11 23/05

Once Upon A Time In Anatolia

Wie der Beginn eines Märchens klingt der Filmtitel des Wettbewerbsbeitrages von Nuri Bilge Ceylan. „Es war einmal...“, so beginnen Erzählungen, die von magischen Welten berichten, von Erfahrungen im Konjunktiv, von fantastischen Vorkommnissen, hinter deren Fassade sich stets ein wahrer Kern verbirgt, eine Lehre, die sich auf unser eigenes Leben übertragen lässt.

Ein solches Märchen ist Nuri Bilge Ceylans Film Once Upon A Time In Anatolia aber nur teilweise. Denn während in den echten Märchen ständig etwas passiert, geschieht in Once Upon A Time In Anatolia nicht viel. Zumindest nicht auf den ersten Blick. 157 lange Minuten nimmt sich der Film Zeit, um von einem Staatsanwalt (Taner Birsel), einem Amtsarzt (Muhammet Uzuner), einem Kommissar (Yilmaz Erdoğan) sowie einem Trupp von Polizisten zu erzählen, die sich aufgemacht haben, um irgendwo im anatolischen Hinterland nach einer verscharrten Leiche zu suchen, die ein mutmaßlicher Mörder (Firat Taniş) hier verbuddelt hat. Der ist natürlich ebenso mit von der (Land)Partie wie sein zurückgebliebener Bruder. Allerdings verzögert sich das ganze Unternehmen und gerät zu einer regelrechten Odyssee, weil sich der Mörder über den genauen Ort, an dem sich die Leiche befindet, nicht mehr ganz so sicher ist. Und so wird die Suche nach dem Leichnam zu einem Puzzle, bei dem sich viele kleine Geschichten und Begegnungen zunehmend über die Suche nach der Wahrheit legen und bei dem die Figur des zur Untätigkeit verdammten Arztes immer mehr in den Mittelpunkt des Geschehens rückt.

Once Upon A Time In Anatolia besticht vor allem durch Nuri Bilge Ceylans Gespür für Stimmungen, bei denen im ersten Teil des Films, der solange dauert wie bei anderen Regisseuren ein komplettes Werk (nämlich 90 Minuten), vor allem das Dunkel der Nacht vorherrscht. Immer wieder durchzucken Blitze das Schwarz der Leinwand, entladen sich Gewitter über der Szenerie, in die der Regisseur den Zuschauer mit hineinzieht, als wäre man ein Mitglied jener Gruppe, die da durch die Nacht irrt. Wenn der Film dann zu Ende ist, dann fühlt sich das an, als sei man entweder aus einem langen und düsteren Traum erwacht oder habe einen mehrtägigen Höllentrip mit Unbekannten hinter sich gebracht. Auf jeden Fall aber wirkt der Film noch lange nach. Und erst mit der Zeit wird es einem gelingen, den Sinn der vorangegangenen Ereignisse zu entziffern. Ein langer und langsamer, manchmal fast medidativ-hypnotisierender Film, den man dennoch nicht so schnell vergisst – auch und gerade deswegen, weil man kaum sonst je die Gelegenheit im Kino bekommt, dem Warten, dem Verrinnen der Zeit - kurz: dem Leben - so nachzuspüren wie bei diesem Film.

(Joachim Kurz)