"Volt" von Tarek Ehlail - Filmfest München 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 27/06

"Volt" von Tarek Ehlail

Bilder von Flüchtlingen, die unter schlechten hygienischen Bedingungen in provisorischen Verschlägen hausen und sich an Deutschlands Grenzen mit der Staatsgewalt aufgeheizte Auseinandersetzungen liefern. Auf den ersten Blick wirkt Volt weniger wie eine düstere Thriller-Dystopie, als vielmehr wie eine allegorische, unverhohlene Gesellschaftskritik am Puls der Zeit.


(Bild aus Volt; Courtesy: Filmfest München 2016)

Das ist kaum verwunderlich: Der Deutsch-Palästinenser Tarek Ehlail (verantwortlich für Regie und Drehbuch) eröffnete vor seiner Karriere als Filmemacher zwei Piercingstudios sowie den ersten deutschen Punkfightclub, drehte Musik-Clips, tauchte in seinem Kinodebüt Chaostage – We Are Punks! (2009) tief in die linke Szene der 1980er und 1990er Jahre ein und blieb der Affinität für dieses Milieu auch in seinen Episodenfilm Gegengerade (2010) um Fans des FC St. Pauli treu, die schlussendlich von Polizisten verprügelt werden. Das unter diesen Voraussetzungen zu erwartende brisante "Was wäre wenn?"-Gedankenexperiment zur Flüchtlingskrise verflüchtigt sich jedoch mit zunehmender Laufzeit zusehends, da es allzu sehr in Genre-Versatzstücken und -motiven, von Blade Runner bis Michael Winterbottoms Code 46, verhaftet ist.

In der nahen Zukunft hat Deutschland an seinen Außengrenzen Transitzonen errichtet, in denen Flüchtlinge zusammengepfercht in alten Baracken ein trostloses Dasein fristen. Als der schnell aufbrausende Polizist Volt (Benno Fürmann) bei einem Einsatz den Flüchtling Hesham tötet, wird die aufgebrachte Stimmung weiter angeheizt. Die Dienstaufsicht beginnt zu ermitteln, stößt aber auf eisernes Schweigen. Doch in Volt hat der Vorfall etwas ausgelöst: Er beginnt, sich heimlich in die Transitzonen zu schleichen und macht dort die Bekanntschaft mit Hershams attraktiver Schwester.


(Tarek Ehlail zu Volt)

Egal, ob Volt mit seinem Motorrad öde Industrielandschaften durchstreift, mit seiner Affäre im schmuddeligen Hinterzimmer eines Clubs wilden, aber jugendfrei inszenierten Sex hat, mit seinen Kollegen auf Streife geht oder zu Hause seine körperlichen und seelischen Wunden leckt: In nahezu jeder Szene ist der unbändige, leider aber auch arg aufdringliche Stilisierungswille von Tarek Ehlail zu erkennen. Farbfilter sind ebenso omnipräsent wie lärmend wummernde Elektro-Beats. Ästhetisch erinnert Volt an ein ganz der Attitüde verpflichtetes Musikvideo eines Gangsterrappers – und leider auch in seiner Sprache. Die klanglich zuweilen schlecht abgemischten Dialoge sind arg simpel geraten – und die Gespräche unter den Polizisten weisen ein nahezu unerschöpfliches Vokabular an rassistischen Beleidigungen auf. Filmemacher haben ihrer politischen Positionierung auch schon subtiler Ausdruck verliehen.


(Bild aus Volt; Courtesy: Filmfest München 2016)

Dem sonst so wandlungsfähigen Benno Fürmann (Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss, 2014) gelingt es leider nicht, seinem unsympathischen und eindimensionalen Protagonisten zwischen Einsatz, Betrinken mit Kollegen und aufkeimender Liebe wirkliches Leben einzuhauchen. Woher die Aggression und später die Reumütigkeit seiner Figur rühren, bleiben im Dunkeln. Einen Charakterkopf wie Stipe Erceg (Die vierte Macht, 2012) hätte es auch nicht gebraucht, um in einer Handvoll Szenen als zwielichtiger Erpresser durch die Szenerie zu huschen. Der in seinem Plot vorhersehbare Volt bringt eigentlich alle Voraussetzungen für eine packende Dystopie mit – scheitert jedoch an mangelndem Tiefgang, der nur mühsam von einer glitzernden, schicken Oberfläche kaschiert werden kann. Weniger Attitüde und mehr Mut zu authentischer Milieuzeichnung abseits plumper Klischees hätte diesem ambitionierten, aber leider gescheiterten Werk mit immerhin beklemmend gegenwärtiger Zukunftsvision gutgetan.

(Lutz Granert)