16 02/07

"Die Welt der Wunderlichs" von Dani Levy

Am Anfang hat Felix seine Lehrerin in den Klassenzimmerschrank gesperrt und wird von seinen Klassenkameraden gefeiert. Der Schrankschlüssel wird in den vollgeschissenen Klos gesucht, befindet sich aber, hihi, in Felix' Hosentasche. Seine Mutter Mimi Wunderlich muss in der Grundschule antanzen, verliert deshalb ihren Job, fährt mit ihrem Moped einen Passanten um und wird gleichzeitig auch noch von der Schweizer Castingshow Second Chance angerufen, wo sie selbst sich gar nicht beworben hat. Willkommen in der Welt der Wunderlichs, mit der Dani Levy verzweifelt versucht, irgend etwas über Familie und Zusammenhalt und Verrücktheit zu erzählen.


(Bild aus Die Welt der Wunderlichs; Courtesy: Filmfest München 2016)

Dazu beginnt er nach Art der "Lümmel"-Filme, nur dass hier nicht Pepe Nietnagel, sondern ein Zappelfelix für zünftigen Unsinn sorgt. Doch das ADHS-Kind ist nicht der einzige: Mimis Vater ist notorisch spielsüchtig, dazu aber auch abhängig von Aufmerksamkeit, weshalb er wissentlich und mutwillig ungefähr jeden um sich herum mit allerhand Lügen und Betrügereien nervt. Ihre Mutter ist zutiefst hypochondrisch, ungefähr ebenso manisch-depressiv wie Papi und daher nicht weniger nervig. Mimis Ex-Mann ist Musiker nach allen Regeln des Klischees und nicht nur sein abgefuckter Keith-Richards-Look und seine gerne herausgestellte Nacktheit, auch seine Unzuverlässigkeit, seine Besoffenheit, sein Gelaber nerven. Und Mimis Schwester guckt nur nach ihrem eigenen Kram, das nervt auch. Wen all dies nervt: Zunächst einmal Mimi, die die Last ihrer Welt auf ihren Schultern tragen muss. Und zudem den Zuschauer, der diese total verrückte Familie ertragen muss.

Levy verlässt dann den Lümmel-Modus, um auf Little Miss Sunshine umzuschwenken. Nur eben mit dem Problem, dass im Vorbild diese Typen liebenswürdig schräg sind. Hier ist alles anstrengend. Liebe wird zwar beschworen, aber nicht gelebt; und der Liebe würdig ... nun ja. Warum Mimi sich immer wieder breitschlagen lässt, den ganzen Quatsch mitzumachen, bleibt reichlich unklar; sie ist zwar einziger Sympathiepunkt im Film, doch hat man dafür dann doch zu wenig Verständnis. Und so wehrt sie sich kaum dagegen, dass Papa aus der Psychiatrie entlassen wird, weil er reichlich wenig glaubhaft erklärt, alles alleine regeln zu können. Nachdem er im Klinikflur den Kaffeeautomaten zerstört hat. Und so wehrt sie sich auch kaum dagegen, dass die ganze Familie mitkommt auf dem Roadtrip von Mannheim nach Zürich, zur Castingshow, zu der Sohnemann Felix sie hinvermittelt hat. Weil sie doch wieder glücklich werden soll. Und das mit Musik. Im Kreise der Familie.

Ihr neuer Loverboy ist als Fahrer einer Stretchlimousine auch mit von der Partie, auch so eine Knallerfigur, der man gar nichts glaubt, nicht einmal ihre Daseinsberechtigung in diesem Film. Ein Film, der uns nur zu gerne was erzählen würde über die kleinen Macken, mit denen man so konfrontiert wird und über die man am besten hinweglachen sollte - der aber eigentlich auf das ganze Chaos dieser Familie Wunderlich selbst hereinfällt. Die Dramaturgie ist nicht weniger hyperaktiv als Felix, die Handlung nicht weniger verlogen als Mimis Vater. Eine Castingshow als Weg zum Glück? Dieses Konzept, das von vorne bis hinten auf inszenierte Lüge basiert, auf Krawall und Skandal aus ist und nicht Ruhm und Reichtum, sondern Selektion und Verurteilung bringt! 

Für diesen Film hat sich Dani Levy Figuren ausgedacht, anscheinend ohne über sie nachzudenken. Figuren als Funktionen in einem chaotischen Spiel, dessen Regeln nicht einmal der Spielemacher selbst zu verstehen scheint. Figuren, die durch eine Handlung getrieben werden, die mainstreamig und fröhlich sein soll, aber dazu viel zu durcheinander ist. Gags gibt es, ja durchaus, sie schwimmen an der Oberfläche und werden mit Ansage abgefischt. Und Gefühle - tja, da kann man ja mal den Soundtrack durchforsten. Vielleicht findet sich in den Popsongs von Mimi etwas, was dem einen oder anderen Formatradiolauscher weich den Hals runterrutscht.

 

(Harald Mühlbeyer)

Bisherige Kommentare

(Anzeige: 2 von insgesamt 2)
Von: Ruedi Gyhr am: 27.10.16
Was war das doch fuer ein wunderbarer Film,damals, ALLES AUF ZUCKER.Und heute die WUNDERLICHS????? Es ist lange her dass ich den Saal vor Schluss verlassen habe,peinlich peinlich Herr Levi
Von: Rahel Wanner am: 04.08.16
Stimme der Kritik vollumfänglich zu! Zu wirr der ganze Film, Bienenzucht schnell und oberflächlich. Die Parallelen zu little miss Sunshine sind dermassen augenfällig und plump. Der Film hat mich in keinster Weise weder berührt noch amüsiert. Schade dani levy- mit aimée & jaguar einst war dir Tieferes gelungen .