12 24/05

On the Road

Jack Kerouacs Roman On the Road gehört zu den wichtigsten Bücher der US-amerikanischen Literatur des 20. Jahrhunderts und wurde zum Kult der Beatnik-Generation, die nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges zuhause keine Ruhe mehr fand und die sich deshalb auf Reisen begab, um sich selbst zu finden. Die Romanfiguren entsprechen dabei den realen Protagonisten der Beat-Generation, was sich in Walter Salles' Verfilmung des Buches ebenfalls widerspiegelt. Sowohl das Buch wie auch der Film balancieren auf dem schmalen Grat zwischen Fiktion und (autobiografischer) Realität und bildet plastisch die unruhigen Zeiten nach dem Jahre 1945 nach.

Der Film erzählt weitgehend chronologisch von der Freundschaft zwischen dem wilden Dean Moriarty alias Neal Cassady (Garett Hedlund) und dem ruhigeren Sal Paradise alias Jack Kerouac (Sam Riley), die sich schon seit längerem kennen. Gemeinsam ziehen sie durch die Kneipen, diskutieren über das Leben und die Liebe, hören dem neuen und aufregenden Sound des Bebop und werfen alles an Drogen ein, was sie finden können. Während Sal davon träumt, eines Tages einen großen Roman zu schreiben, für den er sich unentwegt Notizen macht, sind Deans Freuden sehr viel konkreter bzw. fleischlicher: Er ist ein notorischer Weiberheld, der trotz seiner festen Freundin Marylou alias Luanne Henderson (Kristen Stewart) die Finger einfach nicht von anderen Frauen lassen kann und deshalb häufig in Bedrängnis gerät.

Immer wieder treibt es die Freunde, zu deren Kreis noch Old Bull Lee alias William S. Burroughs (Viggo Mortensen), Carlo Marx alias Allen Ginsberg (Tom Sturridge) und Ed Dunkel alias Al Hinkel (Danny Morgan) gehören, auseinander, doch vor allem zwischen Sal und Dean herrscht ein so festes Band der Freundschaft, dass sie sich immer wieder auf Reisen begeben, um möglichst viel Zeit miteinander zu verbringen und gemeinsam Erfahrungen jedweder Art zu machen.

Ehrlich gesagt hatte man sich gerade von diesem Film etwas mehr erwartet, denn immerhin gilt Walter Salles seit Central Station und Motorcycle Diaries als Experte in Sachen cineastische Reisebeschreibung. Dass Salles mit On the Road keinen wirklichen Rhythmus findet, wird besonders dann auffällig, als Sal und Dean gemeinsam einen letzten Trip nach Mexiko unternehmen. Hier scheint es fast so, als falle mit dem Überschreiten der Grenze der USA eine Last von Salles ab. Hier explodiert der Film förmlich, wird für einen kurzen Moment zu dem Rausch, den Salles zwar behauptet, aber viel zu selten wirklich zeigt.

Was Salles ebenfalls nicht gelingt ist, dass das Spezifische des Textes, die Verschränkung von Realität und Fiktion, das Visionäre und Rauschhafte in Bilder zu fassen, er versucht es noch nicht einmal. Howl von Rob Epstein und Jeffrey Friedman, der sich um das berühmte Gedicht Allan Ginsbergs dreht, hat dieses Unternehmen zumindest gewagt.

On the Road ist beileibe kein schlechter Film, doch als Hommage an die Beatnik-Generation bleibt er letzten Endes zu brav und auch zu wenig visionär.

(Joachim Kurz)