Filmfest München 2015 – Wie es war und was bleibt - Filmfest München 2015 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
15 06/07

Filmfest München 2015 – Wie es war und was bleibt

Es ist vorbei. Es ist geschafft. Unzählige Kritiken sind geschrieben, acht Vlogs sind gedreht und alle Preise vergeben. Das war es für dieses Jahr mit dem Filmfest München. In den vorherigen neun Tagen waren dort 516 Vorstellungen auf 18 Leinwänden zu sehen, über 81.000 Besucher strömten in die Kinos, nach Angaben des Filmfestes ein neuer Rekord. Zeit, eine Bilanz zu ziehen.


(Impressionen vom Abschlussfest des 33. Filmfest München 2015; Copyright: Volker Rebhan)

Fangen wir mit der größten positiven Überraschung an: Traditionell hat das Filmfest München eine Sektion für das Neue Deutsche Kino, in der sich in diesem Jahr neben erwartetem Crowdpleaser-Mittelmaß wie Becks letzter Sommer mit dem Nachtmahr feines Genre-Kino mit einem eindrucksvollen Monster und mit Alki Alki ein schmerzhaft-konsequent auf die Sucht konzentrierter Alkoholiker-Film finden ließen. Neben Dietrich Brüggemanns schon in zwei Wochen starteten Neonazi-Satire Heil sorgte zudem eine weitere Satire für ein Highlight: In Outside the Box liefert Philip Koch eine Business-Farce in Westernformat, in der die Sprache der McKinseys & Co. perfekt persifliert und mit einer Survival-Teamspirit-Entführung kombiniert wird. Und nicht zuletzt führte der Film den Begriff "daylight finishing" auch in den Wortschatz geneigter Filmkritikerinnen ein.


(Filmbild aus Outside the Box von Philip Koch; Courtesy: Filmfest München 2015)

Doch nicht nur im fiktionalen Bereich überzeugte das Neue Deutsche Kino, sondern auch mit Dokumentarfilmen. In Staatsdiener bekommt man interessante Einblicke in die Ausbildung von Polizisten, in dem mit dem Publikumspreis geehrten Crowdfunding-Film Projekt A spüren Moritz Springer und Marcel Seehuber dem gelebten Anarchismus nach und in Nightsession folgt Philipp Dettmer vier Skater-Hipstern durch das nächtliche München - ein denkbar einfaches, aber hervorragend funktionierendes Konzept, mit dem er zugleich das Leben junger Männer und die Stadt München erkundet - und mit dem Spice-Girls-Song "Wannabe" eine amüsante Schussnote liefert.

Doch trotz der Vielseitigkeit in der Sektion Neues Deutsches Kino war die Entscheidung über die Vergabe der Förderpreise überraschend eindeutig: In drei der vier Kategorien (Beste NachwuchsregisseurIn, Beste NachwuchsautorIn und Beste NachwuchsschauspielerIn) entschied sich Jury, bestehend aus Johanna Wokalek, Sebastian Schipper und Peter Rommel, für Babai von Visar Morina, der zudem den One Future Preis erhielt. Damit würdigte die Jury ein starkes Sozialdrama, das von einem zehnjährigen Jungen und seinem Vater erzählt, die auf verschiedenen Wegen aus dem Kosovo in den 1990er Jahren nach Deutschland flüchten, und das zugleich auf die Situation von Flüchtlingen aufmerksam macht. Der Produktionspreis ging an Franz Müllers Happy Hour.


(Trailer zu Happy Hour von Franz Müller)

Zudem wurde in der Sektion Neues Deutsches Kino erstmals ein Kritiker-Preis vergeben, der an Schau mich nicht so an von Uisenma Borchu ging. In ihrem Regiedebüt entwirft sie ein verrätseltes Frauenportrait, das geheimnisvoll und emotional fordernd ist und sich gängigen Konventionen verweigert. Leider verhebt sich Uisenma Borchu im letzten Drittel, so dass der Film mehr und mehr auseinanderfällt. Dennoch verlässt man am Ende den Kinosaal nicht enttäuscht, sondern voller Hoffnung auf den nächsten und übernächsten Film von Uisenma Borchu.

