"20 Minuten bis zur Nacktszene“ - Interview mit Maren Ade - Filmfest München 2016 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 23/06

"20 Minuten bis zur Nacktszene“ - Interview mit Maren Ade

Was für ein Triumph. Nach acht Jahren ohne deutsche Beteiligung lief Toni Erdmann von Maren Ade im Wettbewerb von Cannes. Obwohl der 162-minütige Film am Ende bei der Palmenvergabe leer ausging, war Maren Ade die Siegerin der Herzen. Alle redeten über Toni Erdmann, über Plastikgebisse, Furzkissen, Whitney Houston und Nacktpartys. Zurück in Berlin hat Anna Wollner mit Maren Ade gesprochen.


© William Minke

 

Frau Ade, seit Cannes werden Sie als Retterin des deutschen Kinos gefeiert. Eine Auszeichnung, die Sie gerne tragen?
Nein, ich finde das total absurd, nur weil der Film dort lief. Es gab in den letzten Jahren viele interessante deutsche Filme und auch nicht alle reichen in Cannes ein. Ich freue mich aber, dass sich so viele mit mir gefreut haben. 

Hatten Sie schon Zeit, die Erfahrungen auf dem Festival zu verarbeiten?
Auf dem Festival selbst ist vieles von dem Hype um den Film auch an mir vorbeigegangen. Die Innenansicht ist doch eine andere als die Außenansicht. Ich hatte vor allem viel zu tun, habe viele Interviews gegeben, was neu ist, wenn man direkt aus der Arbeit kommt. Um ehrlich zu sein, hätte ich gerne ein bisschen mehr Party gemacht. 

Aber die Premierenvorstellung, die muss doch wirklich besonders gewesen sein?
Den Moment nach dem Film muss ich mir wirklich noch mal auf YouTube ansehen. Ich kam direkt aus der Mischung, der Film ist erst zwei Tage vorher fertig geworden und ich war einfach zu angespannt, ob auch alles funktioniert. Ich habe während des Applaus am Ende lange gebraucht, um aufzutauen und das wahrnehmen zu können.

Worin liegt der Unterschied, einen Film alleine zu sehen und dann das erste Mal mit Publikum?
Ich habe den Film in den Wochen vor der Premiere über 20 Mal gesehen. Der Film wurde für mich immer trauriger und langweiliger. Ich war der festen Überzeugung, ich gehe mit einem eher melancholischen Film nach Cannes. Bei ein paar Lachern war ich mir sicher, weil sie fast etwas von Boulevardtheater haben. Aber dass der Film dann ganz klar als Komödie definiert wurde, hat mich überrascht und gefreut. Mit dem Label verkauft er sich besser. 


Trailer zu Toni Erdmann

Eine deutsche Komödie - das sind zwei Begriffe die selten im Kino zusammen passen!
Ich wurde von internationalen Journalisten oft gefragt - die Deutschen und Humor, wieso geht das auf einmal? Ich habe diese Frage nicht so richtig verstanden. Denn wenn man sich mal die deutschen Komiker oder Kabarettisten anguckt, Helge Schneider, Gerhard Polt, Loriot - das ist alles unser Humor. Ich glaube, wir sind damit ganz gut ausgestattet. Und Toni Erdmann ist für mich auch keine reine Komödie, eher ein Film über Humor.

Wann entstehen die komischen Momente? Schon beim Schreiben oder oft auch erst bei den Dreharbeiten?
In der Drehbuchphase habe ich mich schon mit dem Genre Komödie beschäftigt. Die Figur von Toni Erdmann ist ja so angelegt. Allein was er sagt, wie er sich gibt, ist komisch. Bei den Dreharbeiten haben wir dann an der Verzweiflung der Figuren gearbeitet. Aus der heraus entsteht für mich auch viel Komisches.

Wie zum Beispiel bei der Szene mit der Nacktparty?
Ja. Denn das muss für den, der an der Tür steht, wirklich existentiell sein. In einer reinen Komödie hätte der Schauspieler in diesem Bewusstsein gespielt, hier jetzt etwas Lustiges abliefern zu müssen. Aber genau das wollte ich nicht, das haben wir uns verboten. Beim Drehen kann uns der Film daher ernster vor, eigentlich kam die Komödie erst so wirklich bei der Premiere mit dem vollen Kino zurück. Ein volles Kino ist natürlich etwas dankbares, da gewinnt jeder Film. Das ist schon toll. 

Lassen Sie uns kurz bei der Nacktszene bleiben. Eine Szene, die vermutlich Filmgeschichte schreiben wird!
Die Idee für die Szene hatte ich schon länger, losgelöst von Toni Erdmann. Ich dachte, dass es irgendwann mal in einen Film passt. Eine Frau, die ihren Geburtstag in eine Nacktparty umdefiniert. Im Drehbuch wirkte diese Szene aber eher wie ein Fremdkörper, weil Nacktheit sich auf dem Papier nicht so gut erzählt. Aber so ein starkes Mittel ist dann ein Geschenk. Bis zu dem Zeitpunkt dauert der Film schon eine ganze Weile, da tut es gut, dass alle nackt sind. Ich habe immer gescherzt, dass wir im schlimmsten Fall einfach eine Uhr unten ins Bild machen, die rückwärts zählt: 20 Minuten bis zu Nacktparty, um den Zuschauer im Kino zu halten.

Mit 160 Minuten ist der Film wirklich lang. Wann wussten Sie, dass Sie die Zeit brauchen?
Ich dachte, der Film wird vielleicht so 140 Minuten lang im schlimmsten Fall. Ich habe allerdings viel Zeit damit verbracht, ihn zu kürzen und er ist einfach schlechter geworden. An manchen Stellen braucht er einfach seine Zeit, damit er glaubwürdig bleibt. Man muss den beiden folgen können, jeden Schritt nachvollziehen können, obwohl so seltsame Dinge passieren.

Können Sie ein Beispiel geben?
Das Eiermalen zum Beispiel. Da muss ich mir schon sicher sein, dass es nötig ist in Minute 130 eine Szene zu haben, in der zwei Minuten Ostereier bemalt werden. Aber ohne das funktioniert das Singen des Whitney-Houston-Songs nicht. Das Zeitmanagement in dem Film war etwas sehr fragiles. Aber jetzt haben wir die richtige Länge gefunden.

Spielt für Sie eine Rolle, dass Sie den Film als Regisseurin gemacht haben?

Nein, was anderes wäre ja auch nicht gegangen. Wobei ich gerne mal einen Film als Regisseur machen würde. Dann könnte ich vielleicht mit der Hauptdarstellerin eine Affäre anfangen und wüsste welche Optik in der Kamera ist. Nein, eigentlich sollte das doch alles egal sein. Mann, Frau, ich habe als Mensch einen Film gemacht, und das war für mich genauso schwer und schön wie für die anderen Menschen, die Filme machen auch. 

Wie geht es Ihnen mit dem Begriff Feminismus, ist das wichtig für Sie?
Früher, während der Filmhochschule war Feminismus für mich kein Thema. Allein der Begriff hatte damals etwas Verstaubtes. Dass er jetzt ein bisschen aufpoliert wurde, finde ich gut, wenn unter anderem auch von Beyoncé. Aber mir ist eigentlich fast egal von wem. Ich finde, es ist ein wichtiges Wort und jeder soll es für sich definieren.