Trespassing Bergman - Filmfest München 2014 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
14 04/07

Trespassing Bergman

"Wäre das Kino eine Religion, wäre dieser Ort Mekka oder der Vatikan", merkt Alejandro González Iñárittu an, als er das Grundstück von Ingmar Bergman das erste Mal betritt. Ebenso wie Claire Denis, Michael Haneke, Daniel Espinosa und Tomas Alfredson ist er gespannt, ja, ehrfürchtig, als er sich dem Haus Bergmans nähert. Immerhin war die genaue Lage des Hauses auf den Faröer Inseln ein gutgehütetes Geheimnis, das die Bewohner einsilbig werden ließ.


(Bild aus Trespassing Bergman; Courtesy: Filmfest München 2014)

Aber nach Bergmans Tod 2007 haben die Filmemacher Jane Magnusson und Hynek Palls für ihren Film Trespassing Bergman mit Regiekollegen wie Lars von Trier, Woody Allen, Martin Scorsese, Tomas Alfredson, Wes Craven und Takeshi Kitano über Bergman gesprochen und mit einigen von ihnen sein Haus besucht. Alle wissen um Bergmans Bedürfnis nach Privatheit, deshalb besuchen sie das Haus erst mit Erstaunen und Bewunderung, besichtigen seine Videosammlung - Michael Haneke lässt sich gar mit einer Kopie von La pianiste in der Hand fotografieren - und sprechen über Bergman. Mit der Dauer ihres Aufenthalts aber fühlen sie sich immer mehr als Eindringlinge, ja, als Invasoren, so dass Claire Denis das Haus sogar schnellstmöglich wieder verlassen muss.

Der Besuch und die Gespräche dienen ohnehin in erster Linie als Rahmen dieser Hommage an Ingmar Bergman. Wenngleich Lars von Trier gleich zu Beginn des Gesprächs und Films bemerkt, dass es bei dem Reden über eine Ikone wichtig ist, dass er eben so "scheißt, kotzt und masturbiert" hat wie alle anderen Menschen, steht im Mittelpunkt des Films die Würdigung des Einflusses, den Bergman auf andere Filmemacher hatte. Demzufolge bewegt sich Trespassing Bergman chronologisch durch die Höhepunkte von Bergmans Filmschaffen, indem der Film berühmte Momente wieder aufleben lässt. Woody Allen erzählt, dass er Sommaren med Monika (Summer with Monika) nur gesehen hat, weil es darin eine Nacktszene geben sollte und beschreibt später seine Nähe zu Bergman vor allem mit der Transzendenz von dessen Filmen sowie dessen Auseinandersetzung mit dem Tod und dem Glauben. Auch für Scorsese sind Bergmans Filme in erster Linie eine transzendente Form des Selbstgesprächs, besonders evident in Jungfrukällan (The Virgin Spring). Francis Ford Coppola äußert seine Bewunderung über Bergmans Drehbuchschreibtalent, er selbst wollte immer so schreiben - und ähnlich kompromisslose Filme drehen.

Bei den skandinavischen Regisseuren ist der Einfluss Bergmans noch größer. Obwohl Daniel Espinosa betont, dass er sich Tarantino näher fühlt und wie dieser einen eigenen filmischen Stil entwickeln will, spricht er letztlich davon, dass er mit dem Besuch in Bergmans Haus des Gefühl des "trespassing" hätte - als würde er unerlaubtes Terrain betreten, indem er sich in Bergmans Haus aufhalte. Dass Bergman der alles überstrahlende Regisseur des skandinavischen Films ist, ist schon an Lars von Triers anfänglichen Bemühen zu erkennen, sich vor allem über Bergman lustig zu machen. Aber am Ende gibt er zu, dass er ihm zahlreiche Briefe geschrieben habe, die Bergman niemals beantwortet habe. Und als er es aufgeben wollte, hat er noch einmal Fanny und Alexander gesehen und musste ihm noch ein weiteres Mal schreiben. Aber wieder kam keine Antwort, was ihn zum einen aufgrund der Parallelität zu dem Verhältnis mit seinem Stiefvater schmerzte. Zum anderen aber auch, weil er wusste, dass Bergman mit Thomas Vinterberg telefonierte - und Vinterberg würde schließlich nur einen Film von Bergman kennen. Hier wird Lars von Trier ein wenig zum ungeliebten Sohn, als den er sich zu dieser Zeit wohl selbst sah. Als Zuschauer des Films stellt man sich indes die Frage, warum die Filmemacher nicht mehr mit Thomas Vinterberg gesprochen haben.

Trespassing Bergman ist daher vor allem eine Hommage an Ingmar Bergman, in der die Höhepunkte seines filmischen Schaffens von prominenten Kollegen eingeleitet und kommentiert werden. Die Dokumentation wirft einige Schlaglichter auf Bergmans Themen, Leben und Arbeitsweise, sie erzählt aber vor allem von Bergmans Wirkung und Einfluss auf andere Regisseure. Wirklich näher kommt man Ingrid Bergman daher nicht - aber als Einladung zu einer weiteren Auseinandersetzung mit Bergmans Werk ist dieser Dokumentation gelungen.

(Sonja Hartl)