13 05/07

Reuber

Axel Ranisch hat vermutlich ein kindliches Gemüt. Seine ständigen Mitstreiter, die Schauspieler Heiko Pinkowski und Peter Trabner, offenbar auch. In Reuber tollen die beiden mit größter Lust durch den Wald und spielen Kinderspiele unter den Augen Ranischs. Der sieht sich bei seinen Filmen nämlich nicht als Regisseur, sondern als Spielleiter - als der, der den Unernst in einigermaßen gerade Bahnen lenkt.

Ranisch hat Reuber äußerst spontan gedreht, ein paar Monate nach dem Dreh von Dicke Mädchen, noch vor dessen Premiere, zogen er und sein Team in einen Wald in Brandenburg, um einen Kinderfilm zu improvisieren. Klar war nur: Der zehnjährige Robby - Ranischs Neffe Tadeus Ranisch - trifft im Wald auf Zauberer (Trabner) und Räuber (Pinkowski). Was genau im weiteren Verlauf geschehen würde, wurde allabendlich im trauten Kreise ausgebaldowert.

Und so erleben wir, wie Robby an seinem Geburtstag vom Papa eine Geschichte erzählt bekommt über Robby, der Räubersein erlernen will im Wald, der auf Zauberer, Räuber, Fee trifft, und der Film taucht für eine gute Stunde ein in diese Gutenachtgeschichte. Die mit einem Schock anfängt: Weil Robby seine kleine Schwester vor dem Supermarkt kurz stehenlässt und sie dann verschwunden ist. Er läuft davon, in den Wald, trotz der Pilzfrau, die ihn warnt und hereinlegen will. Dort, im Wald, will der Zauberer sein Freund sein, zeigt ihm Meerschweinchen - die vielleicht verwandelte Kinder sind? - und verspricht, ihm zu helfen: Er versetzt sich in Robbys Körper und sucht so dessen Schwester. Ein ellenlanger Vertrag wird aufgesetzt, Robby unterschreibt - und ist vom fiesen Zauberer kräftig verar... äh: veräppelt worden. Denn der wollte lediglich in Robbys Kindheit schlüpfen, weil er selbst nie eine hatte, will bei dessen Mutter wohnen und von ihr leckere braune Soße zu Rouladen serviert bekommen.

Der Räuber, der nicht so richtig lesen und schreiben kann, hilft dem verzweifelten Robby notgedrungen. Er ist eigentlich ein guter, auch wenn er "Scheiße" und "Arsch" sagt. Robby geht in die Räuberlehre, mit dem Ziel, dem Zauberer den verfluchten Vertrag abzuluchsen. Doch huch: zu spät, bei Vollmond werden schwuppdiwupp die Körper getauscht...

Ein großer Spaß ist der Film, mit sichtlichem Spaß gedreht, sehr spontan, sehr direkt, mit äußerst beweglicher, aber nicht beliebiger Kamera gedreht. Die kleinen Mittel der Ranisch-Eigenproduktion - Kosten im niederen fünfstelligen Bereich - sind sichtbar, werden aber vom Charme des liebevoll Selbstgemachten mehr als wettgemacht. Zumal die Kinder im Publikum ohnehin begeistert sind von den Tricks des Zauberers und von der Pfiffigkeit des Räuberpaares, aber auch von der Fee - Ranischs Großmutter, die man aus Dicke Mädchen kennt -, die durch den Wald geistert und dabei richtig leuchtet.

Etwas kompliziert vielleicht die Familienstrukturen, die der Film beschreibt - weil im unvermittelten Spiel eben nicht alles haarklein und genau erklärt wird; und für kleiner Kinder vielleicht ein wenig schwierig, die Sache mit dem Körpertausch auf Anhieb zu verstehen.

Dafür aber vermeidet der Film erfrischend direkt die Klischees: Tatsächlich überfallen der Räuber und Robby ein Pilzsammlerpaar, das gehört zum freien Diebesleben dazu. Und tatsächlich ergibt sich am Ende nicht das reine Happy End mit der heilen Familie - weil wir hier schon wieder in die Realität von Robbys Leben zurückgekehrt sind, ans Bett, wo der Vater die Gutenachtgeschichte erzählt, wenn er auch nicht in diesem Haushalt wohnt.

(Harald Mühlbeyer)