16 16/05

"Paterson" von Jim Jarmusch

Es gibt jedes Jahr (mindestens) einen Film an der Croisette, der die versammelte Kritikerschar spaltet – Terrence Malick ist dafür ebenso ein sicherer Kandidat wie Lars von Trier oder Nicholas Winding Refn. Jim Jarmusch gehörte bislang eher nicht in diese Kategorie, doch nach dem mit schöner Einigkeit gefeierten Only Lovers Left Alive dürfte sich das mit seinem neuen Film Paterson geändert haben. Während viele Kritiker die stille poetische Kraft des Films feiern, können andere mit dem Erforschen des scheinbar Banalen und Alltäglichen nur wenig anfangen. Es folgt ein Geständnis – und Jarmusch-Fans müssen nun sehr tapfer sein: Ich gehörte der letzteren Gruppe an.


(Bild aus Paterson von Jim Jarmusch; Courtesy of Festival de Cannes)

Unterteilt in Wochentage, die von einem Montag bis zum nächsten Wochenbeginn reichen, erzählt der Film die Geschichte des Busfahrers Paterson (Adam Driver), der in einer gleichnamigen Kleinstadt in New Jersey seiner Routine nachgeht. Jeden Morgen erwacht er um die gleiche Uhrzeit neben seiner Ehefrau Laura (Golshifteh Farahani), frühstückt, nimmt stets den gleichen Weg zur Arbeit, verrichtet dort mit ruhiger, routinierter Gelassenheit seinen Job, kehrt nach Hause zurück, wo er stets den Briefkasten in Schieflage vorfindet und ihn dann wieder in die korrekte vertikale Lage bringt. Dann folgt das Abendessen, der Spaziergang mit der britischen Bulldogge Marvin, der immer in die gleiche Kneipe führt, zu den gleichen Menschen, mit denen er sich dort unterhält, gefolgt von dem Weg nach Hause, wo er dann ins Bett geht. Dann: Ein neuer Tag, der einem fast identischen Ablauf folgt, variiert nur durch kleine Abweichungen, kaum merkliche Veränderungen, scheinbar unbedeutende Ereignisse und zwischenmenschliche Begegnungen, die manchmal die Dramen des Lebens widerspiegeln, dann wieder lediglich amüsante Einsprengsel sind. Was aber macht dieses ruhige, zufriedene Leben bemerkenswert, was macht es zu einer Geschichte, die es sich zu erzählen lohnt? Jim Jarmuschs Antwort auf diese Frage ist einfach – fast so einfach wie der gesamte Film: Es ist die Poesie – und das gleich in zweierlei Hinsicht. Paterson ist nämlich ein Dichter, ein Poet des Alltäglichen, der während des Fahrens und in seiner Mittagspause an seinen kleinen Beobachtungen feilt, denen man als Zuschauer buchstäblich beim Entstehen zusehen kann, wenn sie sich auf der Leinwand fortschreiben.

Laura ist begeistert von den Gedichten, die ihr Mann mit ihr teilt. Und sie ist es auch, die schließlich den Impuls gibt, dass Paterson sich endlich überreden lässt, das kleine Notizbüchlein, in das er seine Poeme hineinschreibt, zu kopieren. Am Wochenende soll es dann endlich soweit sein, verspricht er ihr – und damit, so ist Laura fest davon überzeugt, steht seinem Durchbruch nichts mehr im Wege. Nur kommt es natürlich anders ...


(Ausschnitt aus Paterson)

Nach dem zwar ebenfalls umherdriftenden, aber dennoch ungemein faszinierenden Vorgänger Only Lovers Left Alive fühlt sich Paterson wie eine zenbuddhistische Übung in Langsamkeit, ritualisierter Wiederholung und Geduld an. Überhaupt kann man in Jarmuschs neuem Werk eine Vielzahl von Bezügen zu Philosophie und Lebensweisheit entdecken, die häufig jedoch genauso banal wirken wie Patersons Poeme, die sich gerne mal als Liebesgedicht ankündigen und dann zeilenweise über die Wahl der richtigen Streichholzmarke nachsinnen. Das ist zwar einerseits ein netter Verweis auf Limits of Control, andererseits aber bei aller Sympathie für den Hobbypoeten auch erschreckend banal. Gerade mit diesen Gedichten steht und fällt der ganze Film: Wer mit ihnen etwas anfangen kann und damit mit Paterson als Poeten, der beginnt im Laufe der Geschichte dessen Blick auf die Welt und all die vielen kleinen Zufälle, Dopplungen und Überlappungen als Beweis der Allgegenwart des Poetischen zu begreifen. Wehe dem aber, der die Schriftstücke für wenig gelungenes Selbsterforschungs- und Befindlichkeitsgeschreibsel hält, – für ihn löst sich der ganze Zauber im Handumdrehen in recht dünne Luft auf.


(Bild aus Paterson von Jim Jarmusch; Courtesy of Festival de Cannes)

Richtiggehend ärgerlich wird der Film allerdings, wenn es um Laura geht, der Jarmusch nicht sehr viel mehr zuzuschreiben weiß als eine fast schon manische Besessenheit für grafische Designs in Schwarz und Weiß, eine bizarre Vorliebe für ungenießbare neue Rezepturen, mit denen sie ihren still erduldenden Ehemann traktiert, und hochfliegende Pläne für eine Karriere als Countrysängerin. Lauras höchstes Glück scheint darin zu bestehen, mit dem Verkauf von selbstgebackenen Cupcakes ein hübsches Sümmchen zur Haushaltskasse beigetragen zu haben. Und nicht einmal diesen Triumph gönnt ihr Jarmusch: Weil sie zu diesem Zweck das Haus verlässt, setzt sich erst jene Katastrophe in Gang, die gleichbedeutend ist mit dem schnellen Ende der poetischen Karriere ihres Gatten. Vielleicht, so denkt man sich am Ende, war vielleicht doch Marvin das einzige Lebewesen, das in Paterson über einigen künstlerischen Weitblick verfügte. Für mich ist der Film jedenfalls die bislang größte Enttäuschung des bisherigen Wettbewerbs.

(Joachim Kurz)