15 16/05

Rams

Es gibt Hundebesitzer, die gleichen sich den Tieren, die mit ihnen zusammenleben, auch äußerlich im Lauf der Jahre immer mehr an. Und ein ganz ähnliches Phänomen kann man auch bei den beiden Brüdern beobachten, von denen Grímur Hákonarsons Film Hrútar (Rams) erzählt, der in Cannes in der Reihe "Un Certain Regard" zu sehen ist: Sie sind zottelig wie die Schafe, die sie züchten, die Gesichter sind zugewuchert von grauen Bärten und manchmal stoßen sie sich die Hörner wie die Böcke, die hin und wieder aneinandergeraten.


(Filmstill aus Rams; Copyright: Sturla Brandth Grøvlen)

Denn Gummi (Sigurður Sigurjónsson) und Kiddi (Theodór Júlíusson) sind Brüder, leben Seit' an Seit' irgendwo im Norden Islands – und sind seit 40 Jahren Todfeinde. Beide betreiben eine Schafzucht, die auf die gleichen Ursprünge zurückgeht (auch das eint die Tiere und die Menschen in dieser Geschichte) und konkurrieren mit grimmigen Ernst um die Auszeichnungen des Züchterverbandes, bei denen der jüngere Kiddi denkbar knapp über seinen älteren Bruder triumphiert und diesen Sieg natürlich mit unverhohlener Häme feiert.

Dann aber findet Gummi ein totes Schaf seines Bruders und in ihm keimt ein Verdacht auf: Kann es sein, dass die Traberkrankheit (eine degenerative und ansteckende Erkrankung des Gehirns der Tiere) die Herde befallen hat? Als sich die Fälle häufen – nicht nur in Kiddis Herde, sondern in der ganzen Gegend –, schreitet die Tierärztin Katrin ein und ordnet die Notschlachtung aller Tiere an. Das Entsetzen ist groß, denn sehr viel mehr als ihre Tiere haben die Menschen hier nicht – die Tötung der Schafe bedeutet, dass ihnen von nun an die Existenzgrundlage fehlen wird. Also beginnen sich die Brüder zu wehren und kommen sich dabei näher, als ihnen lieb ist.


(Filmstill aus Rams; Copyright: Sturla Brandth Grøvlen)

Es ist eine beinahe archaische Welt, von der Hrútar (Rams) erzählt – und sicherlich ist es auch kein Zufall, dass der Film nach Of Horse and Men von Benedikt Erlingsson innerhalb kurzer Zeit das zweite Werk aus Island ist, das von der engen Verbindung von Mensch und Tier handelt. Schließlich gibt es in der dünn besiedelten Gegend mehr Nutztiere als Menschen. Und geht es den Schafen schlecht, ist es allein eine Frage der Zeit, bis auch die Menschen zu leiden beginnen. Also streben die beiden Brüder danach, dass es den Tieren an nichts fehlt. Dass die beiden nicht gebunden sind, verstärkt deren Fokussierung auf ihre Schafe gewiss noch. Und ganz ehrlich – selbst wenn es in dem rauen Landstrich Frauen geben würde, welche würde es schon mit zwei so zotteligen und sturköpfigen Schraten aushalten?

Irgendwo im Niemandsland zwischen Drama und Komödie angesiedelt und getragen vor allem von wundervollen Landschaftsbildern sowie viel Liebe und Zärtlichkeit für diese beiden Außenseiter erinnert Hrútar (Rams) mit seinem grimmigen Humor an andere Filme aus Skandinavien, bei denen es immer wieder um Einsamkeit geht. Die Weite des Landes und die Lebensfeindlichkeit der Natur scheint Themen und Motive wie diese geradezu zu befördern.


(Trailer zu Rams)

Dass der Film im Grunde eine ganz einfache Geschichte erzählt, die eher charakter- als plotgetrieben erscheint, passt bestens zu der Grundstimmung, die Hrútar (Rams) mit vielen Zwischentönen und scheinbar belanglosen Details vermittelt: Viel passiert nicht in der Gegend, in der Gummi und Kiddi ihren fast schon biblisch anmutenden Bruderkrieg austragen. Doch wenn etwas geschieht, dann wird es stets existenziell.

Am Ende werden die beiden Brüder wieder zueinander finden – was für eines der schönsten Schlussbilder sorgt, das man seit langem im Kino gesehen hat. Ob es das Ende bedeutet oder einen Neuanfang, ist ungewiss. Und dennoch trifft genau diese Uneindeutigkeit und Offenheit mitten ins Herz.

(Festivalkritik Cannes 2015 von Joachim Kurz)