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16 19/05

Warum Chloë Sevigny erst 40 werden musste, um Regie zu führen

Manchmal brauchen Menschen etwas länger, bis sie sich Dinge trauen, die sie sich insgeheim wünschen. In Cannes gaben das gleich mehrere Frauen zu, wenn es um ihren Wunsch ging, Regie zu führen. Chloë Sevigny ist eine von ihnen.


(Chloë Sevigny; Copyright: Maria Wiesner)

"Ich wollte schon lange selbst Regie führen, aber ich war immer zu unsicher, ob ich das auch hinbekomme", sagte sie bei einer Podiumsdiskussion der Women in Motion-Reihe in Cannes, die ihren Fokus auf Frauen im Filmgeschäft richtet. "Ich habe als Schauspielerin mit einigen großen Regisseuren zusammengearbeitet, echten Künstlern ihres Fachs, aber das hat mich nur noch mehr eingeschüchtert", gab sie freimütig zu. Erst vor kurzem habe sie diese Furcht überwunden: "Mit 40 habe ich mir dann gedacht: Was soll das eigentlich? Let's do it!"

Sevigny ist nicht die einzige Regisseurin, die lange mit sich haderte. Bereits zu Beginn des Filmfestivals in Cannes hatte Jodie Foster, die hier ihre vierte Regiearbeit Money Monster vorstellte, ähnliches berichtet. Als Kind habe sie Regie führen wollen, sagte sie. Da sie damals jedoch überhaupt keine Regisseurinnen kannte, dachte sie, es sei für Frauen unmöglich diesen Beruf zu ergreifen. Auch Sevigny erzählte von ihren Freundinnen im Filmgeschäft, die sich viele Jahre darüber beklagt hätten, dass es unglaublich schwer sei, als Frau dort gleichberechtigt zu arbeiten.

Sie selbst habe sich mehrfach bei Castings von Regisseuren sexuell belästigt gefühlt: "Ich sprach für eine Rolle vor, die sehr sexy sein sollte. Also habe ich mich etwas freizügiger angezogen und der Regisseur sagte zu mir, ich sei jung und solle meinen schönen Körper doch mehr zeigen und mal eine Nacktszene spielen." Das sei nicht das einzige Mal gewesen, dass Regisseure ihr beim Vorsprechen zweideutige Angebote gemacht hätten. "Einer fragte ganz eindeutig, was ich später noch so vorhätte. Ein anderer, ob wir nicht mal zusammen einkaufen gehen könnten. Ich könne für ihn Sachen anprobieren und vielleicht kaufe er mir etwas." Sie sei auf die Angebote nie eingegangen, habe aber auch die Rollen nie bekommen. Wer ihr die Angebote gemacht habe, darüber schwieg sie sich aus. "Niemand sagt in dem Geschäft etwas Böses über den anderen, denn man weiß ja am Ende nie, mit wem man noch zusammenarbeiten wird", so Sevigny.

Sie selbst finde es deutlich einfacher, mit Frauen am Set klarzukommen. "Die Kommunikation ist einfacher, man ist freier im Umgang miteinander  – obendrein sind Frauen ja gut im Multitasking, das hilft am Set sehr", sagte sie mit einem Augenzwinkern über dieses Klischee.

Sevigny, die mit 19 Jahren ihre erste Rolle in Larry Clarks Kids spielte, stellt in Cannes gerade ihre erste eigene Regiearbeit Kitty vor. Es ist ein Kurzfilm über ein Mädchen, das sich in eine Katze verwandelt. Über diesen Film habe sie in letzter Zeit viel mit der Presse gesprochen, erzählte Sevigny, und dabei habe sie einmal mehr den ungleichen Umgang zwischen Frauen und Männern im Filmgeschäft erfahren müssen. "Immer wenn ich über meinen Film gesprochen habe, wurde ich am Ende des Gesprächs gefragt, was ich denn eigentlich heute trage oder bei der Premiere des Films tragen werde", sagte sie und schüttelte den Kopf. "Bei einem männlichen Regisseur würde es niemandem einfallen, ihn zu fragen, was er anhat."


(Chloë Sevigny im Gespräch; Copyright: Maria Wiesner)

In den ersten 20 Jahren ihrer Karriere als Schauspielerin sei sie sehr frustriert über den Umgang mit der Presse gewesen. "Es war ja nicht so wie heute, wo jeder dank Apps wie Instagram die totale Kontrolle über sein Image hat. Es war sehr schwierig für mich, Fotos von mir machen zu lassen, mich da so auszustellen und mit den allgemeinen Schönheits- und Körperidealen messen zu lassen", bekannte Sevigny. Noch heute falle ihr das manchmal schwer. "Dann brauch ich einfach Abstand und muss erstmal eine Weile wieder ich selbst sein." Dazu wird sie aber erst nach den Filmfestspielen wieder Zeit haben. Dennoch machte sie während der Podiumsdiskussion in Cannes einen sehr entspannten Eindruck, scherzte mit dem Variety-Moderator und wirkte, als habe sie mit der Verwirklichung ihres Regietraums einen Punkt in ihrem Leben erreicht, an dem sie in sich ruhe.

Manchmal dauert es eben etwas länger, bis man sich etwas traut, von dem man heimlich träumt. In Cannes hat man dieser Tage den Eindruck, dass es gerade die Frauen sind, die derzeit den Sprung wagen, ihre Ängste überwinden und dabei Großes schaffen. Aber ich will ja gar nicht schon wieder anfangen, davon zu reden, wie großartig Toni Erdmann ist.

(Maria Wiesner)