13 01/07

Yellow

Die Welt ist absolute Scheiße. Soviel steht fest in Marys (Heather Wahlquist) Leben. Und um das Leben und all seine nervigen Arschlochmenschen irgendwie auszublenden, schluckt Mary viele - sehr viele - gelbe Pillen; Schmerztabletten, um nichts mehr zu fühlen, Xanax, um nichts mehr zu denken und alles was sie sonst noch so finden kann. Runtergespült wird das Ganze mit Alkohol. Mary ist ein Junkie. Mary ist psychotisch. Und trotzdem ist Mary die einzige Normale in Nick Cassavetes wunderbarem Yellow.

In was für einer Welt leben wir eigentlich, fragt dieser Film und fragt man sich bald auch als Zuschauer. Wir verplempern unsere Zeit auf Facebook, sind permanent online, rennen dem Traumgewicht, dem Traummann, dem Traumjob hinterher - alles Kategorien, die oft mehr von außen bestimmt werden und eigentlich ist immer alles unzufrieden. Hunderte Menschen penetrieren unsere persönlichen Grenzen jeden Tag, tausende unausgesprochene Gesetze müssen wir einhalten. Moralisch müssen wir sein, funktionstüchtig, ordentlich, angepasst. Auch wenn es am Anfang so aussieht, als würde Cassavetes Heldin mit all diesen Ansprüchen einfach nicht mehr klar kommen, so stellt sich bald heraus, dass Mary einfach nicht mehr will: "Die Welt ist irgendwo da drüben und ich bin einfach nur hier". Sie hat sich ausgeklinkt und verbleibt lieber in ihrer halluzinatorischen Pillenwelt, die der Film zu keiner Zeit mit eindeutigen Deutungen oder moralingetränktem "Richtig und Falsch"-Gehabe definiert. Und so erfreut man sich an dieser Verkehrung der "Realitäten", die nicht nur der Hauptfigur einen guten Abstand zur Welt und eine ungeahnte Freiheit einräumt, sondern die auch einen eigenartig kathartischen Effekt auf den Zuschauer hat. Der Film funktioniert nicht, die Frau funktioniert nicht und für die Länge dieses Films muss man auch nicht funktionieren, sondern kann sich an den expressionistischen Tagträumen erlaben.

Und trotzdem Mary eigentlich nichts fühlt, offenbart diese Kälte eine Anzahl an Emotionen bei anderen Menschen, die letztendlich nicht verschleiert, sondern im absoluten Rohzustand den Zuschauer direkt ins Gesicht schlagen. Unfassbar eigentlich, dass dieser Film aus den USA kommt - etwas so Knallhartes erwartet man maximal aus Belgien oder von den morbid-lustigen Österreichern. Amerika wird hier seiner süßen Bonbonoberfläche entmächtigt - was übrig bleibt, ist der nackte, schreiende Mensch.

Zwischen Gondrys expressionistischen Filmen und einem leisen Melodrama oszilliert der Film hin und her und wer sich einlassen kann - oder besser, wer vom Leben und dessen "Realitäten" loslassen kann -, wird hier einen der besten Filme des Kinojahres vorfinden. Aber Vorsicht, dieser Film hat das Potential, das eigene Leben ganz schön in Frage zu stellen.

(Beatrice Behn)