15 27/06

"Nightsession" von Philipp Dettmer

Es gab kein Drehbuch. Es gab auch kein Geld. Es gab nicht einmal Schauspieler – man kann die Darsteller nicht einmal als Laien bezeichnen. Es gab nur ein paar Bretter auf Rollen, und es gab diese eine Nacht vor über 20 Jahren, als Philipp Dettmer mit ein paar Kumpels durch München bretterte, eine magische Nacht von Freiheit und Jugend und Spaß und Frieden. Diese Nacht, das Gefühl dieser Nacht, wollte Dettmer wiederbeleben, neu erlebbar machen: auf Film bannen.


(Filmstill aus Nightsession; Courtesy: Filmfest München 2015)

Nightsession ist ein Erlebnis, in der Tat. Mit unmittelbarer Wucht trifft der Film auf den Zuschauer, zieht ihn in sein Geschehen hinein – ein Geschehen, keine Handlung, keine Geschichte. In einem phänomenal gelungenen Akt des Re-Enactments findet Dettmer mit Nightsession in den Rhythmus des Lebens, schwingt sich ein in das Treibenlassen, in das Rollen auf Skateboards durch München, von Abend- bis Morgendämmerung.

Tom, Sergio, Jonas und Pacel sind seine Protagonisten, sie spielen sich selbst, sie spielen die Nacht-Skater von damals, aus Dettmers Jugend, sie spielen Fantasiegestalten als ganz real echte Menschen, sie spielen den Skater an sich, die Verkörperung eines Lebensgefühls. Sie sind Kumpels, Skate-Sportler, sie verbringen die Nacht miteinander, skaten von Spot zu Spot, an dem sie ein paar Skater-Tricks vorführen – nicht den Kumpels, schon gar nicht dem Filmzuschauer, sondern eher sich selbst. Sie performen, sind dabei ganz bei sich, von der Form her könnte es eine Art Wettkampf zwischen den vieren sein, aber einer, bei dem jeder nur gewinnen kann: Anerkennung bei Erfolg, Trost bei Misslingen, Spaß auf jeden Fall.


(Filmstill aus Nightsession; Courtesy: Filmfest München 2015)

Eine Treppe mit Geländer vor einem Einkaufszentrum, eine Mauer, eine Tiefgarageneinfahrt: Was sie treiben, ist Kunst im öffentlichen Raum. Eine Kunst, entwachsen einer Subkultur mit eigenen Ritualen und eigener Sprache, mit unverständlichen Fachausdrücken – der Ollie und der Fifty, der Front K Backtrail und der Fakie Nosegrind. Eine Sprache, in die sich auch abseits des Skatens immer wieder unvermutet englische Wörter einschleichen: Jetzt ist voll danger! Zwischendurch Bier, und ab und zu ein Joint, und dann "Lass ma weiter!"

Es ist erstaunlich, welche Natürlichkeit im Ausdruck, in der Bewegung, im Sein der Protagonisten Dettmer einzufangen versteht, ein Zusammensein, als wäre keine Kamera dabei, die das, was geschieht, dokumentarisch einfängt. Der Zuschauer nimmt teil, ist sozusagen der fünfte, der mit durch die Nacht zieht; zugleich bleibt das Publikum, die Kamera meist ganz außen vor, außerhalb der filmischen Welt, ein Beobachter, kein Mitmacher. Auf dem schmalen Grat zwischen Fiktion und Dokumentation balanciert Nightsession, und das spielerisch und mit Ironie. Am Anfang winkt einer der Skater der Kamera zu, da ist sie plötzlich Mitspieler und Ansprechpartner. Mittendrin dann aber bemerken wir, dass die Film-Einstellungen nicht in der gezeigten Reihenfolge gedreht wurden, Passanten sind mal da und mal weg – dabei gäbe es gar keinen dramaturgischen Grund, die Chronologie des Drehs aufzubrechen, außer, dem Zuschauer, der die Gemachtheit bemerkt, ein Augenzwinkern entgegenzusetzen: Ein Spiel mit dem Realismus, der eben nicht die 1:1-Abbildung ist, sondern das Verdichten, das Stilisieren bis zu dem Grad, dass es sich wie 1:1 anfühlt.


(Filmstill aus Nightsession; Courtesy: Filmfest München 2015)

Das, was wie aus einem Guss, das ganz normale Skater-Zusammensein aussieht, hat Dettmer genau geplant: Gedreht wurde in fünf Nächten, die Protagonisten kannten sich vor dem Film allenfalls vom Sehen. Ein intensiver Castingprozess führte Dettmer zu seinen vier Skatern, er hatte genaue Vorstellungen von den Charakteren, die da auftauchen sollten – und ließ denen dann die Freiheit, Freunde zu sein in dieser Nacht.

Eine Nacht, die so nie stattfand. Eine Nacht, die bei jeder Aufführung des Films wieder so stattfindet, wie sie in ihrer Intensivität, in ihrer Lockerheit, in ihrer paradiesischen Freude gemeint ist, geplant war, durcherlebt wurde. Eine Nacht, die das Skaten feiert, die diese Protagonisten – die Dettmer nach seinen Idealcharakteren in Szene setzt – nahe bringt. Tom studiert nach einer Banklehre Wirtschaft, Sergio studiert Medizin, Jonas ist Ingenieur, Pacel will sich im Herbst an der Uni einschreiben – und vielleicht, man kann es nur wünschen, treffen sie sich am nächsten Sommerwochenende wieder, für eine neue Skaternacht.

(Harald Mühlbeyer)

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