Einen wichtigen Platz nimmt in München traditionell auch das US-Independent-Kino ein, das in diesem Jahr insbesondere mit Identitätskrisen-Filmen vertreten war. In dem wunderbaren The Overnight macht ein Paar eine interessante Bekanntschaft und verbringt eine Nacht, die ihre bisherigen Vorstellungen von Sexualität und Partnerschaft auf den Prüfstand stellen. Hier haben erwachsene Menschen erwachsene Probleme und dürfen sie auf erwachsene Weise lösen - ganz im Gegensatz zu dem bereits in Sundance eher durchschnittlich aufgenommenen Film The D-Train, in dem ein unsympathischer Verlierer-Typ sein Image mit der Bekanntschaft des beliebtesten Mitschülers rechtzeitig zum Klassentreffen aufzupolieren versucht. Dass dieser Film überhaupt in München lief, könnte der Popularität von Jack Black geschuldet sein - weitaus interessanter wären aber beispielsweise die im vergangenen und diesen Jahr ebenfalls in Sundance gezeigten Filmen Dear White People oder Me and Earl and the Dying Girl gewesen. Denn dass das US-Indie-Kino trotz aller Dominanz der Studios weiterhin viel zu bieten hat, zeigten die tolle Komödie Dope, der bittere Immobilienkrisenfilm 99 Homes und der Debra Graniks Dokumentarfilm Stray Dog.


(Trailer zu Dope von Rick Famuyiwa)

Das Filmfest München ist zudem das Festival, auf dem Nicht-Cannes-Fahrerinnen wie ich einige der Croisette-Filme nachholen können. Obwohl anteilig am Programm dieselbe Anzahl Cannes-Filme wie im letzten Jahr gezeigt wurden, fehlten bei der Auswahl einige Highlights. Kein Son of Saul, kein Macbeth, kein The Lobster, keine Carol, kein Taklub, stattdessen immerhin Joachim Triers Louder than Bombs, der CICAE-Gewinner El abrazo de la serpiente, Director's Fortnight-Gewinner Trois souvenirs de ma jeunesse sowie Journey to the shore von "Un Certain Regard"-Regiepreisgewinner Kiyhoshi Kurosawa.

Bei den ausgezeichneten Filmen traf mich dann in diesem Jahr das Phänomen, das auch als Joachim-Kurz-Fluch bekannt ist: Ich habe abgesehen von den deutschen Preisträgern keinen der prämierten Filme gesehen. Weder den Cannes-Film Sleeping Giant, der mit dem CineVision Award für die beste internationale Regie-Entdeckung geehrt wurde, noch den Locarno-Streifen Cavalo Dinheiro, der als bester internationaler Film im Wettbewerb CineMasters mit dem ARRI/OSRAM Award ausgezeichnet wurde oder Red Amnesia von Xiaoshuai Wang aus China, der bereits im letzten Jahr in Venedig lief. Stattdessen fällt auch bei dieser Auswahl auf, dass in diesem Jahr in München einige Filme zu sehen waren, die bereits in den letzten Jahren bei anderen Festivals gezeigt wurden, darunter Bille Augusts sehenswertes Sterbedrama Stille Hjerte (San Sebastian 2014), Listen up Phillip (Locarno 2014) und 99 Homes (Venedig 2014).

Doch bei einem Filmfest sind letztlich nicht die Preise entscheidend, sondern die Filme, die man sieht - und von den man hingerissen wird. In diesem Jahr fand ich sie insbesondere in der Reihe „Spotlight", in der Carol Morley mit The Falling unter Beweis stellt, dass es mit ihr, Clio Barnard (The Selfish Giant), Lynne Ramsay und Andrea Arnold eine Reihe vielsprechender britischer Filmemacherinnen gibt. Der Däne Michael Noer zeigte mit Key House Mirror, dass er nicht nur über Gangster und kleinkriminelle Jugendliche eindringliche Filme drehen kann, sondern auch über eine alte Frau, die im Pflegeheim eine neue Liebe findet. Und Partho Sen-Gupta lieferte mit Sunrise einen Neo-Noir-Film, der die Genremittel zur Erforschung der Seelenlage seines vom Verschwinden seiner Tochter gepeinigten Vaters nutzt. Für diese Entdeckungen schwitze ich gerne im warmen München.


(Trailer zu Sunrise von Partho Sen-Gupta)

Und was bleibt? Neben diesen persönlichen Highlights hat mir das filmisch insgesamt durchwachsene Filmfest München nach Jahren des Meckerns und Mäkelns vor allem Hoffnung gemacht - auf mehr Vielseitigkeit im deutschen Film, die hoffentlich auch im Kino wiederzufinden sein wird, und einen noch besseren Jahrgang 2016. Dann wieder in München in der schwülen Juli-Hitze. Servus. 

(Sonja Hartl)

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