17 28/06

Filmfest München 2017: "A Thought of Ecstasy" von RP Kahl

Gedanken der Ekstase treiben durch Franks Gehirn, der durch die Wüste Kaliforniens fährt auf der Suche nach einer Frau, nach seiner Frau des Lebens. Der in ein undurchdringliches Spiel um Sex und Macht und Liebe und Tod gerät. Und der sich in tödliche Intrigen verstrickt. RP Kahl drehte mit A Thought of Ecstasy einen Erotik-Wüsten-Thriller, in bester Noir- und Pulp-Tradition. Vielleicht ist es Trash. Vielleicht gar ein Essayfilm. Auf jeden Fall eine faszinierende Erfahrung.


(Bild aus A Thought of Ecstasy; Courtesy of Filmfest München)

Der Film lebt von seiner Atmosphäre; wie jeder Noir-Film. Nur dass hier nicht die visuelle Düsternis, sondern die helle Kahlheit gefeiert wird. Bei Autofahrten durch die endlose Wüstenlandschaft, bei Trips in die Felsen. Wenn sich zwei Nackte begegnen in den sonnengebleichten, ausgebrannten Landschaften, dann findet Kahl zu einem Zabriskie Point-Erlebnis. Michelangelo Antonionis Abgesang auf die Hippieträume hat tatsächlich untergründige Connections zu Kahls Film, der 2019 spielt, nördlich der großen Mauer zu Mexiko, in dem im Radio von politischen Krisen und Unruhen die Rede ist: Ein sonnendurchfluteter Film voll subtiler und manifester Gewalt. Um die Ecke gucken Nicolas Roeg und David Lynch. A Thought of Ecstasy: das hat auch Anklänge an Werner Herzogs Idee von der "ekstatischen Wahrheit", die hinter der Realität liegt, in dem, was ein Film mit seinen Bildern, seinen Tönen, seinen Geschichten herauskitzeln kann.

"Ich wollte schon immer wissen, was jenseits der Frontscheinwerfer liegt", so hören wir Frank gleich am Anfang bei nächtlicher Fahrt, "in jener Welt, die ständig neu entsteht." Er gerät in eine Welt, die ganz für ihn erschaffen ist, eine Welt der Erinnerung, eine Welt der Fiktion, denn er sucht nach dem Phantom seiner Liebe. Marie, die sich Ross nennt, hat ihr Tagebuch in einen Roman verwandelt, mit Frank, ihrem Geliebten, als Hauptcharakter. Marie/Ross, die als Stripperin "Hope" hieß. Die sich mit der Kollegin "Destiny" einließ. "Hope küsst Destiny" – das hören wir in der anderen Ebene, in der Ebene der fiktionalisierten Vergangenheit, der Frank hinterherjagt, in der Ebene, auf der der Lebens- und Liebes-Roman verlesen wird: "Küssen ist der Anfang von Kannibalismus."

Aphorismen, coole Formulierungen, lakonische Dialoge prägen den Film, und eine Story, die verschlungen ist, die ihre Protagonisten verschlingt, die den Zuschauer umschlingt: Eine Story, die hanebüchen ist, wie jede Noir-Story, die sexy, voller Verführung und voller Tod ist. Eine Story, die reiner Pulp ist, billigste Kolportage. Doch genau da kann ein Film sich erheben über das, was seine Grundlage ist, und frei schweben in locker assoziierten Handlungsfäden: Kahl hat, nach eigener Aussage, seinen Film wie ein Gemälde angelegt, mit einer grundsätzlichen Idee von Atmosphäre und Stimmung, die in verschiedenen Entwicklungen, in mehreren Drehphasen immer neue Formen angenommen hat.

So trifft Frank, von RP Kahl selbst gespielt, auf verschiedene Frauen, verführerisch, erotisch und nicht mit Kategorien der Echtheit oder Falschheit zu erfassen. Frauen, die wie Reminiszenzen, wie Wiedererstehungen seiner Marie scheinen; Frauen, die auf ihn angesetzt sind als Beute, bei denen er zuschnappt. Im Hintergrund eine alte Antagonistin, Verlegerin des Tagebuchromans, die die Fäden in der Hand hält wie eine Spinne. Und Frank, wie ein Schlafwandler, gerät in SM-Fantasien und Sexvideos; da wird Masturbation als Machtdemonstration benutzt und Verführung als Droge; da verfremdet sich die Realität – oder das, was Frank dafür hält –, sie geht auf in Farben und Formen bei seinen Autotrips über Amerikas Straßen. Der Sex ist echt; spätestens seit Bedways manifestiert sich Kahls Interesse an der Möglichkeit der filmischen Aktdarstellung. Wir sehen alles, doch nicht zur Erregung des Filmzuschauers – vielmehr Zeichen für die volle Hingabe der Darsteller, die alles zeigen; und die dabei, in der Handlung, niemals eindeutig sind, die sowohl hier und jetzt als auch damals und in der Tagebuchfiktion stattfinden ...


(Bild aus A Thought of Ecstasy; Courtesy of Filmfest München)

Es ist am Ende alles ganz einfach; alles löst sich auf, Fiktion und Wirklichkeit, Traum und Vergangenheit. Nicht mit einem minutenlangen Knall wie in Zabriskie Point; eher langsam, unausweichlich, spielerisch – Blow up-mäßig: Weil nur das da sein will, das wir wahrnehmen, und alles übrige uns übersteigt. Weil nichts real ist. Und alles wahr.

(Festivalkritik von Harald Mühlbeyer)

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Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Peter Specht am: 29.06.17
Tolle Besprechung, die diesem sinnlich-irren Film sehr gerecht wird. "A Thought Of Ecstasy" war mir eine großartige Kinoerfahrung! Es tut gut, zu hören und sehen, dass es weit abseits langweiliger Mainstreamfabrikaktionen immer ein noch undomestiziertes, unabhängiges Kino gibt!