14 15/05

Timbuktu

Vielleicht ist es ja die Vielfalt an visuellen Eindrücken, die hier in Cannes innerhalb und außerhalb des Kinos auf einen hereinprasselt (allein schon der morgendliche und abendliche Spaziergang entlang der Croisette ist eine Kakophonie der Bilder), die in mir manchmal den Wusch weckt, einfach für eine Weile die Augen zu schließen und einfach nur zu hören. Und manches Mal, das gestehe ich gerne, tue ich das auch für einen kleinen Moment im Dunkel des Saales. Nicht etwa, weil ich müde wäre, sondern um der Musik und der Tonebene zu lauschen, mich über sie zu ärgern und mich an ihr zu erfreuen. Und vielleicht wäre es mal ein Experiment, einen Film nur aufgrund der Tonspur zu lesen und allein anhand von dieser oftmals unterschätzten Komponente eine Prognose über den künstlerischen Wert zu erlangen; ein Urteil, das dann freilich bei einem zweiten Durchgang mit geöffneten Augen verifiziert oder falsifiziert werden müsste.


Still aus Timbuktu - Courtesy Festival de Cannes

Im Falle von Abderrahmane Sissakos Wettbewerbsbeitrag überwiegen bezüglich der Tonebene eindeutig die positiven Aspekte - doch es wäre ein großer Fehler, die Augen allzu lange geschlossen zu halten. Denn bei diesem Film wäre es wirklich schade um jedes einzelne der Bilder, das man versäumt. Das beginnt bereits ganz am Anfang, als eine Schar vermummter Männer mit Maschinenpistolen eine Antilope durch die karge Wüstenlandschaft jagen - in Zeitlupe und vor dem sandigen Hintergrund, über den das Tier vor seinen tumben Verfolgern flieht, nimmt sich der elegante Lauf eher wie eine Animation aus denn wie ein reales Bild. Am Ende des Films steht gleichsam als Rahmung eine ganz ähnliche Szene - mit dem Unterschied, dass sich das Ganze dann in eine Jagd auf Menschen transformiert.


Still aus Timbuktu - Courtesy Festival de Cannes

Im Zentrum des in Mali angesiedelten Films stehen der Hirte Kidane (Ibrahim Ahmed), seine Frau Satima (Toulou Kiki) und ihre Tochter Toya, die ein friedliches Leben führen. Doch das Land befindet sich in einem rapiden und brutalen Wandel: Zunehmend übernehmen heilige Krieger, so genannte Dschihadisten die Macht, fahren bis an die Zähne bewaffnet durch die Gegend, zerstören die uralte Kultur (symbolisiert durch Schießübungen auf Statuen heidnischen Ursprungs) und brüllen ihre neuen Gesetze mit Megaphonen heraus: Musik und Tanz sind ebenso verboten wie beispielsweise Fußball. Frauen, so wünschen es die neuen Machthaber, sollen Kopftuch, Strümpfe und Handschuhe tragen, während die Religionswächter selbst mit den neusten technischen Errungenschaften hantieren, schwerbewaffnet und mit Schuhen in die Moschee poltern und unverhohlen verheirateten Frauen nachstellen. Eigentlich, so meint man, sollten Kidane und seine Familie vor dieser Entwicklung durch ihre isolierte Lage in der kargen Wüstenlandschaft weitgehend geschützt sein, doch schließlich erreicht sie der lange Arm der Dschihadisten doch. Als Kidanes Nachbar, der Fischer Amadou, dessen Kuh mit den sinnigen Namen GPS tötet, kommt es zwischen den beiden Männern zu einem folgenschweren Streit, in dessen Folge sich ein Schuss löst, der Amadou tötet. Dieser Unglücksfall löst eine Kette von tragischen Ereignissen aus, die die Familie und mit ihr die friedliche Atmosphäre zerstören wird, die die Szenerie anfangs prägte.


Timbuktu - Clip (OF)

Der Auslöser für seinen Film, so bekennt der Regisseur in einem Director's Statement, sei ein wahrer Fall im Norden Malis gewesen, bei dem ein Mann und eine Frau allein aufgrund der Tatsache, dass sie nicht verheiratet waren, auf brutalste Weise gesteinigt wurden - eine Szene, die sich relativ kontextlos auch im Film wiederfindet und deren Drastik nachhaltig beeindruckt und verstört. Sein Ziel sei es, so heißt es dort weiter, die Augen der Öffentlichkeit auf eine Entwicklung in seinem Land zu lenken, die ebenso gefährlich sei wie in anderen Ländern, die mehr im Fokus der Aufmerksamkeit der Weltöffentlichkeit stünden. Mit Timbuktu ist dies Abderrahmane Sissako auf eindrucksvolle Weise gelungen - sein Schrei nach Gerechtigkeit und Respekt vor den Menschen und der Kultur des Landes bleibt nicht ohne tiefe und erschütternde Wirkung.

Nach einem erschreckend schwachen Auftaktfilm zum diesjährigen Festival von Cannes ist es beruhigend, dass mit Sissako und Leigh gleich zwei starke Anwärter auf die Goldene Palme den Reigen eröffnen; man hätte sonst fast schon auf falschen Gedanken kommen können.

(Joachim Kurz)