13 27/06

Skandal oder Expertenstreit? Zum Zoff um die Jodorowsky-Retrospektive beim Filmfest München

Das 31. Filmfest München hat noch gar nicht begonnen, da gibt es schon ersten Ärger. Und der dreht sich um das Prunkstück der insgesamt drei Rückschauen des diesjährigen Filmfest München, die Retrospektive der Filme Alejandro Jodorowskys. Ausgegangen war die Kritik von zwei im Internet veröffentlichten Artikeln der beiden Berliner Filmjournalisten Thomas Groh  (perlentaucher.de, Kölner Statdtrevue und Splatting Image und Frédéric Jaeger von critic.de).

Der Grund für den Unmut: Ein Blick in den Katalog des Festivals hatte enthüllt, dass La cravate (der lange Zeit verschollen gewesen war und erst 2006 auf einem Dachboden wiedergefunden worden war) und Fando y Lis als DVD vorgeführt werden, Montana Sacra – Der heilige Berg, The Rainbow Thief, Santa Sangre und El Topo werden von einer Blu-ray projeziert. Nur Jodorowsky's Dune von Frank Pavich und La danza de la realidad, der neueste Film des Chilenen, der in der Reihe CineMasters läuft, liegen in einer DCP-Fassung vor. 

Besonders verärgert reagierte man unter anderem deshalb auf die Enthüllung, weil diese Informationen dem normalen Zuschauer nicht zugänglich gemacht worden seien (nur ein Blick in den Katalog hatte den Einsatz von DVDs und BluRays ersichtlich gemacht) und weil zumindest von El Topo und Montana Sacra – Der heilige Berg qualitativ gute Kopien jüngerer Herkunft existieren, die für die Retrospektive hätten besorgt werden können. Dass die Eintrittskarten für die Jodorowsky-Filme, die von DVD auf die Kinoleinwand gezeigt werden, sich auf annähernd den gleichen Preis belaufen, wie für deren Erwerb notwendig wäre, war ein weiterer Kritikpunkt.

Ein anderer Aspekt, den Gerold Marks auf digitaleleinwand.de  angebracht hatte, richtete sich auf eine Pressemitteilung des Festivals, die im April noch die modernste Technik der Projektion gelobt hatte. So hieß es dort unter anderem: "Innovationen gibt es 2013 auch im Hintergrund des Festivals. Um den Besuchern in den rund 450 Vorführungen auf 18 Leinwänden optimalen Kinogenuss zu bieten, stellt das FILMFEST MÜNCHEN als erstes großes Festival in Deutschland die digitalen Vorführungen komplett auf den neuen Standard DCP (Digital Cinema Package) um." 

Weiter führt Gerold Marks aus: "Zum Einspielen von privaten Inhalten bei geschlossenen Veranstaltungen ist das völlig in Ordnung, aber im regulären Programm möchte ich wissen, ob ich 2K, 4k, 35 oder 70mm oder eben eine DVD mit PAL-Auflösung zu sehen bekomme. Und erst recht bei einem gut finanzierten Filmfestival mit gewissem Anspruch."

Der Ärger über das Projektionsformat mag für den normalen Kinozuschauer, der ja mittlerweile vielerlei Verbrechen gegen die Filmkunst gewöhnt ist, als ein Experten- bzw. Cinephilen-Streit erscheinen. Zugleich verweist er aber auf eine Problemstellung, die in den nächsten Jahren noch häufiger auftreten wird: Wie geht man mit dem filmhistorischen Erbe um? Und welche Rollen kommt dabei öffentlich geförderten Institutionen wie Filmfestivals zu? Sollten nicht gerade sie einen pfleglichen und möglichst nahe an der historischen Materialität orientierten Umgang mit filmischen Meisterwerken der Vergangenheit fördern und vor allem vorleben? Gibt es so etwas wie eine "museale" oder "konservatorische" Aufgabe von Filmfestivals? Und so ganz nebenbei - das betrifft weniger München als vielmehr andere Festivals: Ist die Durchmischung der Formate, sei es im programmatischen (siehe beispielsweise die um sich greifende Nivellierung und Parallelprogrammierung von Kino- und Fernsehfilmen, wie sie seit einigen Jahren beispielsweise beim gerade stattfindenden Festival des deutschen Films in Ludwigshafen stattfindet) oder im technischen Bereich nicht auch eine schleichende Unterhöhlung dessen, was Kino ausmacht? Findet hier nicht sukzessive eine Verflachung der Bilder und Inhalte statt, wo doch vielmehr eine Vertiefung notwendig wäre?

So ärgerlich dieser Skandal um die Jodorowsky-Retrospektive auch sein mag, so hat er doch vielleicht auch etwas Gutes (neben dem Umstand, dass Alejandro Jodorowsky selbst in München anwesend sein wird – interessant ist in diesem Zusammenhang sicher auch die Frage, wie der Regisseur selbst dazu steht): Hoffentlich nimmt das Filmfest München den "Shitstorm" ja zum Anlass, um das Problem offensiv anzugehen und den Dialog mit den Kritikern zu suchen. Das wäre zumindest mal ein Anfang. Als weiteren Schritt würde man sich dann wünschen, dass im Rahmen des gerade stattfindenden Paradigmenwechsels ein öffentlicher Diskurs über die sich verändernde Rolle von Filmfestivals stattfindet. 

(Anmerkung 27.6., 17:45 Uhr: In der Zwischenzeit gibt es ein offizielles Statement des Programmverantwortlichen Florian Borchmeyer zu der Retrospektive, das hier eingesehen werden kann)

(Joachim Kurz)