15 02/07

"Outside the Box" von Philip Koch

OK: Frederik Schopner ist nur nominell ein High Potential. Eigentlich ist er eine Pfeife. Dennoch darf er mitfahren zum Assessment Center fürs ach so wichtige Team Bonding. Seine Kollegen: Michel, das Alphatier mit der steilen Karriere; Yvonne mit ihrem Faible fürs social enterprizing ("Wenns nicht menschelt, werden die Leute nie zu Resultern"), und Sascha, erfahren, individuell und eiskalt.


(Filmbild aus Outside the Box von Philip Koch)

Ein Teambuilding-Wochenende bei Bickstein Consulting, das bedeutet: Teilnahme an einem Experiment. Wovon die Versuchsobjekte natürlich nichts wissen, ein Psychoprojekt, das die Human Resources-Managerin zusammen mit einem Psychologen ausgetüftelt hat. Ein Drill Sergeant, komplett in Camouflage, nimmt das Heft in die Hand und steckt die vier Consulter in ihre uniformierten Anzüge, ausgestattet mit Knopfkamera. Ab jetzt bleibt nichts unbeobachtet. Alles läuft zusammen im Kontrollzentrum, dort will sich die Bickstein Company groß präsentieren. Potential! Das wird gesucht, das wird gezeigt, auch wenn sich die eingeladenen Journalisten eher für die Kaffeemaschine interessieren.

Je höher der Stressfaktor, desto mehr entfalten sich die Stärken der Probanten. Deshalb werden zwei Fake-Geiselnehmer eingesetzt: unter Adrenalin geht das Reflexionsvermögen hops, der Mensch zeigt sich in seinem wirklichen Wesen, und so weiter - der Psychologe hat alles ganz genau ausgetüftelt. Nur, dass die beiden Gangsterdarsteller tatsächliche Gangster, dass ihre Shotguns nicht mit Paintball-Patronen, sondern mit echter Munition bestückt und dass sie tatsächlich hinter einer Million Lösegeld her sind. Was die vier tapferen Consultants aber wenig juckt: Ob scharf geschossen wird oder nicht, es ist und bleibt ein Spiel um die natürliche Auslese. Business-Darwin. Und wenn auffliegen würde, dass es sich hier um einen Ernstfall handelt - die Presse würde das Unternehmen vernichten. Also wird die Wirklichkeit vom Virtuellen geschluckt; und jeder hat eine Menge Raum nach oben, um sein wirkliches inneres Potential zu performen. Konfliktfähigkeit, Teamwork, Belastbarkeit - hier wird es zum Ereignis.

Philip Koch blickt auf die Businesswelt, und ein Abgrund gähnt zurück; ähnlich wie in Johannes Nabers Zeit der Kannibalen - der zurecht eine Menge Preise abgeräumt hat - zerstört sich das System der Business Consultants hier selbst, ohne je zu sterben. Eine Versuchanordnung, satirisch böse und konsequent durchgespielt - ein Film, in dem jedes Bild, jedes Wort, jede neue Wendung der Handlung stimmt. Sehr, sehr stark, wie die äußere Wirklichkeit schlicht ignoriert wird, wie sie umgeformt, auf die sozialdarwinistische Karriere-Probation umgemünzt wird - in eine Art Screwball Comedy of Economics, in höchst unterhaltsame Erfolgs-Hunger-Games; inklusive Missverständnissen und Verwechslungen, makabren Gags und Slapstick.

Das Assessment-Center bedeutet Herausforderungen für alle; eine davon: die Geiselnahme, die sich als echt herausstellt; die aber nicht echt sein darf; weshalb das Control Center das Unkontrollierbare als geplant verkaufen; und gleichzeitig noch eine Million als Lösegeld auftreiben muss; geheim, ohne dass der Firmengründer davon etwas mitbekommt; der zwar im Rollstuhl sitzt, aber auch ein geiler alter Bock ist; und zu dem Underachiever Frederik Schopner einen direkten Draht hat, von dem niemand wissen darf. Nebenbei watschelt ein armes, kleines Entenküken durch den Film, sehr süß, sehr hilfsbedürftig, das aber durch den selbstlosen Einsatz Schopner wieder zu Kräften kommt - so, wie Schopner auch sich aufrafft, zum Leader wird, sich als Held erweist, der die richtigen Werte predigt: Ehrenamtlich im Gefängnis arbeiten, unterprivilegierten Kindern helfen, Lehrer werden! Freilich nur, wenn nicht jemand anderes mit einem lukrativeren Plan B rauskommt.

Man muss outside the box denken, wenn man weiterkommen will; neue Perspektiven einnehmen, neue Rollen auswählen, seine Performance changen, um results zu achieven. Davon erzählt Koch: Von der Business-Welt, die im Film so absurd erscheint und die doch Teil ist des durchökonomisierten Alltags. Koch hat sich nicht nur im Consulter-Jargon aufgeschlaut, er kennt ganz offensichtlich sehr genau die Regeln des Geschäftespiels, die er hier als eiskalte Menschenverachtung präsentiert. Klare Haltung, perfekt ausgearbeitet, souverän inszeniert, in einem durchaus sarkastischen Tonfall erzählt: Outside the Box ist sicherlich ein Höhepunkt des Kinojahres.

(Harald Mühlbeyer)

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