"Nellys Abenteuer" von Dominik Wessely - Filmfest München 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 24/06

"Nellys Abenteuer" von Dominik Wessely

Eins darf man schon mal sagen: Dass ihnen die Tochter wegläuft, das haben diese Eltern sich redlich verdient. Denn wer kommt schon bitte auf die Idee, einem 13-jährigen Kind zu verschweigen, dass man zwar in den Sommerferien nach Rumänien fährt, dann aber dort auch gleich bleiben wird, weil der Vater anschließend dort arbeiten wird? Kein Wunder also, dass das Kind ob dieser Nachricht rebelliert ("Wie krass ist das denn? Ich zieh doch nicht in dieses Scheißland!") und in die Nacht, ins fremde Land hinein abhaut. Und ab da gehen die Dinge ja erst so richtig schief.


(Bild aus Nellys Abenteuer; Courtesy: Filmfest München 2016)

Nelly Klabund (Flora Li Thiemann) ist schon vorher gelegentlich zickig, aber das ist dem Alter angemessen: "Viel zu nass draußen, ich bin ja kein Fisch." Die Eltern (Julia Richter und Kai Lentrodt) nerven eh – Mama ist zu viel daheim, Papa baut Windkraftanlagen, das scheint ihm die Lösung vieler Probleme zu sein, im täglichen Leben ist er jedoch gelegentlich ein wenig ungelenk. Im Urlaub geht es also irgendwo in den Osten, Transsilvanien ist nicht weit, und da ist es nicht nur fremd, sondern auch nicht unbedingt subtil abstoßend: Die Pastete ist mit Schweinehirn gemacht, der Schnaps selbstgebrannt und eine Taube kackt auf Nellys Jacke.

Dann wird Nelly entführt – die Gesamtgeschichte dazu ist ein wenig durcheinander, letztlich geht es ums Geld: Ein deutscher Unternehmer (Gustav Peter Wöhler) will nicht, dass die Windräder entstehen, weil er ja selbst für seinen Staudamm ein Tal mitsamt Dörfern fluten lassen will. Nelly ist also Faustpfand, wird irgendwo auf einem Dorf versteckt, wo sie sich aber schnell mit den Roma-Kindern Roxana (Mihai Raisa) und Tibi (Hagi Lacatus) anfreundet.

Das ist alles ganz nett erzählt, fühlt sich jedoch noch wesentlich konfuser an, als es sich zunächst anhört. Vor allem ist Dominik Wesselys Film – nach einem Drehbuch von Jens Becker und Uta Kolano – aber leider viel zu wohlmeinend. Nellys Abenteuer ist ein wenig Roadmovie, vor allem aber Bildungsreise: Kind aus dem Bildungsbürgertum – ein wenig verwöhnt, spielt Querflöte – lernt die echte Welt und das wahre Leben der Roma kennen.

Das ist, wie gesagt, gut gemeint, und alles nicht einmal falsch; es ahmt aber in allen seinen Schritten und Szenerien eine Perspektive nach, die herablassend, fast kolonialistisch ist. Alle Protagonisten mit Macht und Einfluss sind Deutsche, der rumänischen Polizei kann man aber anscheinend nicht trauen. Leider wirken auch die Eltern irgendwie nicht so richtig überzeugend in ihrer Verzweiflung ob der verschwundenen Tochter – ein wenig mehr Hysterie, etwas weniger Komödie hätte da dem Film womöglich gutgetan. Die Rumäninnen und Rumänen sind zwar fast alle herzensgut, aber im Zweifel schwach oder arme Handlanger der Deutschen. Im Dorf der Roma, das natürlich nur einen einzigen Wasseranschluss hat, sind die Menschen fröhlich und wird gerne Musik gemacht.


(Bild aus Nellys Abenteuer; Courtesy: Filmfest München 2016)

Nichts davon ist überraschend, weil es so genau den Klischees entspricht, die man von Rumänien hat. "Wir wie Scheiße am Schuh von Europa", nennt eins der Roma-Kinder den Zustand seines Landes – und das mag stimmen, aber es wird zu keinem Zeitpunkt das herausgefordert, was wir sowieso schon denken. Alle Entscheidungen, alle wesentlichen Handlungsschritte aber gehen von den Deutschen aus, die Geld und Fähigkeiten mitbringen; als gebe es keine eigenen Ingenieure im Land.

Das ist schade, denn eigentlich hätte man über das Leben der Roma zum Beispiel gerne mehr gewusst nach diesem Film. Aber dafür hätte es eine Protagonistin wie Roxana sein dürfen. Vielleicht beim nächsten Mal?

