustisch anspruchsvollen Kompositionen begleitet der Film das Wasser vorbei an den unterschiedlichsten Orten, verweilt hier und dort und ist gleichzeitig immer Teil der unaufhörlichen Fließbewegung. Der beeindruckende Experimental-Dokumentarfilm ist im Programm von MUBI noch bis zum 29.09. zu sehen. Auch wenn bisher keine Retrospektive angekündigt ist, scheint es durchaus möglich, dass der Streaming-Anbieter auch weitere Filme von Rappmund hinzufügt. Nicht weniger beeindruckend: Tectonics (2012), ein Film über die amerikanisch-mexikanische Grenze, und Vulgar Fractions (2015), der einzelne Orte an der Grenze von Nebraska aufsucht.

Das Gespenst

Dieser einzigartige Film von Herbert Achternbusch, 2008 bei einer Neuprüfung der FSK mit einer Freigabe ab 12 Jahren versehen, sorgte bei seiner ursprünglichen Veröffentlichung 1982 für großes Aufsehen. Die Christusfigur einer bayerischen Klosterkirche steigt von ihrem Kreuz herab, um fortan mit der Oberin des Klosters zusammenzuleben. Gemeinsam ziehen sie durch das Land und treffen auf die verschiedensten Menschen. Dem Film, seinerzeit von christlichen Gemütern als Beleidigung empfunden, folgten Protestaktionen und eine Kürzung der eigentlich zugesagten Fördersumme. Mehr als der Film selbst ist damit seine Rolle für den deutschen Autorenfilm in Erinnerung geblieben. Das allein aber sollte Grund genug sein, ihn sich bis zum 15.09. im Programm von MUBI anzusehen.

(Lars Dolkemeyer)