15 20/05

Youth

Ein nobles Hotel in den Schweizer Alpen bildet die Kulisse für Paolo Sorrentinos neuen und mit einiger Spannung (auch von mir) erwarteten Film Youth, der dem Oscar-Triumph von La grande bellezza - Die große Schönheit einen angemessenen Nachfolger bescheren sollte. Ästhetisch ist dieses Unternehmen sicherlich gelungen, zugleich aber markiert das neuen Werk aber auch einen Stillstand im Schaffen des Regisseurs und eine Hinwendung zum "style over substance"-Prinzip, das viele Kritiker bereits vorher bemängelten.


(Filmstill aus Youth, Copyright Gianni Fiorito)

Fred (Michael Caine) und Mick (Harvey Keitel) sind beide um die Achtzig und haben sich in ein nobles Hotel mit angeschlossenem Kurbetrieb zurückgezogen. Während der Komponist Fred seine aktive Karriere längst beendet hat, bereitet Mick gerade mit einem Team von Drehbuchautoren seinen mutmaßlich letzten Film vor, der noch einmal eine Summe seines Schaffens werden soll. Dann erscheint ein Abgesandter der britischen Königin und trägt Fred an, für die Queen noch ein letztes Mal ans Dirigentenpult zu treten, um seine "Simple Songs" zusammen mit einer berühmten Sängern vom Geburtstag von Prince Philipp darzubieten - doch der Komponist lehnt dieses ehrenvolle Ansinnen ab und muss sich fortan immer wieder mit dem hartnäckigen royalen Emissär auseinandersetzen, der natürlich nicht locker lässt. Als dann auch noch seine vom Liebeskummer geplagte Tochter Leda (Rachel Weisz) in dem Hotel auftaucht, das neben den beiden älteren Herren einen jungen Schauspieler (Paul Dano), ein schweigsames Ehepaar, den echten Diego Armando Maradonna und etliche anderen skurrile Gäste beherbergt, ist es mit der vermeintliche Ruhe vorbei.


(Filmstill aus Youth, Copyright Gianni Fiorito)

Paolo Sorrentinos neuer Film erinnert in vielem an La grande bellezza - ihn allein deshalb als reinen Abklatsch des Oscar-prämierten Vorgängers abzutun, greift dennoch zu kurz. Denn es gibt neben dem spürbaren Altern des/der Protagonisten vor allem eine wesentliche Veränderung: War La grande bellezza noch ein Film des Schlenderns und Flanierens, der langsamen Bewegung also, gleicht Youth einem Stillstand, einem auf-der-Stelle-Treten - und zwar sowohl von der Dynamik der Bilder wie auch von jener der Emotionen. Und damit auch einem Stillstand oder gar einem Rückschritt im Schaffen von Sorrentino selbst.

Dieses Gefühl des Erstarrens liegt sicherlich auch an den beiden Hauptpersonen, die am Ende ihres Lebensweges angekommen sind. Fred Ballinger hat sich bereits zur Ruhe gesetzt, sein Freund Mick bereitet gerade seinen letzten großen Film vor, sein Testament, wie er sagt, mit dem er der Welt etwas hinterlassen will. Beide Männer sind um die Achtzig, blicken auf ein reiches und erfülltes Leben zurück und müssen sich nun mit ihrer Sterblichkeit auseinandersetzen und mit der Frage, ob sie nicht an manchen Wegkreuzungen doch die falsche Abzweigung genommen, die falschen Entscheiden getroffen haben. Die schwindende Schaffenskraft, die nachlassende Gesundheit, die nicht wiedergutzumachenden Fehler der Vergangenheit, sie lähmen und rauben ihnen jegliche Dynamik und beschränken ihren Blick vor allem auf sentimentale Rückblicke auf die Versäumnisse und Triumphe der Vergangenheit.


(Filmstill aus Youth, Copyright Gianni Fiorito)

Er leide unter Apathie, lässt Sorrentino Fred an einer Stelle sagen - und das trifft auch ziemlich genau das Gefühl, das sich beim Anschauen von Youth einstellt. Die ausgesuchten Dekors und die überaus artifiziellen Bilder, der Einsatz der Musik, die Körper, die nur Schönheit oder Hässlichkeit kennen, aber kein Dazwischen, keine Normalität: All das ist nicht nur schön anzuschauen, sondern auch ermüdend, weil sich dahinter kein Ziel verbirgt, keine Absicht - außer jener, möglichst gut auszusehen und zu klingen. Und so hat man stets das Gefühl, dass Sorrentino immer auf das nächste Bild, die nächste Komposition, den nächsten Aphorismus in den Dialogen hinarbeitet. Das wirkt auf Dauer recht eitel und selbstverliebt, als pures l'art pour l'art, als erstarrter Ästhetizismus, der in jeder Szene die eigene Genialität unter Beweis stellen will.


(Trailer zu Youth)

Dass Paolo Sorrentino ein überaus begabter Filmemacher ist, der wie kaum ein anderer Regisseur hier im Wettbewerb an der Croisette auf die hypnotische Macht der Bilder setzt und dass er völlig zurecht für den Kampf um die Goldene Palme programmiert wurde, ist ebenso klar wie die Feststellung, dass er im Laufe seiner Karriere einen ganz eigenen Stil (gleichwohl deutlich geschult am Werk Federico Fellinis) kreiert hat. Sich aber allein auf diese Brillanz zu verlassen, dürfte dieses Mal nicht ausreichen für Preise und Auszeichnungen, auch wenn sich im Palais de Festival Beifall und Buhrufe die Waage hielten und man auch bei den Kritiken mit extremen Ausschlägen in beide Richtungen rechnen muss.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Joachim Kurz)