(Rochus Wolff)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 1 von insgesamt 1)
Von: Dominik Wessely am: 28.06.16
Sehr geehrter Rochus Wolff, ich beziehe mich auf Ihre Besprechung meines Films "Nellys Abenteuer", die Sie gerade hier auf Kino-Zeit.de veröffentlicht haben. Natürlich wünscht man sich als Filmemacher immer erst einmal verstanden zu werden. Wenn das - wie in Ihrem Fall geschehen - nicht eintrifft, verursacht es, ich gebe es zu, eine gewisse Enttäuschung, was letztlich aber unerheblich, weil ohnehin nicht zu ändern ist. Der Anlass meiner Zeilen heute sind also nicht mutmaßliche Gefühle der Kränkung, es ist schlicht der Ärger, den Ihre Besprechung in mir geweckt hat. Und der beruht nicht auf Ihrer kritischen Auseinandersetzung mit meiner Arbeit als Regisseur, sondern auf der insgesamt doch sehr herablassenden Haltung, die meines Erachtens Ihrer gesamten Besprechung zugrunde liegt. Sie werfen mir vor, eine "wohlmeinende Bildungsreise" inszeniert zu haben, deren Haltung "herablassend, fast kolonialistisch" ist. Die Rumäninnen und Rumänen seien zwar fast alle herzensgut, aber im Zweifel schwach oder arme Handlanger der Deutschen. Alle Entscheidungen, alle wesentlichen Handlungsschritte gingen von den Deutschen aus, die Geld und Fähigkeiten mitbringen; als gebe es keine eigenen Ingenieure im Land. Angesichts dieser Zeilen frage ich mich, welchen Film Sie gesehen haben? Ist Ihnen wirklich entgangen, dass die Rumänen im Film, allen voran die Roma starke und eigenwillige Charaktere sind, die sehr wohl in der Lage sind, selbstbestimmte Entscheidungen zu treffen und die dies auch tun? (siehe Mama Roza, siehe ihre Kinder Tibi und Roxana) Wäre dem nicht so, würden gerade die Kinder unter unseren Zuschauern nicht so stark auf diese Figuren reagieren. Wenn Sie das nicht überzeugt, empfehle ich Ihnen, einmal einen Blick auf die Festivalseiten des TIFF zu werfen. Dort, in Cluj, haben wir „Nellys Abenteuer“ vor vier Wochen zum ersten Mal überhaupt präsentiert. Vor siebenhundert Zuschauern, unter denen ungefähr 500 Romakinder waren. Wie, denken Sie, haben die reagiert? Sie haben gejubelt und dem Film mehr als ein Dutzend Mal Szenenapplaus gespendet. Festivaldirektor Tudor Giurgiu schrieb anschließend in seinem Festivalblog: „So etwas habe ich in 15 Jahren Festivalgeschichte nicht erlebt.“ Glauben Sie allen Ernstes, der Film wäre derartig aufgenommen worden, wenn die Rumänen und Roma im Publikum das Gefühl gehabt hätten, hier sei ein Filmemacher aus dem Westen gekommen und habe sich herablassend oder gar kolonialistisch ihrer Geschichte bedient? Oder halten Sie die Menschen in Rumänien schon für so entfremdet, dass sie nicht mehr in der Lage sind, selbstbestimmt über einen Film zu urteilen? Das wäre dann tatsächlich ein kolonialistischer Denkansatz... Sie merken weiter an, wir würden Rumänien- bzw. Roma-Klischees reproduzieren, unter anderem würden wir ein Roma-Dorf zeigen, in dem es nur einen einzigen Wasseranschluss gebe. Wenn Sie die Darstellung dieser Sachverhalte als Klischees kritisieren, gehe ich davon aus, dass Sie Landeskunde besitzen und Rumänien bereist haben? Auch Roma-Dörfer? Ich kann Ihnen versichern, dass wir in mehr als einem Dorf auf Recherchen unterwegs waren, und dass die von uns geschilderten Verhältnisse keine Klischees sind; sie sind bittere Realität. Wenn all diese Zusammenhänge Sie nicht zu interessieren vermögen, dann ist das ganz bestimmt kein Problem des Films. Den Vorwurf, Klischees zu reproduzieren weise ich jedenfalls zurück, er fällt auf Sie zurück. Genauso wenig zielführend ist ihr (herablassend wohlwollend gemeinter) Ratschlag, es das nächste Mal mit einem Film zu versuchen, in dem eine Roma die Hauptrolle spielt. Stellen Sie sich doch bitte mal für einen Augenblick vor, dass das gar nicht mein Interesse war. Dafür, dass „Nellys Abenteuer“ nicht Ihre Erwartungen erfüllt hat, kann ich nun wirklich nichts. Dies dem Film vorzuwerfen, empfinde ich als unredlich und einer ernsthaften Auseinandersetzung mit einem Film nicht angemessen, an dem der einige der daran Beteiligten ein Jahrzehnt lang gearbeitet haben. Wir fanden es wichtig und richtig, hierzulande bei Kindern ein Bewusstsein dafür zu wecken, dass es mitten in Europa, gerade einmal eineinhalb Flugstunden von Deutschland entfernt, eine Welt gibt, die durchaus fremd und anders ist und die nach ganz anderen Regeln geordnet ist als die, in der viele deutsche Kinder aufzuwachsen gewohnt sind. Dass die Begegnung mit dem Fremden nicht nur Angst verursachen muss, sondern ein Gewinn für das eigene Leben sein kann, diese Erkenntnis ist in Zeiten um sich greifender Xenophobie keine geringe. Ich verstehe nicht, warum Sie das als „Bildungsreise“ meinen abtun zu müssen. Zu Guter Letzt noch eine kleine Anekdote: Vorgestern Abend haben wir „Nellys Abenteuer“ in Sibiu in einer Open Air-Vorführung vor 2400 Zuschauern vorgeführt (unter denen sich im Übrigen auch zahlreiche Roma befanden) Die Reaktionen waren einhellig positiv bis begeistert. Im Anschluss an die Vorführung kamen wir mit einer Gruppe junger Menschen aus Deutschland ins Gespräch, die in Rumänien ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren und die vor Ort Sozialarbeit mit Roma leisten. Ein Mädchen (19) aus Baden-Württemberg berichtete uns davon, dass ihr ein Rumäne unlängst treuherzig im Gespräch anvertraut habe, wenn es nach ihm ginge, solle man sämtliche Roma umbringen, dann sei endlich Ruh. Gerade weil wir um diese Art von Rassismus wissen, war es uns ein Anliegen, eine Freundschaftsgeschichte zwischen einem deutschen Mädchen und zwei Romakindern zu erzählen; diese Freundschaft ist nur möglich, weil die handelnden Figuren die Kraft haben, ihre eigenen Vorurteile zu überwinden. Es ist sehr schade, dass Sie das nicht sehen konnten. Mit freundlichem Gruß Dominik Wessely