"Der lange Weg nach Norden" von Rémi Chayé - Filmfest München 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 29/06

"Der lange Weg nach Norden" von Rémi Chayé

Sie ist ein wenig fremd, ein wenig altertümlich, jedenfalls von ihren eigenen Gesetzen bestimmt, die Welt, in der die 15-jährige Sacha lebt. Man schreibt das späte 19. Jahrhundert in St. Petersburg, ihr Vater macht sich Hoffnungen auf die Position als russischer Botschafter in Rom. Aber auf Sachas Debütantinnenball kommt es zum Eklat, denn das Mädchen bedrängt den Prinzen Tomsky, man möge doch noch einmal nach ihrem verschollenen Großvater und seinem Schiff suchen; die "Dawai" ("Vorwärts") gilt als im Eis verschollen, seit sich Sachas Opa dort auf die Suche nach der Nordost-Passage gemacht hatte.


Bild aus Der lange Weg nach Norden; Courtesy: Filmfest München 2016

Rémi Chayé macht schon früh klar, dass die Heldin seines Animationsfilms Der lange Weg nach Norden sich nicht gerne fügt, nicht gerne schweigt; nur das Durchhalten muss sie noch lernen. Aber das findet sich, nachdem sie heimlich ihr Elternhaus verlassen hat, um auf eigene Faust nach der "Dawai" zu suchen, nur mit Notizen ihres Großvaters bewaffnet - schließlich muss man etwas hartnäckig sein, um ein Schiff zu finden, das eine junge Frau mit auf die Reise ins ewige Eis nimmt.

Solche Abenteuer-Geschichten sind ja fast schon ein wenig antiquiert und Chayé erzählt sie dann auch eigentlich ganz klassisch: Die Reise ist genauso eine Suche nach dem Schiff wie der Weg Sachas zu sich selbst - das wird schon allein daran deutlich, dass in ihrem persönlichen Drama die Eltern und die Gesellschaft daheim sehr schnell keine Rolle mehr spielen. Stattdessen geht es darum, wie sie sich behauptet, auch fern des Hofes und mit eigenen Aufgaben. Wie leicht ihr das fällt, darin zeigt sich in der Logik des Films ihre Ähnlichkeit zum geliebten Großvater; aber es ist eben auch immer der Wille einer jungen Frau, die sich nicht unterkriegen lassen will.


Trailer zu Der lange Weg nach Norden

Überhaupt: eine Protagonistin. Was für eine! Sachas Handeln und Motivation wird zu keinem Zeitpunkt des Filmes in klassische Weiblichkeitsmuster gequetscht. Natürlich ist sie schüchtern, unsicher, höflich - alles andere wäre eben auch ihrer Figur und Vorgeschichte untreu. Und natürlich wird sie vor allem von den Matrosen mit Argwohn betrachtet. Aber zugleich zwingt der Film sie nicht auf Teufel komm raus in ein Rollenkorsett. Sie ist mutig und hilflos, stark und erschöpft, widerborstig und leichtgläubig.

Unterstützt wird das nicht nur durch das fast nachdenkliche Erzähltempo, das seine Spannung nicht aus Actionsequenzen bezieht (selbst ein Angriff durch einen Eisbären bleibt eher Understatement), sondern aus der Suche, den Konflikten der Figuren untereinander und der Unerbittlichkeit der kühlen Umgebung.


Bild aus Der lange Weg nach Norden; Courtesy: Filmfest München 2016

Schließlich und endlich - nicht umsonst ist Der lange Weg nach Norden schon auf zahlreichen Festivals mit Preisen gesegnet worden - trägt die ruhige, traditionell anmutende Animation mit flächigen, ruhigen Bildern, die auf alle überflüssigen Details verzichten, dazu bei, die Figuren ebenso zum Leben zu erwecken wie das ewige Eis in unterschiedlichen Weißtönen zwischen Braun und Grau. Mit dieser Animation erschafft ein Schneesturm wirklich undurchdringliche Bilder und beginnen im Angesicht des weiten Meeres Sachas Augen zu leuchten.

(Rochus Wolff)