"Mal de pierres" von Nicole Garcia - Cannes Blog - kino-zeit.de - das Portal für Film und Kino
16 15/05

"Mal de pierres" von Nicole Garcia

Immer wieder krümmt sich Gabrielle (Marion Cotillard) vor Schmerzen, wenn zunächst unerklärliche Unterleibskrämpfe sie plagen. Bis dann schließlich ein Arzt die Ursache für ihre Pein diagnostiziert: Die junge Frau leidet unter der sogenannten "Steinkrankheit" (auf französisch "mal de pierres"), bei der sich in verschiedenen Teilen des Körpers harte Gebilde formen, die dann je nach befallener Körperregion zu unterschiedlichen Symptomen führen.


(Bild aus Mal de pierres von Nicole Garcia; Courtesy of Festival de Cannes)

Obgleich die Anfälle zeitweise sehr heftig sind, sind die Fremdkörper im eigenen Leib nicht das, was Gabrielle am meisten plagt. Der eigentliche Schmerz lastet auf ihrer Seele: In ihr brennt eine Leidenschaft, eine Sehnsucht nach einer vollkommenen, alles verschlingenden und bedingungslosen Liebe, die sie einfach nicht finden kann und die sie – ähnlich wie ihr Körper – in sich verschließt und verkapselt, bis sie wuchert und sich schmerzhaft in Erinnerung bringt.

Als die "Überspanntheiten" der fast schon erwachsenen Tochter deren Eltern zu viel werden, stellen sie diese vor eine Entscheidung: Entweder begibt sie sich in ein "gewisses Haus" – gemeint ist hier eine Psychiatrie –, in dem man "eine wie sie" richtig zu behandeln weiß. Oder sie stimmt der Alternative zu, die ihre Eltern für sie bereithalten, und geht eine arrangierte Ehe mit dem aus Spanien stammenden und vor Franco geflohenen José (Alex Brendemühl) ein, einem einfachen und sehr schweigsamen Mann, dessen Solidität Gabrielle wieder auf den richtigen, sitt- und gehorsamen Weg führen soll. Widerwillig und nur unter der Bedingung, dass sie keinen Sex mit José haben muss, lässt sich die junge Frau auf den Handel ein. Und obwohl sich José (im Rahmen seiner Möglichkeiten) auch Mühe gibt, bleibt die Ehe dennoch überschattet von Gabrielles verzehrender Sehnsucht. Dann bringt sie ein Kuraufenthalt zur Behandlung ihrer Steine mit dem im Indochina-Krieg verwundeten Soldaten André (Louis Garrel) zusammen, und sie glaubt, ihn ihm all das zu finden, was sie sich immer schon ersehnt hat.

Mal de pierres basiert lose auf dem im Jahr 2006 erschienenen gleichnamigen Roman von Milena Agus, der 2007 in Deutschland unter dem Titel Die Frau im Mond veröffentlicht wurde. Nicole Garcia hat für ihre Adaption einige nicht unerhebliche Änderungen vorgenommen: Statt auf Sardinien spielt die Geschichte nun im Süden Frankreichs, auch der Zeitraum, in dem die Geschichte spielt, wurde geringfügig verändert. Im Film wird der Soldat, in den sich die Protagonistin verliebt, statt im Zweiten Weltkrieg im Indochina-Krieg verletzt. Zudem wurde die gesamte Handlung auf einen dramatischen Wendepunkt hin entschlackt und gerafft.

Dank Nicole Garcias gelungener Regie und vor allem Marion Cotillards gewohnt großartigem Spiel gelingt es Mal de pierres über weite Strecken, als Melodram und Porträt einer freigeistigen Frau zu überzeugen, die in den rigiden Vorstellungen ihrer Zeit gescheitert ist. Allerdings wird am Ende beim entscheidenden Twist einiges zu sehr ausbuchstabiert, was man besser der Imagination des Zuschauers überlassen hätte. Nur: An Toni Erdmann, der hier bisher den Maßstab für alle im Wettbewerb der Filmfestpiele von Cannes vertretenen Filme gesetzt hat, reicht Nicole Garcias Geschichte einer unerfüllten Liebe natürlich bei weitem nicht heran.

(Joachim Kurz)