11 14/05

Michel Petrucciani

Michel Petrucciani war wirklich ein Pianist von außergewöhnlichem Format: Infolge seiner Glasknochen- Krankheit, unter der er von Geburt am litt, war er kaum größer als ein Kleinkind. Doch in seinem von Missbildungen und etlichen schlecht verheilten Knochenbrüchen gezeichneten Körper steckte wohl eines der größten musikalischen Talent des Jazz-Piano.

Der britische Regisseur Michael Radford (Il Postino) hat dem genialen Pianisten und exzentrischen Menschen einen Dokumentarfilm gewidmet, der das kurze und exzessive Leben des Michel Petrucciani nachzeichnet. Der Film spart dabei auch die negativen Aspekte des begnadeten Genies nicht aus, der ohne Rücksicht alles mitnahm, was sich ihm an Gelegenheiten bot - Drogen, Frauen, Alkohol und orgiastische Restaurantbesuche mitten in der Nacht.

Der Film lebt vor allem vom von der schillernden Persönlichkeit Michel Petruccianis und seinem brillanten Spiel, das sich durch eine unglaubliche Geschwindigkeit, hohes Improvisationsvermögen, eine traumwandlerische Musikalität und eine ungewöhnliche Technik auszeichnete. Die hat ihre Gründe auch in den anatomischen Besonderheiten des kleinwüchsigen Künstlers, der nur dank einer von seinem Vater gebauten Spezialvorrichtung überhaupt an die Pedalerie herankam. Andererseits glich er sein enormes Handicap durch vollen Körpereinsatz aus und nutzte die Besonderheiten seiner Physis geschickt aus.

Basierend auf Archivmaterial und Interviews mit Petrucciani sowie ausführlichen Gesprächen mit Verwandten, Freundinnen, Ex-Frauen und Musikerkollegen interessiert sich Radford nicht nur für die musikalische Karriere Petruccianis, sondern auch für dessen persönliche Entwicklung. Und die ist gottseidank ebenso schillernd wie sein enormes Talent. Problematisch ist allerdings der Umgang mit den zahlreichen "talking heads", die niemals eingeführt oder mit Unterschriften identifizierbar gemacht werden.

Dadurch gerät der Film mitunter zum mühsamen Puzzlespiel, bei dem die Konzentration des Öfteren eher darauf liegt, die Gesprächspartner, von denen man auf Anhieb nur Roger Willemsen kennt (dessen Noa Noa Film koproduzierte den Film), einzuordnen. Wären nicht die explosiven Klavierläufe, die den Film vor allem bei den Konzertausschnitten zum Swingen bringen, und die Freimütigkeit, mit der Petrucciani und seine Wegbegleiter von dessen Rücksichtslosigkeit gegenüber sich selbst und anderen erzählen, würde diese filmische Biographie eines bewegten und kurzen Lebens jedenfalls erheblich weniger bewegen.

(Joachim Kurz)