A Thousand Times Good Night - Filmfest München 2014 Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
14 05/07

A Thousand Times Good Night

Leicht diffuses Licht fällt durch drei kleine Löcher und erhellt nur wenig die Leinwand. Es streift  das Auge von Rebecca (Juliette Binoche). Motorengeräusche sind zu hören, offensichtlich ist sie auf einer holprigen Straße unterwegs. Dann hält der Wagen an, ihr Gesicht ist in der gleißenden Sonne ganz zu sehen, Kameras und ihre Tasche weisen sie als Fotografin aus. Scheinbar ist sie zu einer Beerdigungszeremonie in Afghanistan gefahren worden, verschleierter Frauen stehen um ein Loch in der Erde und beten.


(Bild aus A Thousand Times Good Night; Courtesy: Filmfest München 2014)

Mit einem Blick fragt Rebecca, ob sie Bilder machen darf und beginnt zu fotografieren. Dann steht die vermeintlich Tote auf und geht mit den Frauen in ein Haus. Dort geht die Zeremonie weiter - die Frau wird gewaschen, geschminkt, mehrere Sprenggürtel werden ihr umgelegt. Erst jetzt wird deutlich, dass sie eine Selbstmordattentäterin ist und Rebecca sie bei ihren Vorbereitungen begleitet. Sie fährt sogar mit ihr zu dem Platz, auf dem sie Sprenggürtel zünden will. Durch die Bilder, die sie aufnimmt, werden Polizisten auf das Auto aufmerksam. Rebecca versucht einfach zu gehen, doch sie bleibt stehen, blickt zurück und im letzten Moment warnt sie die umherstehenden Menschen. Dann detonieren die Gürtel, Rebecca wird schwer verletzt. Sie fällt, verliert kurz das Bewusstsein, dann steht sie wieder auf, fotografiert instinktiv weiter und fällt wieder in Ohnmacht. 


(A Thousand Times Good Night - Trailer (englisch))

In dieser Anfangssequenz seines Films A Thousand Times Good Night verlässt sich der norwegische Regisseur Erik Poppe völlig auf die Bilder und erzählt bereits sehr viel über seine Hauptfigur: Sie ist Kriegsfotografin, mutig und folgt ihren Instinkten. Außerdem ist sie bereit, ihr Leben zu riskieren. Und das wird für sie zu einem Problem: Nachdem sie bei dem Selbstmordanschlag verletzt wurde, wird sie von ihrem Ehemann Marcus (Nikolaj Coster-Waldau) in Dubai abgeholt und fliegt mit ihm nach Irland. Dort lebt er mit ihren beiden Töchtern. Während sich die jüngere Lisa freut, dass ihr Mutter wieder da ist, auf Geschenke hofft und den Ernst der Situation nicht einschätzen kann, ist die ältere Stephane etwa distanziert und in sich gekehrt, sie ist auf der einen Seite stolz auf ihre Mutter, wünscht sich aber auf der anderen Seite, dass sie mehr für sie da wäre. Hier zeigt sich die grundlegende Problematik, um die sich der Film im Folgenden drehen wird: Marcus und seine Töchter leben mit der konstanten Angst, dass Rebecca etwas passieren könnte. Ähnlich wie in Susanne Biers In einer besseren Welt steht daher die Frage im Mittelpunkt, wie sich Rebeccas Arbeit mit einem Familienleben vereinbaren lässt.


(Bild aus A Thousand Times Good Night; Courtesy: Filmfest München 2014)

Dieser private Konflikt wird von Erik Poppe in sehr schönen Bildern inszeniert, die insgesamt jedoch etwas glatt sind und zu oft in ihrer eigenen Schönheit verharren. Ihnen fehlt über die Optik hinaus das erzählerische Element. Stattdessen kehrt er beispielsweise regelmäßig zu den Gegenlichtaufnahmen zurück, die Rebecca beim Ertrinken zeigen - eingeführt nach dem Anschlag sollen sie ihre Angst und die Gefahr verdeutlichen -, allerdings ist dieser Gedanke nicht sonderlich originell. Darüber hinaus setzt Erik Poppe stark auf eine pathetische Musik, die die ohnehin emotionalen Verwicklungen oft übermäßig betont. Dabei wäre das zugrundeliegende Dilemma - entweder muss Rebecca sich selbst, ihre Leidenschaft und ihren Instinkt verleugnen oder ihre Familie muss auf sie verzichten und mit der Angst leben - bereits dramatisch und emotional genug. 


(Bild aus A Thousand Times Good Night; Courtesy: Filmfest München 2014)

Da Erik Poppe selbst Kriegsfotograf war und nun Filme dreht, ist anzunehmen, dass er in diesem Film persönliche Erfahrungen einfließen lässt. Das zeigt sich bereits an der selbstverständlichen Darstellung von Rebeccas Instinkt, der zu einem Automatismus führt, bei dem sie in gefährlichen Situationen zur Kamera greift. Schade ist dabei aber, dass er sich stilistisch und erzählerisch zu sehr an den Melodramen von Susanne Bier orientiert, anstatt bei dem härteren, realisterischeren Ansatz zu bleiben, den der Anfang des Films verspricht. Und dass Erik Poppe auf eine Nummer zu sicher gehen will, zeigt sich insbesondere am Ende. Hier hätte er mit Rebecca am Flughafen bereits einen perfekten Abschluss gefunden, bei dem der Zuschauer einfach nur die bereits angelegten Entwicklungen zu Ende hätte denken müssen. Erik Poppe erzählt jedoch noch weiter. A Thousand Times Good Night ist insgesamt ein schön fotografierter, unterhaltsamer Film, dem mehr Realismus und Härte gut getan hätten.

(Sonja Hartl)