The Quiet Roar - Filmfest München 2014 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
14 03/07

The Quiet Roar

"If you come here to find ideas and stimulation, you will be disappointed", warnt die unterkühlte Forschungsassistentin (Denise Gough) die bezahlende Probandin Marianne (Evabritt Strandberg). Aber Marianne sucht keine Ideen oder Anregung, sie ist sterbenskrank und will vor ihrem Tod eine Situation ihres Lebens noch einmal erleben - im Sinne der beobachtenden Wiederholung, die das "Beyond the thinking mind"-Programm ermöglicht: Es setzt mit Psychopharmaka das Gehirn in einen tranceähnlichen Zustand, in dem man selbst die Kontrolle über seine Gedanken verliert, sie aber bewusster erlebt als in einem Traum. Dafür ist Marianne nach Deutschland gereist und wird nun in einem Wohnwagen ihre Reise in die Vergangenheit antreten - geleitet von Eva (Hanna Schygulla), die die Trance mit Fragen begleitet.


(Bild aus The Quiet Roar; Courtesy: Filmfest München 2014)

Marianne wünscht sich zurück in einen Kurzurlaub, den sie mit ihrem Ehemann und zwei kleinen Söhnen in einem abgeschiedenen Haus in den Bergen verbracht hat. In der Gegenwart hat sie ihren Mann und ihre Kinder seit über 20 Jahren nicht gesehen und schon damals befand sich ihre Ehe in einer Krise. Marianne fühlte sich einsam und war depressiv, mit ihrem Mann konnte sie nicht reden. Und in diesen Tagen stellte sie sich die Frage, ob sie ihre Ehe weiter aufrechterhalten sollte.

Henrick Hellström (Regie, Drehbuch, Schnitt) und Fredrik Wenzel (Drehbuch, Kamera, Schnitt) inszenieren The Quiet Roar als Meditation über die Einsamkeit und die Dynamik einer Beziehung. Mit wunderbaren Naturaufnahmen, oft verlangsamt, erinnert der Film stilistisch an Terrence Malick, atmosphärisch noch mehr an Ingrid Bergman, dabei konzentriert er sich thematisch nicht auf das gesamte Leben, sondern auf eine Situation, die das Leben von Marianne dauerhaft beeinflusst hat. An diesem Wochenende zweifelte sie daran, ob sie Liebe überhaupt empfinden, Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen könne. Sie verlor den Kontakt zur Außenwelt und zu sich selbst, findet ihn erst in Momenten der Einsamkeit und in der Natur wieder. Es ist das Rauschen, das Tosen ihrer Gedanken, das sie nicht nach außen lassen kann, stattdessen kehrt sie ihre Gefühle nach innen. Und hierfür finden Fredrik Wenzel und Henrick Hellström betörende Bilder, die gekonnt inszeniert und montiert sind.

Indem nun die gealterte Marianne vergangene Gefühle noch einmal erlebt, Gedanken ein weiteres Mal denkt und somit ihre Entscheidung nachvollzieht, vermischen sich im Film Traum, Vergangenheit und Gegenwart zusehends. Sie erlebt die Situationen mit den Erfahrungen, die sie gemacht hat, spricht mit ihrem jüngeren Ich und ihrem Ehemann, versucht zu erklären und zu hinterfragen. Am Ende scheint sie dann erleichtert, Erlösung bleibt ihr indes verwehrt.


(The Quiet Roar - Trailer (englisch))

The Quiet Roar ist ein sehr ruhiger Film, auf dessen meditative Stille man sich einlassen muss und der trotz nur 77 Minuten Lauflänge Geduld erfordert. Aber sehr viele Einstellungen sind bemerkenswert, auch ist Hauptdarstellerin Evabritt Sandberg beeindruckend als sterbenskranke Marianne. Einzig das Drehbuch löst nicht jedes Versprechen ein, das es am Anfang gibt: Weder die Organisation, die diese "Reisen" ermöglicht, wird näher vorgestellt, noch wird dem Verfahren nachgespürt. Stattdessen widmet sich The Quiet Roar existentiellen Themen, die sich weniger darum drehen, ob man sich in einer Situation noch einmal so entscheiden würde - diese Frage stellt sich noch nicht einmal, weil die Situation nicht noch einmal erlebt wird - sondern wie man entscheidende Situationen aus einer anderen Perspektive wahrnimmt. Dadurch ist der Film auch ein Selbstgespräch und lädt zu eben diesem ein. Denn meist erkennt man erst im Nachhinein, wie lebenswichtig eine Entscheidung war.

(Sonja Hartl)